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Interview Bruno Hübner „Wir sind ein Zugpferd“

Eintracht-Sportdirektor Bruno Hübner über den Fluch der guten Tat, zugeknöpfte Trainer, einen möglichen Verkauf von Publikumsliebling Lukas Hradecky und den Fall Alex Meier.

Bruno Hübner
„Hätten wir jetzt den Lauf aus der Vorrunde, würde jeder einen Trompetenumzug ums Stadion machen“, sagt Sportdirektor Bruno Hübner. Foto: imago

Bruno Hübner hat mit Eintracht Frankfurt schon eine ganze Menge erlebt, seit der heute 56-Jährige 2011 nach dem Abstieg an den Main wechselte. Aufstieg, Europa League, Trainerwechsel, Fast-Abstieg, zuletzt einen Wechsel auf Vorstandsebene – selten war es wirklich ruhig im Stadtwald. Der Sportdirektor wird auch nach sechs Jahren nicht müde, mehr Unterstützung aus der Wirtschaft einzufordern – sonst werde Eintracht Frankfurt keinen großen Sprung machen können. Für die FR nahm sich der Manager bei einem Milchkaffee aus der Eintracht-Tasse sehr viel Zeit, um seine Sicht der Dinge darzulegen.

Herr Hübner, nach der Länderspielpause ist vor der Englischen Woche mit Spielen gegen Gladbach, Köln und Bremen. Trennt sich da die Spreu vom Weizen?
Das gibt eine knifflige Woche, bei Gladbach sind viele Verletzte zurück, das ist eine komplett andere Mannschaft als zuletzt. Die Kölner haben, nachdem sie auf der Stelle getreten waren, die Kurve bekommen, dann kommt Bremen, die zuletzt 13 von 15 möglichen Punkten geholt haben. Das ist schon eine Woche, die uns fordert. Nach den drei Spielen wissen wir, wohin die Reise geht.

Wo schauen Sie in der Tabelle im Moment hin? Nach oben oder geht Ihr Blick nach unten?
Ich habe, aufgrund meiner Erfahrung und weil ich Respekt vor der Bundesliga habe, immer die gesamte Tabelle im Auge. Das verändert sich bei einer Serie ja so schnell. Schauen Sie sich Ingolstadt an: Wie gut die eigentlich spielen und wie wenig Punkte die haben. Ab Platz vier, fünf ist alles so dicht, da passiert binnen Kurzem so viel, da kann jeder jeden schlagen.

Nur bei Eintracht Frankfurt, so hat es den Anschein, wartet man noch etwas auf die Trendwende.
Warten wir mal ab, ob das HSV-Spiel nicht der Wendepunkt war. Unser Manko sind die vielen Verletzten: Marco Fabian hat Monate gefehlt, der fehlte uns richtig, Vallejo ist ausgefallen, jetzt ist uns „Hase“ (Makoto Hasebe; Anm. d. Red.) weggebrochen. Gerade sein Stellenwert für die Mannschaft ist enorm. Sportlich ist er   ein Verlust, schauen Sie sich nur die Standards an. Die ganze Woche werden Standards mit Hase eingeübt und dann fällt er am Morgen des Spieltages aus. Da ist ja fast eine komplette Trainingswoche hinfällig. Unser grundlegendes Problem ist: Wir schaffen es nicht, die Spieler auf den Platz zu bekommen, die in der Vorrunde unser Spiel getragen haben. Dadurch stimmen Laufwege, Abstimmung, Rhythmus nicht mehr. Wir sind kein eingespieltes Team mehr.

Das klingt eher danach, dass Eintracht Frankfurt es nicht schafft, unter die ersten sechs, sieben Plätze zu kommen, oder?
Ganz nüchtern betrachtet kann das passieren, ja. Natürlich hoffen wir, dass die Mannschaft die Ausfälle auffängt. Das heißt andererseits, dass die Spieler, die hintendran stehen, wieder in den Rhythmus kommen. Deshalb war die Länderspielpause für uns so wichtig: Die Rekonvaleszenten haben körperliche Defizite aufholen können. Doch wir müssen weiterhin aufpassen, dass wir mit dieser dünnen Personaldecke die notwendigen Punkte einfahren.

