Lade Inhalte...

Interview Kaan Ayhan „Ich wusste natürlich, dass das hier kein Selbstläufer wird“

Verteidiger Kaan Ayhan über Heimweh, schwere Entscheidungen, witzige Cousins und den kleinen Unterschied zwischen Schalke 04 und Eintracht Frankfurt.

Foto: Stefan Krieger

Kaan Ayhan, 21, kommt zu spät zum verabredeten Interview. Aber er hat vorher angerufen. Staus auf dem Weg vom Westend in die Arena haben ihn aufgehalten. „Frankfurt ist viel größer als Gelsenkirchen“, hat der Deutsch-Türke da wieder gemerkt. Dreimal größer sogar. Das Interview findet dann nach dem Training statt.

In Frankfurt fühlt sich der gebürtige Gelsenkirchener mittlerweile richtig wohl. Es ist das erste Mal für den Innenverteidiger, dass er seine Geburtsstadt verlassen hat. Nicht ganz freiwillig: Aber beim FC Schalke 04 unter Trainer André Breitenreiter steckte der türkische Nationalspieler in einer Sackgasse, er kam nicht voran und nur zu einem Minieinsatz. Bei der Eintracht, so sein Ziel, wollte er endlich wieder mehr Einsätze - „am liebsten würde ich alle 17 Spiele machen“, hat er bei seiner Vorstellung gesagt. Das klang kämpferisch, aber bisher spielte er bei den Hessen auch noch keine Minute. Kaan, ein alter türkischer Name, bedeutet übrigens: „Herrscher, Befehlshaber, Kaiser“.

Herr Ayhan, Sie haben 21 Jahre in Gelsenkirchen gelebt, davon bald 17 Jahren für Schalke 04 gespielt. Jetzt sind Sie gut vier Wochen in Frankfurt. Gab es schon ein bisschen Heimweh?
Das gehört mit zu meinen Beruf. Es gibt Spieler, die haben schneller Heimweh als ich. Mir tut dieser Tapetenwechsel ganz gut, und es ist auch nicht so, dass ich jeden Tag in Gelsenkirchen sein muss. An den freien Tagen versuche ich allerdings schon, meine Familie und Freunde daheim zu besuchen.

Aber Frankfurt ist ja auch nicht so schlecht.
Klar. Frankfurt ist wirklich eine schöne Stadt. Viel größer auch als Gelsenkirchen (lacht). Und bisher fühle ich mich sehr wohl hier. Ich bin Fußballer und dazu gehört halt auch, dass man den Klub wechselt.

Dennoch muss es Ihnen doch schwergefallen sein, das Vertraute in Gelsenkirchen zu verlassen?
Am Anfang schon. Aber als die Entscheidung getroffen war, war es auch gut. Ich konzentriere mich jetzt auf Frankfurt. Und es ist beileibe nicht so, dass ich sage: Wäre ich nur bei Schalke geblieben.

Und dann treffen Sie am ersten Arbeitstag in Frankfurt gleich am Flughafen die alten Kollegen aus Schalke, die am Nachbarschalter nach Orlando einchecken.
Ja, das war schon ein schöner Zufall. Aber, wie ich schon sagte: In dem Moment der Entscheidung für Frankfurt war Schalke zumindest für dieses halbe Jahr beiseite gelegt.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

Was ist denn Heimat für Sie? Gelsenkirchen, Deutschland, die Türkei?
Meine Verbindung zur Türkei ist riesengroß. Aber: Ich bin in Gelsenkirchen geboren, bin dort zur Schule gegangen, meine Freunde leben da. Ich bin Gelsenkirchener, 17 Jahre habe ich für Schalke gespielt. Ich sage mal: Meine Heimat ist Gelsenkirchen und meine Wurzeln liegen in der Türkei.

