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Interview Alexander Meier „Die Realität ist eine andere“

Eintracht-Kapitän Alexander Meier über die schwere Krise der Eintracht, ein unmoralisches Angebot aus China, die Kritik an Armin Veh und weshalb die Mannschaft voll hinter ihrem Trainer steht.

26.02.2016 11:26
"Es kann immer mal passieren, dass Eintracht Frankfurt gegen den Abstieg spielt", sagt Alex Meier. Foto: Stefan Krieger

Das Besondere an dem eifrigen Toresammler Alexander Meier ist ganz sicher, dass er so viele Treffer erzielt, obwohl er in einer Mittelklassemannschaft mit Tendenz zu den Abstiegsrängen spielt. Er spielt nicht wie Lewandowski in einem der besten Teams der Welt, sondern bei Eintracht Frankfurt.

Meier, Fußballgott, trifft dennoch wie eine Maschine, gerade in den zurückliegenden Jahren. In der Saison 2011/12 hat der 33-Jährige 17 Treffer in der zweiten Liga gemacht, nach dem Aufstieg 16-mal in der ersten Liga eingenetzt. Anschließend traf er trotz Verletzung achtmal (plus 7 Treffer in der Europa League), und in der abgelaufenen Spielzeit holte er mit 19 Treffern sogar die Torschützenkanone nach Frankfurt – obwohl er die letzten Spiele aufgrund einer Knieoperation gar nicht mehr spielen konnte.

Meier, der bald sein zwölftes Jahr bei der Eintracht hinter sich hat und in dieser Runde wieder zwölfmal getroffen hat, hatte nur einmal mit einer Torflaute zu kämpfen. In der Saison 2010/11 traf er nur zweimal. „Dann sind wir gleich abgestiegen“, sagt er süßsauer lächelnd.

Herr Meier, könnten Sie sich künftig mal ein bisschen mehr anstrengen und mehr als ein Tor pro Spiel schießen?
Wer? Ich?

Ja klar. Es reicht ja nicht, wenn Sie nur ein Tor schießen.
Was soll ich dazu sagen? Das ist doch Quatsch (lacht).

War ja nur ein Spaß. Ernsthaft: Spüren Sie die Last, die auf Ihnen ruht. Sie haben sieben der letzten neun Eintracht-Tore erzielt.
Ich gehe jetzt nicht ins Spiel und sage, ich muss unbedingt ein Tor schießen. Das Wichtigste ist, dass wir das Spiel gewinnen, wenn ich dann helfen kann mit einem Tor oder einer Vorlage, umso besser.

Aber das Problem ist doch: Wenn Sie keines schießen, schießt auch kein anderer ein Tor.
Es kommen auch wieder andere Zeiten, und da werden auch andere treffen. Es ist immer wichtig, wenn mehrere Spieler treffen, ganz einfach, weil die Chance, ein Spiel zu gewinnen, damit steigt. Aber es gibt Phasen, in denen man nicht trifft. Das kenn ich alles aus eigener Erfahrung.

Und dagegen ist kein Kraut gewachsen? Man trifft dann wochenlang einfach nicht, so wie jetzt etwa Rechtsaußen Stefan Aigner?
Schauen Sie: Er probiert alles im Training, arbeitet an seinen Abschlüssen, und irgendwann fällt einem dann der Ball auf den Fuß und ist drin. Bei Aigner war das im Spiel gegen Bremen so. Es macht auch keinen Sinn, etwas komplett anderes zu machen. Jeder Spieler hat seinen Rhythmus, den zu ändern, das wäre schlecht.

Es ist also alles eine reine Sache des Kopfes?
Nein, nicht nur. Und bei uns hat auch keiner ein Kopfproblem. Es gibt immer mal Phasen, in denen ein Spieler das Tor nicht trifft.

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Bei Ihnen spielen mentale Dinge offenbar gar keine Rolle. Die Krise ist da, die allgemeine Verunsicherung ebenfalls. Aber Sie treffen weiterhin am laufenden Band.
Natürlich spielt man befreiter, lockerer auf, wenn man auf Platz sieben oder acht steht und man mit dem Abstieg nichts zu tun hat. In meinem Fall ist es so, dass ich mein Programm für die Woche habe, das spule ich ab. Ich versuche, mich gut vorzubereiten, mehr kann ich nicht machen. Wie hatte mein früherer Jugendtrainer bei St. Pauli immer gesagt: „Du musst gut schlafen, gut essen, so gut wie möglich trainieren und wenn du am Spieltag alles gibst, dann hast du alles Menschenmögliche getan. Wenn es dennoch nicht klappt, brauchst du dir nichts vorzuwerfen.“