Punkte gegen den Abstieg sogar?
Der Sportlichen Leitung war immer bewusst, dass wir mehrere Ausfälle mit diesem Kader eigentlich nicht kompensieren können. Und da geht es nicht um Langzeitverletzte wie Medojevic, Varela, Anderson oder auch Russ. Wobei Russ hat das nach den ersten Minuten gegen Hamburg richtig gut gemacht: Er hat der Abwehr Ruhe gegeben, weil er nicht hektisch war.

Hätte man nicht in der Winterpause anders reagieren müssen? Es war ja abzusehen, dass Andersson verletzt ist, Russ nicht so bald kommt. Auch die Länge des Ausfalls von Fabian musste man einplanen.
Natürlich haben wird das gesehen. Aber ganz einfach: Wir hatten nicht die finanziellen Mittel, um nachzulegen. Und im Winter muss man immer doppelt und dreifach überlegen, wen nimmt man dazu, kann man solch einen Transfer finanziell überhaupt stemmen. Dann hätten wir wieder einen finanziellen Vorgriff auf den Sommer machen müssen, der uns dann eingeschränkt hätten.

Im Grunde leiden Sie jetzt unter dem Fluch der guten Tat. Die tolle Hinserie mit Platz drei nach 20 Spieltagen hat höchste Erwartungen geweckt, die sind kaum zu erfüllen, dann sieht ein zehnter, elfter Tabellenplatz fast schon enttäuschend aus.
Das haben wir uns auf der einen Seite hart erarbeitet. Auf der anderen Seite kriegen wir es jetzt um die Ohren gehauen. Hätte man diese kleine Krise am Anfang gehabt, hätte jeder gesagt, kein Problem, das ist der Umbruch. Und hätten wir jetzt den Lauf aus der Vorrunde, würde jeder einen Trompetenumzug ums Stadion machen. Natürlich wäre das toll, weiter auf einem Europa-League-Platz zu stehen. Wenn wir das nochmals erreichen könnten, wäre das schon außergewöhnlich.

Trainer Niko Kovac lässt nie locker, er hält die Mannschaft an der kurzen Leine  und fordert sehr viel von den Spielern. Könnte es womöglich sein, dass er das Team überfrachtet? Dass erste Abnutzungserscheinungen auftreten?
Das ist bei uns definitiv nicht so. Klar stößt das bei dem einen oder anderen nicht auf Gegenliebe, wenn du viel spielen musst, am Anschlag bist und die ganze Woche das geballte Programm hast. Aber das ist Profisport. Und jeder sagt am Ende der Woche, dass ihm das hilft, um weiterzukommen. Klar ist das ein schmaler Grat, das ist ganz normal. Aber die Mannschaft hört zu, sie nimmt das an. Da gibt es nullkommanull Abnutzungserscheinungen. Im Gegenteil.

Die Eintracht gibt sich so zugeknöpft wie nie zuvor, schottet sich ab. Es wird fast nur noch im Geheimen trainiert. Das war mal anders. Entfernt sich der Klub von der Basis?
Nein, das nicht. Aber man kann sicher über das Thema streiten. Wir werden uns Gedanken machen, ob wir uns nicht wieder ein Stück weit öffnen. Aber in der jetzigen Phase ist das wichtig, sich ein bisschen abzuschotten, um Spielzüge, Taktiken und Standards einzustudieren. Alle Vereine schicken Scouts zum Training, das ist Usus in der Bundesliga. Insgesamt wissen wir, dass das kein schönes Thema ist, weil wir ja auch ein Verein und eine Mannschaft zum Anfassen und Anfühlen sein wollen.