Die Türkei kennen Sie aber im Grunde nur aus Sommerurlauben?
In den Ferien ist es ein Muss, in die Türkei zu reisen. Die Familie zu besuchen, steht an erster Stelle. Dann spiele ich ja noch für die türkische Nationalmannschaft, da bin ich oft auf Lehrgängen in der Türkei.

Sind Sie nicht hin-und hergerissen zwischen beiden Kulturen?
Das ist für Außenstehende vielleicht schwer zu verstehen: Man kann in beiden Kulturen zu Hause sein. Ich bin in Gelsenkirchen groß geworden, aber die Mentalität habe ich aus der Türkei mitgenommen. Und wenn die ganze Familie zusammen ist, dann bin ich ein Teil davon, dann bin ich ein Türke, da reden wir alle Türkisch....

....aber Ihr Türkisch soll schlechter sein als ihr Deutsch.
Ja, das stimmt.

Und sagt dann nicht mal die Oma: „Mensch, Kaan, Dein Türkisch könntest du mal aufbessern“?
Die Oma nicht, aber Cousins haben schon mal Witze darüber gemacht. Ich versuche schon, bei der Nationalmannschaft nicht Türkisch mit deutschem Akzent zu sprechen. Und inzwischen bekomme ich auch Lob für mein Türkisch.

Sie haben sich, obwohl Sie fast alle deutschen U-Auswahlmannschaften durchlaufen haben, für die türkische Nationalmannschaft entscheiden. Warum?
Ich war bis zur U 18 beim DFB. Ich hatte aber nie richtig Zeit, mir klar zu werden, wohin ich gehöre. Ich habe mir Meinungen eingeholt, bei Freunden, meiner Familie, und schließlich für mich entschieden, dass der Schritt zur türkischen Nationalmannschaft der richtige sein wird. Und das hat sich jetzt auch alles so bestätigt. Aber ich habe weiterhin beide Pässe, den deutschen und den türkischen.

Die Europameisterschaft im Sommer in Frankreich ist für Sie sicher ein Thema?
Klar, ich war ja schon bei einem Freundschaftsspiel im Kader und zu Lehrgängen eingeladen. Und die Hoffnung ist natürlich da, bei der EM dabei sein zu dürfen. Es wäre das Größte für mich, mit 21 Jahren in Frankreich dabei zu sein.

Dazu sollte Sie aber regelmäßig in der Bundesliga spielen?
(lacht) Aha, jetzt wird es ernst.

Das war ja der Grund Ihres Wechsels zur Eintracht: Sie wollte häufiger spielen als auf Schalke, am liebsten alle 17 Spiele machen, sagten Sie bei Ihrer Vorstellung Anfang Januar.
Stimmt. Aber wir sind auch gut in die Rückrunde gestartet. So lange es so gut läuft, gibt es aus Sicht des Trainers ja keinen Grund zu wechseln. Aber er weiß, dass ich jederzeit bereit bin.

Das ist für Sie jetzt nicht gerade optimal.
Klar würde ich als Spieler gerne ins Team reinrutschen. Aber ich weiß natürlich auch, dass ich Geduld und die Zeit brauche. Ich merke, dass ich mit jedem Tag besser ankomme. Das wichtigste ist, dass ich mich im Training steigere und dass ich die Automatismen verinnerliche.

Aber man macht sich als Spieler doch auch so seine Gedanken: Jetzt fällt für Samstag Verteidiger David Abraham aus, Marco Russ hat bisher im defensiven Mittelfeld gespielt. Und es sieht so aus, als ob Russ in die Innenverteidigerposition rückt. Das wäre doch genau Ihre Position?
Ich versuche, da nicht zu viel hinein zu interpretieren. Ich hatte Mitte dieser Woche ein kurzes Gespräch mit Trainer Veh, in dem er mir sagte, lieber mal linker Innenverteidiger zu spielen, weil Carlos Zambrano ja rechts spielt. Das letzte Wort ist bei der Aufstellung noch nicht gesprochen. Aber wenn es jetzt nicht klappt, dann ist mein Ziel, 14 von 14 Spielen zu machen. Ich bleibe geduldig, auch wenn ich lieber gestern als heute loslegen möchte.

