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Interview Lukas Hradecky "Zweimal im Jahr geht man halt K.o."

Eintracht-Keeper Lukas Hradecky über die Ängste eines Torwarts, seinen guten Einstieg in die Bundesliga und die weniger gute Platzierung der Eintracht.

„Ich habe gezeigt, dass ich in der Bundesliga mithalten kann“, sagt Lukas Hradecky. Foto: Stefan Krieger

Als die Frankfurter Rundschau den neuen Eintracht-Torwart Lukas Hradecky erstmals zum Interview gebeten hat, das war im August dieses Jahres, da sagte er über seine Ziele: „Ich möchte, dass die Menschen in Deutschland sagen: Eintracht Frankfurt hat einen guten Torwart. Das ist mein Plan.“ Dieser Plan ist aufgegangen.

Hradecky, 26, hat bisher einen hervorragenden Eindruck hinterlassen, er ist ein Glücksgriff. An ihm liegt es nicht, dass die Hessen so weit hinter ihren eigenen Erwartungen zurückliegen. Trainer Armin Veh lobt seine Nummer eins, nicht nur wegen seines offensiven Torwartspiels. „Er ist eine Persönlichkeit.“ Der Schlussmann ist fürwahr ein echter Typ, zudem offen, umgänglich und zuvorkommend.

Hradecky kam im Sommer für rund 2,5 Millionen Euro von Bröndby Kopenhagen. Der 25-fache finnische Nationaltorwart, im slowakischen Bratislava geboren und dort auch verwurzelt, kam in allen 14 Bundesligapartien zum Einsatz – fast immer überzeugte er.

Herr Hradecky, wollen wir das Interview in Deutsch oder in Englisch führen?
Ich habe ja damals bei meiner Vorstellung gesagt, dass ich in ein paar Monaten meine Interviews auf Deutsch geben werde. Also sollten wir es versuchen (lacht). 

Sie sprechen doch schon sehr gut, sind Sie selbst zufrieden?
Ja, es ist so ähnlich wie Dänisch, einige Wörter sind fast gleich. Das hat es einfacher gemacht. Ich bin schon total drin in der deutschen Sprache. Am vergangenen Montag rief mich mein alter Trainer von Bröndby an, um sich zu erkundigen, wie es mir geht. Da sind mir doch tatsächlich einige dänische Vokabeln nicht mehr eingefallen. Mein Kopf denkt jetzt auf Deutsch. 

Wie haben Sie Deutsch gelernt?
Ich hatte ja früher schon in der Schule Deutsch, und jetzt lerne ich die Sprache durch den Umgang mit den Mannschaftskameraden.

Aber Sie müssen ja schon ein gewisses Sprachtalent haben.
Ja, Sprachen sind mir immer leicht gefallen, schon in der Schule. 

Sind Sie angekommen in Frankfurt, haben Sie sich gut eingelebt?
Absolut. Ich wohne in Sachsenhausen, Frankfurt erinnert mich an Turku, meine Heimatstadt in Finnland, dort fließt auch ein Fluss mitten durch die Stadt. Frankfurt ist eine internationale Stadt, ich fühle mich heimisch, es ist wie zu Hause in Finnland. Ich habe auch schon drei Landsleute kennengelernt, Eishockeyspieler, zwei spielen in Bad Nauheim, einer bei den Löwen. Wir treffen uns ein-, zweimal in der Woche. 

Und sportlich?
Für mich persönlich ist es gut gelaufen: Ich bin die Nummer eins geworden, ich habe, glaube ich, auch gute Leistungen gebracht. Ich habe gezeigt, dass ich in der Bundesliga mithalten kann. Für uns als Mannschaft läuft es nicht wie erhofft. Unsere Platzierung in der Tabelle ist nicht so gut, und wir haben auch das eine oder andere nicht so gute Spiel gemacht. Wir müssen uns verbessern.

Hat es Sie überrascht, dass Sie sich so schnell anpassen und auch durchsetzen konnten?
Ich habe mir ja schon vorher Gedanken gemacht. Und ich wusste eigentlich, dass ich gut genug bin für die Bundesliga. Ich musste es dann halt auf dem Platz noch beweisen. Das ist mir ganz gut gelungen. Vielleicht ging dieser Prozess schneller als gedacht, aber ich wusste schon, dass ich auf einem ganz guten Niveau bin.