Und nach diese Maxime leben und spielen Sie auch heute im gesetzten Fußballeralter noch?
Natürlich lebe ich mit 33 Jahren ein bisschen professioneller als mit 23. Ich muss jetzt mehr für den Körper tun. Früher, mit 18, 19, 20 Jahren, habe ich zweimal am Tag trainiert und am anderen Morgen nix gemerkt.
Dennoch täuscht der Eindruck nicht, dass Sie im Alter fast noch besser spielen?
Danke schön. Aber es wird der Zeitpunkt kommen, an dem ich in das Alter komme, dass es nicht mehr reicht. Man muss damit umgehen können, dass der Tag kommt, an dem es vorbei ist. Aber ich hoffe, das wird noch ein bisschen dauern.

So wie die Eintracht derzeit spielt, ist es für Sie auch sehr undankbar. Allein gelassen in der Spitze, oder?
Nein, ich fühle mich nie allein gelassen. Wir spielen als Team im Moment nicht so gut, und da ist es normal, dass man dann nicht so viele Offensivaktionen hat.

Ärgert Sie das alte Klischee: Wenn Meier nicht trifft, spielt er eigentlich nicht mit?
Das wird ja immer gesagt. Das wird sich auch nicht mehr ändern. Und ich werde auch nie ein Spieler sein, der Dribblings macht, der auf engstem Raum ein, zwei Gegenspieler aussteigen lässt. Ich weiß auch nicht, wie viele Ballkontakte andere Stürmer im Durchschnitt haben, aber so spiele ich nun einmal, das ist mein Naturell.

Sagen Sie doch Mal, was sind denn Ihrer Ansicht nach die Gründe, dass es bei der Eintracht momentan nicht so läuft?
Eigentlich sind wir ja ganz gut in die Saison gestartet. Das war auch bis zum Berlin-Spiel alles in Ordnung. Bis dahin haben wir auch guten Fußball gespielt. Irgendwie ist es dann immer schlechter geworden.

Die Eintracht führte 1:0, brach dann aber quasi ein und musste noch den Ausgleich hinnehmen. Damals ist, wie Trainer Armin Veh einst sagte, „in der Halbzeit der Stecker herausgezogen worden“.
Genau. Danach haben wir, mit Ausnahme des Spiels in Hannover (2:1 für die Eintracht, Anm.d. Red.), acht Partien nicht gewonnen. Und da ist es normal, dass es dann gegen den Abstieg geht.

Sie sind also in eine Negativspirale geraten?
Ja, so kann man das sagen. Es ist normal, dass man ins Straucheln gerät, wenn man keine Erfolgserlebnisse hat. Wir schaffen es oft nicht, in der ersten Halbzeit gut zu spielen. In der zweiten geht es dann meistens, außer gegen Köln. Wir müssen wieder unsere Stärken ausspielen.

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Sind Sie persönlich ebenso enttäuscht von dieser Saison wie viele Fans?
Wenn man zwei Punkte vor einem Relegationsplatz entfernt ist, ist es natürlich enttäuschend. Aber man muss Realist sein: Es kann immer mal passieren, dass Eintracht Frankfurt gegen den Abstieg spielt. Es ist so, dass wir, wenn es überragend läuft, Sechster oder Siebter werden können – und wenn es ganz schlecht läuft, können wir auch 17. werden. Es ist alles so dicht beieinander. Jetzt müssen alle zusammenrücken, Trainer, Fans, Mannschaft, um am Ende über dem Strich zu stehen. Dann war es keine gute Saison, aber dann haben wir es gemeinsam geschafft.

Allerdings war alles ein wenig anders geplant. Der alte Trainer sollte einige Risse kitten, der Kader ist allenthalben als gut eingeschätzt worden. Sogar zu den europäischen Plätzen sollte geschielt werden.
Der Traum war da, doch die Realität ist eine andere. Aber wichtig ist jetzt, dass alle wissen: Es geht nicht mehr um guten Fußball. Tollen Kombinationsfußball wird es eher nicht mehr geben. Es geht nur noch darum, Spiele zu gewinnen.

Das ist aber schwierig, wenn vor lauter Angst kaum einer mehr den Ball haben will.
Wir können ja nicht aufhören. Ich glaube auch nicht, dass das Selbstvertrauen so weg ist, dass jemand Angst hat, angespielt zu werden. Und wir sind noch kein einziges Mal auseinander gebrochen.