 

Und gleich noch ein unschönes Thema: Es gibt nicht wenige, die den Umgang mit Alexander Meier geißeln. Wie viel Gefahrenpotenzial steckt in dieser heiklen Personalie? Ist der Fall Meier kurz vorm Explodieren?
Ich habe da einen anderen Ansatz. Sehen Sie, es heißt schon seit ewigen Zeiten, die Eintracht bemühe sich nicht um einen Nachfolger für Alex Meier. Das tun wir aber doch. Man muss ja jemandem auch mal die Chance geben, in diese Lücke hineinzustoßen, und zwar über einen längeren Zeitraum. Sonst bleiben wir immer abhängig von Alex Meier, der ja auch nicht jünger wird. Es ist unsere Pflicht, einen Nachfolger für ihn aufzubauen. Uns deshalb ist diese Diskussion nicht zielführend.

Aber sie drängt sich ja förmlich auf.
Mag sein, aber es ist ja auch so, dass es die Stürmer, die hierher kommen, sehr schwer haben, weil alle an Alex Meier gemessen werden. Wir müssen diesen Spagat schaffen, auch mal einen aufzubauen neben Alex Meier. Und Alex muss das annehmen, als Kapitän diesen Weg positiv begleiten.

Dazu müsste man ihn ja mitnehmen und ihn nicht quasi demontieren.
Ich denke, wir nehmen Alex in allen unseren Überlegungen total mit. Er war schon vor der Saison eingebunden, wir haben den Vertrag verlängert, ein Abschiedsspiel zugestanden, einen Anschlussvertrag aufgesetzt. In Allen Sitzungen spricht Niko alle positiven und negativen Dinge an und gibt einen klaren Fahrplan, wie man die Dinge für die Zukunft positiv umsetzt. Und es gibt ja nichts ehrlicheres, als wenn man alle Spieler in so einen Prozess mit einbindet. Für uns ist das keine Baustelle.

Die Diskussion entzündet sich ja auch daran, dass der beste Torschütze draußen sitzt, während der für ihn aufgebotene Branimir Hrgota eine Chance nach der anderen versiebt.
Branimir hat schon Tore gemacht, hat schon welche vorbereitet, er arbeitet für die Mannschaft.

Herr Hübner, mit Verlaub: Vier Tore in neun Spielen, eins in den vergangenen sechs Spielen...
Natürlich haben wir ein Abschluss-Problem, deshalb ploppt so eine Diskussion auf, das ist doch ganz normal. Aber noch mal: Ich glaube, dass Alex Meier für uns eine echte Alternative wird, wenn er über einen längeren Zeitraum trainiert, körperlich in einem guten Zustand ist und auch mental fit wird. Für das Spiel, wie Niko es auslegt, war er jetzt nicht die erste Option. Aber das kann sich auch ganz schnell wieder ändern.

Hängt die generelle Zukunftsplanung auch davon ab, wo die Eintracht am Ende einläuft?
Ja, schon. Das ganze Geflecht Eintracht ist schwierig. Wir werden finanziell nur stärker, wenn wir sportlich besser werden. Aber sehen Sie: Wenn alles gut geht und wir uns sportlich verbessern, haben wir vielleicht zwei Millionen Euro mehr. Das ist unterm Strich ein Spieler, und der muss dann sitzen. Das ist ja alles andere als ein Quantensprung. Wenn Hannover und Stuttgart aufsteigen, haben beide Vereine mindestens genauso viele Möglichkeiten wie wir. Es wird immer enger. Deshalb gibt es bei uns immer Überlegungen, vielleicht einfach mal ein bisschen ins Risiko zu gehen.

Aber wo soll das Geld denn herkommen?
Ich würde mir wünschen, dass jemand aus dem Wirtschaftsumfeld in Frankfurt sagt: „Ich fühle mein Geld bei der Eintracht gut aufgehoben, sie haben in den vergangenen Jahren mit bescheidenen Mitteln viel erreicht. Jetzt will ich ihnen helfen, es macht viel Spaß mit der Eintracht, jetzt will ich was zurückgeben.“ Und wir sind ja ein Zugpferd in Frankfurt, die Stadt definiert sich auch ein Stück weit über die Eintracht. Und auch von den Zuschauerzahlen her stehen wir top da, an 19. Stelle in ganz Europa.