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Was sind denn die Unterschiede zwischen der Bundesliga und der dänischen Liga?
Für einen Torhüter ist der Unterschied nicht so groß. Natürlich gibt es hier super Spieler, die besser sind. Aber im Großen und Ganzen hat sich für mich nicht viel verändert. 

Sie wollten unbedingt in die Bundesliga. Dabei zieht es viele Skandinavier doch eher nach England. Weshalb Sie nicht?
In England gibt es viele große Torhüter, die aber im Spiel ihre Füße nicht so einsetzen. Das liegt mir ganz gut, und deshalb wollte ich in die Bundesliga. Das war mein Ziel, das war mein Traum. Ich bin froh, dass es geklappt hat. 

Und das ist der Grund, weshalb Sie nicht auf die Insel wollen?
Es gibt irgendetwas, was mir da nicht gefällt. Ich kann nicht genau sagen, was es ist. Aber es zieht mich dort nicht hin. Wenn sich später mal eine Gelegenheit bieten würde, in die Premier League zu wechseln, würde ich mir das aber sicher anhören. Aber momentan nicht. Hier hat man doch sowieso alles, was man braucht: Wiener Schnitzel und gutes Bier (lacht).

Wie unterscheidet sich die Eintracht-Mannschaft von Ihrem alten Team in Dänemark?
Als ich hierher kam, habe ich direkt gesehen, dass unsere Mannschaft Qualität hat. Mehr Qualität als die Teams, in denen ich früher gespielt habe. Deshalb bin ich wirklich überrascht, dass wir in der Tabelle da stehen, wo wir momentan stehen. Wir hatten ja einen guten Start.

Aber woran liegt das?
Gute Frage. Ich weiß es nicht. Viele haben zu mir gesagt, das ist eine der besten Mannschaften, die Eintracht in der jüngeren Vergangenheit hatte. Aber wir tun uns schwer, es umzusetzen.

Also ist es eine Kopfgeschichte? Eine mentale Blockade?
Auf dem Papier und mit den Füßen sind wir gut, da können wir es. Aber wenn dann ein paar Niederlagen kommen, geht der Kopf nach unten, dann fällt alles schwerer. Man muss an der Situation wachsen, um wieder herauszukommen.

Gibt es irgendein Rezept, um aus der Spirale des Misserfolgs auszubrechen?
Ich mache mir keine großen Gedanken auf dem Platz. Ich spiele mein Spiel. Und ich denke ohnehin, dass man da selbst rauskommen muss. Wenn man in der Bundesliga spielt, sollte man wissen, wie man aus so einer Situation wieder herauskommt. Das gehört zum Profisport dazu. 

Die Mannschaft ist schwer zu greifen. Immer, wenn man denkt, sie hat sich gefangen, kommt ein Rückschlag. Weshalb ist das so?
Das ist wirklich komisch. Gegen Bayern und in Hoffenheim haben wir gut gespielt, gut verteidigt, kompakt gestanden. Und gegen Leverkusen spielen wir wieder so einen Mist. Und wir haben auch Pech. In Hoffenheim haben wir ein reguläres Tor abgepfiffen bekommen, das zweite Tor gegen Leverkusen war Abseits. Es gibt einige Situationen, die nicht für uns laufen. Aber das ist keine Entschuldigung.

Uns ist aufgefallen, dass Ihre Abwürfe lange nicht mehr so schnell und durchaus auch mal riskant durch die Mitte kommen. Ist das auch der Verunsicherung geschuldet?
Wir sind in einer Situation, in der man seine Mitspieler besser nicht in schwierige Situationen bringt. Da ist kein Platz für Risiko.

Aber gegen Leverkusen fiel so ja ein Gegentor.
Ja, das war alles andere als gut von mir, dass ich Medo (Slobodan Medojevic; Anm. d. Red.) in so eine Situation gebracht habe. 