Lesen Sie bitte weiter auf der nächsten Seite.

Neuzugang Änis Ben-Hatira hat gesagt, er sei überrascht gewesen über die Spielstärke der Eintracht. Gibt es denn fußballerisch große Unterschiede zwischen Schalke 04 und der Eintracht?
Gibt es schon. Als Schalke ist man in den meisten Spielen der Favorit. Entsprechend stellen sich die Gegner auf einen ein und hinten rein. In Frankfurt ist das Spiel eher offen. Im Training allerdings gibt es kaum Unterschiede. Dennoch: Schalke ist ein Champions- League-Anwärter und mit der Eintracht stecken wir momentan im Abstiegskampf. Deshalb kann man Schalke schlecht mit Frankfurt vergleichen. Jeder weiß im Klub doch, dass die Eintracht noch nicht so weit ist wie Schalke. Aber wir sind nach vier Punkten in diesem Jahr auf einem sehr guten Weg.

Sie haben auf Schalke in der Hinrunde nur eine Minute gespielt. Was lief da verkehrt?
Zur Sommervorbereitung unter André Breitenreiter kam ich direkt aus der Reha. Ich hatte unter Di Matteo wegen einer Kapselverletzung die letzten Partien nicht gemacht. Und dann war immer Roman Neustädter vor mir, der seine Sache auch gut gemacht hat.

Unter den vormaligen Trainern Jens Keller und Roberto Di Matteo haben Sie häufig gespielt, unter Breitenreiter nicht....
....ach, ich will das nicht am Trainern festmachen. Klar ist: Ich hätte gerne häufiger für Schalke gespielt. Das hat nicht geklappt. Das liegt aber alles in der Vergangenheit. Ich schaue nach vorne. Und wenn ich nächste Woche nicht spiele, dann versuche ich, dass es die Woche darauf klappt. Ich wusste natürlich, dass das hier kein Selbstläufer wird. Für Außenstehende sieht es vielleicht so aus, als ob es gerade harkt; für mich gehört das zu einem ganz normalen Prozess dazu. Ich bin zu 100 Prozent davon überzeugt, dass ich aus dieser Zeit lernen kann, egal, auf wie viele Einsätze ich am Ende dieser Saison kommen werde.

Sie gelten auch als guter Freistoßschütze. Das ist doch für einen Innenverteidiger eher selten, mit Ausnahme des Wolfsburgers Naldo vielleicht.
Das hat womöglich damit zu tun, dass ich eigentlich immer Mittelfeldspieler war und deshalb auch Freistöße geschossen habe. Erst in meinem letzten Jahr in der A-Jugend und unter Jens Keller habe ich Innenverteidiger gespielt. Dadurch ist vielleicht der Eindruck entstanden, ich sei gelernter Innenverteidiger.

Wo fühlen Sie sich auf dem Platz denn am wohlsten?
Am liebsten im Zentrum. Das kann als Innenverteidiger sein oder auf der Sechs. Die meiste Zeit in meinem bisherigen Fußballerleben habe ich im defensiven Mittelfeld gespielt, dort sehe ich mich auch. Das vergisst man nicht so schnell.

Ihre Vorbilder sind Steven Gerrard und, wenn Sie in der Verteidigung spielen, John Terry. Weil Sie sie gut finden, oder weil sie Ihren Vereinen auch immer die Treue gehalten haben?
Die Vereinstreue war nicht der Grund, weshalb ich mir die beiden zum Vorbild genommen habe. Dann dürften sie jetzt auch nicht mehr meine Vorbilder sein (lacht). An Gerrard mag ich, wie er spielt und mit welcher Power er in ein Spiel geht. Das war für mich immer sehr inspirierend. Von ihm hatte ich in meinem Jugendzimmer Poster an der Wand hängen.

Interview: Thomas Kilchenstein

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum