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Interview Bruchhagen "Der Trainer hat den Hut auf"

Eintracht Frankfurts Vorstand Heribert Bruchhagen über die Verlockungen des Finanzmarkts im Fußballgeschäft und im privaten Bereich und die Chancen der Eintracht

18.06.2013 15:23
Heribert Bruchhagen: "Ich war eine integrative Kraft". Foto: imago sportfotodienst

Heribert Bruchhagen steht vor seiner elften Saison als Vorstandschef von Eintracht Frankfurt. Obwohl er im September 65 wird, will er noch drei weitere Spieljahre dranhängen.

Herr Bruchhagen, Ihr ehemaliger Verteidiger Maik Franz hat gerade darauf hingewiesen, dass es ohne Sauhunde im Fußball nicht geht. Hat er Recht?

Ich muss jetzt etwas vorsichtig formulieren. Wir sind leider mit Maik Franz im Kader abgestiegen, der Karlsruher SC zuvor und Hertha BSC danach auch. Die persönliche Wahrnehmung von Maik Franz und seine Art, Fußball zu spielen, ist sicherlich eine besondere.

Benötigt man Sauhunde in einer Mannschaft?
Nein, braucht man nicht.

Aber ist es nicht notwendig, dass Spieler auf dem Platz mal eine Botschaft rausgeben: Bis hierher, Freundchen, und nicht weiter?

Nein, die Sauhundigkeit eines Spielers mache ich lieber fest an einem echten Kerl wie Sebastian Rode, der mutig in Zweikämpfe geht und bereit ist, über die Willenskraft mehr zu mobilisieren, als man eigentlich erwarten kann. Willenskraft ist ein nicht messbares Gut im Fußball.

Waren Sie auf Ihre Art nicht auch ein bisschen Sauhund, als Sie beim DJK Gütersloh gestürmt und manchen Elfmeter herausgeholt haben?

Nein. Ich war viel mehr eine integrative Kraft. Das sehen Sie auch daran, dass ich in 20 Jahren nie den Verein gewechselt habe. Ich war gleichzeitig Zweitligaspieler, Mannschaftskapitän, Trainer und Lehrer am Gymnasium. Außerdem habe ich mich um Anzeigen fürs Stadionmagazin und Bandenwerbung gekümmert. Ich war also frühzeitig in der Verantwortung. Auch später als Trainer hatte ich multifunktionale Aufgaben, unter anderem die, Spieler zum Verbleib im Verein zu bewegen.

Für die Anzeigen und Banden haben Sie sich sicher eine Provision auszahlen lassen?

Als Spieler ja, als Trainer dann nicht mehr.

Wie haben Sie als ehemaliger Trainer Ihren Spieler Sebastian Rode bei der Niederlage gegen Spanien bei der U21-EM erlebt?

Das war, um ehrlich zu sein, das deprimierendste Spiel für den deutschen Fußball, das ich in den vergangenen Jahren erlebt habe. Es hätte ja normalerweise nicht 0:1, sondern gut und gerne 2:8 ausgehen können. Das war ein K.O.-Schlag.

Weil Sie den deutschen Fußball höher eingeschätzt hätten?

Sicher habe auch ich durch den Einzug der Bayern und Dortmunder ins Champions League-Finale Indikatoren erkannt, die etwas anderes erwarten ließen. Und dann das. Ich war fassungslos. Wir sind deklassiert worden.

Die Deutsche Fußball Liga hat danach Kritik am DFB und dessen Nachwuchsförderung geübt. Zu Recht?

Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass ein Bundestrainer immer einen Stern mehr haben sollte als jeder andere, egal ob Sportdirektor oder wer auch immer sonst noch im sportlichen Bereich da ist. Das ist bei uns im Verein mit Armin Veh nicht anders. Der Trainer hat den Hut auf.

Die Liga verlangt Mitspracherecht bei der Suche nach einem neuen DFB-Sportdirektor.

Völlig berechtigt!

Das sieht der DFB aber ganz anders. Zumal er die Entscheidung für Matthias Sammer und Robin Dutt ja auch alleine gefällt hat.

Aber die jungen Nationalspieler rekrutieren sich aus den Leistungszentren, die von den Bundesligisten bereits gestellt werden. Wenn sich daraus noch mehr Synergien mit dem DFB entwickeln sollen, ist es doch selbstverständlich, dass die Deutsche Fußball Liga mindestens gleichrangig mitbestimmt. Und ich bin überzeugt, dass in dieser Frage Konsens erzielt wird.

Waren Sie überrascht, als Robin Dutt nach nur zehn Monaten den DFB in Richtung Bremen verlassen hat?

Ich habe mich zumindest gewundert.

Waren Sie auch verwundert, als Andreas Rettig nach nur fünf Monaten bei der DFL schon fast beim Hamburger SV zugesagt hätte?

Nun ja. Ich war ja Anfang des Jahrtausends auch mal zweieinhalb Jahre Geschäftsführer bei der Deutschen Fußball Liga. In dieser Zeit habe ich drei Anfragen verschiedener Vereine vorliegen gehabt. Offenbar scheint der Weg zur DFL kurz zu sein, wenn ein Verein einen Manager sucht.

Also können Sie nachvollziehen, dass auch Rettig irgendwann wieder mehr Gras riechen möchte?

Ich muss mich da vorsichtig ausdrücken. Aber ich war nach zweieinhalb Jahren relativ glücklich, dass ich von Eintracht Frankfurt ein Angebot bekommen habe.

Im September werden Sie 65…

Ich bekomme dann Rente.

Aber Sie gehen noch nicht in Rente, sondern stehen vor der Unterzeichnung eines Vertrags bis 2016. Warum hören Sie nicht auf und lehnen sich gemeinsam mit Ihrer Frau im Eigenheim in Ostwestfalen zurück?

Meine Erinnerung beginnt im Alter von vier Jahren. Seinerzeit habe ich jeden Tag mit meinem älteren Bruder Fußball gespielt. Seitdem habe ich mich ununterbrochen von morgens bis abends mit Fußball beschäftigt. Ich habe keine Neigung, daran etwas zu ändern. Denn ich habe noch immer den schönsten Job der Welt.

Was haben Sie sich vorgenommen für die kommenden drei Jahre?

Dass wir mit Eintracht Frankfurt weiterhin ein Verein bleiben, der berechenbar bleibt und Kontinuität und wirtschaftliche Vernunft lebt. Was glauben Sie, was täglich auf meinem Schreibtisch landet?

Erzählen Sie!

Angebote für diverse Finanzinstrumente, Fananleihen, von Konstrukten, die dafür sorgen, dass uns Spieler zur Verfügung gestellt werden, deren Transferrechte wir dann aber nicht mehr oder nur noch zum Teil besitzen. Gerade heute morgen ist mir ein solches konkretes Angebot wieder auf den Tisch gekommen. Ich habe abgelehnt. Denn ich weiß, dass solche Verlockungen zwar kurzfristig gut sein können, auf alle Fälle aber langfristig schlecht sind. Da bin ich so arrogant zu glauben, dass ich das hier im Verein am besten beurteilen kann. Diese Überheblichkeit maße ich mir an, weil ich als Mitglied des Lizenzierungsausschusses nicht nur einmal erlebt habe, wie Vereine in Schieflage geraten sind, die kurzfristig sehr populäre Entscheidungen nicht zu Ende gedacht haben. Und daher weiß ich auch, dass Eintracht Frankfurt sehr, sehr gut aufgestellt ist.

Haben Sie sich schon mal verleiten lassen, etwas wirtschaftlich Unvernünftiges zu tun?

Nein, noch nie. Mein großer Lehrmeister war Jürgen Hunke, der ehemalige Präsident des Hamburger SV. Ein steinreicher Mensch, der aber mit dem Geld des Hamburger SV sehr sorgfältig umgegangen ist. Das hat seinerzeit dazu geführt, dass ich als HSV-Manager mich von Jörg Bode, Armin Eck und Thomas von Heesen trennen musste, die damals Top-Stars beim HSV waren. Hunke hat gesagt: „Schluss, aus, dann gehen die halt.“ Da war ich zunächst sehr erschrocken, und wir sind fast vernichtet worden von den Medien in Hamburg. Aber nach einem Vierteljahr war der HSV wieder Neunter, weil drei andere gespielt haben.

Sind Sie persönlich bei Ihren Finanzanlagen auch eher konservativ?

Total konservativ. Ich habe früher für mein Geld dreieinhalb Prozent bekommen und erhalte jetzt noch ein Prozent bei der Sparkasse Gütersloh. Mehr geben die mir nicht.

Besitzen Sie auch Aktien oder Optionsscheine?

Nein. Ich hatte mal Bertelsmann Genussscheine. Und in den 80ern auch ein paar Aktien. Da habe ich jeden Morgen das Handelsblatt gelesen, und am Ende war das wenige Kapital, das ich zu jener Zeit besaß, um 30 Prozent geschrumpft. Ich hatte mich in der Sauna von Mitspielern verleiten lasen, Optionsscheine vom Schweizer Bankverein zu kaufen. So wurden binnen zwei Jahren aus 2000 Mark 1280 Mark. Da habe ich verkauft und es danach lieber bleiben lassen.

Geben Sie den jungen Spielern heute Tipps, von solchen Sachen die Finger weg zu lassen?

Ich weise im Trainingslager regelmäßig vor den Spielern darauf hin, dass sie daran denken sollen, dass sie mit 35 vermutlich nicht mehr das ganz große Geld verdienen werden und auch nicht mehr ausgleichen können, wenn irgendetwas schief geht.

Lesen Sie im zweiten Teil des Interviews: Über die Situation bei Eintracht Frankfurt, den Unterschied zu Borussia Dortmund und warum Heribert Bruchhagen Uli Hoeneß gerne weiter im Fußballgeschäft sehen würde.

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