Weshalb können Sie eigentlich als Torwart so gut Fußball spielen?
Ich habe ja alle Sportarten gemacht, aber beim Fußball war ich der schlechteste Spieler auf dem Platz. Beim Eishockey habe ich immer meine Tore gemacht, beim Fußball ging gar nichts. Also habe ich mich entschieden, ins Tor zu gehen, denn Fußball war meine große Leidenschaft. Da war ich so acht, neun Jahre alt. Und dann habe ich immer mit meinen Brüdern trainiert und gelernt, meine Füße zu benutzen (lacht).

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Wie nimmt man als Mitspieler solch einen schlimmen Trainingsunfall wie den von Johannes Flum wahr?
Wir Torhüter standen zum Glück auf dem anderen Platz. Ich wollte nichts davon sehen oder hören. Für Flumi tut es mir leid, er hat zwar nicht so viel gespielt, aber er war nahe dran. Er ist guter Typ, in der Kabine ein wichtiger Mann. Ich hoffe, dass er bald wieder Fußball spielen kann. 

Grübelt man dann automatisch, was der Sport für Risiken birgt, beginnt man nachzudenken?
Das sollte man nicht. Wenn man so denkt, passiert es erst recht. Im Training gibt es schon mal Situationen, in denen ich nicht voll durchziehe, sondern eher wegbleibe. Ich kassiere dann im Training lieber ein Tor, als eine schwere Verletzung zu riskieren. Das ist, glaube ich, aber ganz normal.

Darf ein Torhüter überhaupt Angst haben?
Eigentlich nicht. Aber ich verrate Ihnen etwas: Wenn ich in diese Eins-gegen-Eins-Situationen gehe und meinen Körper so groß wie möglich mache, meine Arme und Beine spreize, dann schließe ich meine Augen und hoffe, dass der Ball nicht ins Tor geht, sondern mich irgendwo trifft, wo es mir nicht so wehtut. Zweimal, vielleicht auch dreimal im Jahr, bekommt man den Ball zwischen die Beine, dann geht man halt K.o. (lacht). Aber das gehört dazu, das ist unser Beruf. Ein kleines bisschen Angst ist vielleicht dabei. 

Sie sind ja in Frankfurt schon die Spinne genannt worden, weil Sie Arme und Beine so weit von sich strecken. Dann erzählen Sie doch bitte mal, wie das ist, wenn ein Stürmer auf Sie zukommt: Dann gehen Sie raus, vergrößern Ihren Körper und hoffen, den Ball irgendwie zu erwischen?
So kann man es sehen. Dieses Torwartspiel habe ich mir in Finnland schon angeeignet. Es gibt andere Torhüter in der Bundesliga, die das ähnlich machen, Ralf Fährmann von Schalke 04 etwa. Ein paar Bälle habe ich so schon halten können,  gegen den FC Augsburg oder auch jetzt am vergangenen Samstag in Mainz. Beim Leverkusener Chicharito hat es nicht geklappt, da ging der Ball durch die Beine. Das passiert dann halt auch manchmal.

Wie ist Ihr Standing in der Mannschaft? Trainer Armin Veh lobt Sie als Leadertyp, als Führungspersönlichkeit.
Am Anfang hält man sich ja erst mal zurück. In Bröndby war ich ein Führungsspieler, der seine Meinung gesagt und seinen Mund aufgemacht hat. Mittlerweile glaube ich, dass ich mir so viel Respekt erarbeitet habe, dass ich auch hier etwas sagen kann. Auch in Deutsch. Denn es sprechen nicht alle Spieler Englisch. 

Spüren Sie eigentlich, dass jetzt ein Derby gegen Darmstadt 98 ansteht? Oder bekommen Sie das als Finne in einer für Sie noch fremden Stadt gar nicht so richtig mit?
Doch. Das spürt man überall. In Kopenhagen hatten wir auch heiße Derbys, da mussten die Spiele immer mittags um 13 oder 14 Uhr angepfiffen werden. Die Polizei wollte nicht, dass es in der Dunkelheit stattfindet. Und hier merkt man es jetzt auch, über dieses Spiel wird mehr gesprochen als über andere. Und die Fans haben uns auch noch mal gesagt, dass wir am Sonntag einfach gewinnen müssen. Müssen mit einem großen M übrigens.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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