Aber es gibt ja Abflüsse, die vermeidbar gewesen wären. Die Konditionstrainer Christian Kolodziej und Michael Fabacher mussten abgefunden werden, die Rede ist da insgesamt von 700 000 Euro, zudem wird Ex-Trainer Armin Veh weiter bezahlt. Das ist ja auch Geld, das am Ende fehlt.
Die Zahlen werde ich nicht kommentieren. Aber mir geht es ja ums Grundsätzliche, mir geht es darum, die generelle finanzielle Situation zu verbessern. Das ist die große Schwierigkeit. Und auch die Erhöhung der Fernsehgelder wird uns nicht großartig voranbringen, weil das ja alle Vereine bekommen. Wir müssen unsere Einnahmeseite verbessern, und sei es durch einen strategischen Partner, ansonsten bleibt da viel Flickschusterei.

Sportvorstand Fredi Bobic deutete unlängst an, dass eine Vertragsverlängerung mit Leistungsträger Lukas Hradecky auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit sein wird.
Das könnte durchaus sein. Lukas Hradecky will seine Leistungen natürlich auch gewürdigt wissen. Ich habe aber die Hoffnung, ihn halten zu können, auch wenn wir uns mächtig strecken müssen. Aber wir brauchen ihn, er ist offen, ein richtig guter Typ, der gut ankommt. Wir würden wieder ein Gesicht verlieren, wenn er gehen würde.

Andererseits wollen Sie ja verhindern, dass Spieler ablösefrei gehen. Bei Haris Seferovic hat das nicht geklappt.
Nach seinem ersten Jahr hatten wir ein gutes Angebot. Das ist bekannt. Wir haben sportliche und wirtschaftliche Aspekte abwägen müssen und uns in seinem Fall sportlich entschieden, was richtig war, weil uns dann ja auch Kevin Trapp noch verlassen hat und wir nicht die Substanz zu sehr schwächen konnten. Hier muss man auch an Fans und Sponsoren denken, die sonst mit Recht sagen: „Ihr gebt jedes Jahr eure Leistungsträger ab, könnt ihr nicht mal einen halten?“ Und aus dieser Mühle herauszukommen, ist extrem schwierig.

Es gibt auch immer wieder einmal Gerüchte, dass Spieler wie Pirmin Schwegler oder Sebastian Rode zurückkehren könnten.
Pirmin ist hier als absoluter Führungsspieler weggegangen, das ist aber auch schon wieder ein paar Jahre her. Und bei Sebastian Rode würde das ja schon an den Gehaltsvorstellungen scheitern. Das ist unrealistisch. Ich kann verstehen, dass die Fans sich gerne an die guten Leistungen des Mittelfeldgespanns zurückerinnern. Das tue ich ja auch. In unserer Entscheidung dürfen wir Verantwortliche uns aber nicht durch vorrangig nostalgisches Gedankengut zu solchen Rückholaktionen verleiten lassen.

Und wie sieht es bei André Almeida von Benfica Lissabon aus?
Das ist ein Spieler, mit dem wir uns intensiv befasst haben, der vielseitig einsetzbar und der mit seinen 26 Jahren in einem interessanten Alter ist. Ob das finanziell abbildbar ist, ist eine andere Frage.

Also wird es wieder viele Leihspieler geben?
Das kann sein. Das ist ein Hilfsmittel, das ich in den nächsten Jahren immer als Option sehe.

Wie sieht es bei Jesus Vallejo aus?
Ich glaube, dass Real ihn erst mal zurückholen, mittrainieren lassen und dann entscheiden wird, ob sie ihn noch mal ausleihen oder behalten.

Aber es kann auch sein, dass Real ihn woanders hin ausleiht?
Natürlich. Fakt ist aber, dass Jesus klar strukturiert ist. Ich habe nicht viele Fußballer kennengelernt, die so klar sind und so genau wissen, was sie wollen. Er ist sehr, sehr weit. Und das mit 20. Das kann auch eine wichtige Rolle spielen. Er wird sich nicht einfach irgendwo hin verleihen lassen.

Und wie sieht es bei Ante Rebic aus?
Da liegt ja alles in unserer Hand. So, wie es aussieht, werden wir die Option ziehen. Dann ist unser Budget fast aufgebracht (lacht).

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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