Immerhin ein positiver Aspekt. Allerdings im Köln-Spiel hatte man in der zweiten Halbzeit schon den Eindruck gewinnen können, dass da eine Mannschaft vogelwild agiert.
Im Grunde lag das am guten Willen. Der hat uns der Todesstoß versetzt. Wir wollten das Spiel ja noch drehen, haben aber kopflos gespielt, weil wir alle nach vorne gerannt sind.

Beeinflusst Sie die Kritik von außen, an der Mannschaft und an Trainer Armin Veh?
Ich weiß nicht. Manche lesen mehr, manche weniger Zeitung. Man kriegt das mit, klar. Aber das tangiert keinen in seiner Leistung, Niemand steht auf dem Platz und denkt: „Oh, jetzt habe ich Stress, jetzt kann ich den Ball nicht mehr spielen.“ Ich habe daran noch nie gedacht.

Was sagen Sie generell zur Kritik an Trainer Veh?
Ich habe das schon oft gesagt: Armin Veh hat viel geleistet für diesen Verein, Aufstieg, Europacup, und jetzt haben wir halt eine schlechte Phase. Da müssen wir gemeinsam durch.

Aber er wird für den Misserfolg verantwortlich gemacht.
Es ist ja nie einer allein. Er kann nichts dafür, dass wir keinen Doppelpass mehr hinkriegen. Niemand ist alleine Schuld.

Müsste sich die Mannschaft denn nicht mal ohne den Trainer zusammensetzen und miteinander reden?
Ach, das sind immer so Alibiveranstaltungen. Das ist Aktionismus. Wir setzen uns oft zusammen, nach dem Training in der Kabine oder wir gehen gemeinsam was essen und reden. Aber das muss man ja nicht an die große Glocke hängen.

Hat sich Trainer Armin Veh zuletzt verändert? Ist er anders geworden?
Überhaupt nicht. Er ist nicht hektisch, das bringt ja nichts. Er behält die Ruhe. Das lebt er uns vor.

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Sehen Sie eigentlich Parallelen zur dieser schlimmen Abstiegssaison 2010/11.
Nein. Dieses Mal sind wir relativ früh, ab Mitte Hinrunde, in den Abstiegskampf geraten. Damals hatten wir zur Winterpause 26 Punkte. Da hat sich lange gar keiner überhaupt mit dem Abstieg beschäftigt. Und als es dann so weit war, war es zu spät.

Hat es Sie überrascht, dass Trainer Veh relativ früh in dieser Spielzeit das Saisonziel geändert hat und nur noch drei Mannschaften hinter sich lassen wollte?
Nein. Da sieht man einfach, dass er Ahnung hat und dass er es richtig einschätzen konnte. Am Ende lügt die Tabelle nie. Es ist noch nie einer zu Unrecht Meister geworden oder zu Unrecht abgestiegen. Nach 34 Spieltagen gleicht sich alles aus, da ist alles gerecht. Auch wir stehen nach zwei Drittel der Saison zurecht da unten. Wir können ja nicht sagen, wir haben gut gespielt – und sind irgendwie da unten reingerutscht.

Und die Mannschaft steht noch zu ihrem Trainer?
Ja, absolut, zu 100 Prozent. Das sieht man auch im Training, da ist keiner, der sich hängen lässt. Alle ziehen mit. Die Stimmung in der Mannschaft ist gut. Wenn einer mit dem anderen nicht kann, das ist schlecht. Bei uns ist das nicht der Fall. Wir haben einen guten Zusammenhalt, einen guten Trainer und super Fans. Es gehört sich dann auch so, dass man auch mal zusammen durchgeht, wenn es schwächere Phasen gibt. Die Fans sind enttäuscht, weil sie den Verein lieben. Aber sie werden uns anfeuern. Ich habe keine Sorgen, dass es da Probleme gibt.

Würden Sie noch mal mit in die zweite Liga gehen? Ihr Vertrag hat ja auch in der zweiten Liga Gültigkeit.
Darüber mache ich mir keine Gedanken. Nur so viel: Das letzte Mal habe ich es ja auch gemacht.

Kommen wir noch zum Angebot aus China, das soll ja finanziell unverschämt lukrativ gewesen sein. Hat es Sie gereizt?
Das Thema war ja nach nur einem Gespräch mit den Eintracht-Verantwortlichen schnell vom Tisch. Und eines muss man auch sehen: Ich bin hier Kapitän, habe mir was aufgebaut. Da weiß ich gar nicht, ob ich überhaupt hätte gehen wollen.

Beenden Sie jetzt in Frankfurt Ihre Karriere?
Also dass ich innerhalb Deutschlands noch mal wechsele, halte ich für ausgeschlossen. Ich habe ja immer gesagt, dass mich die USA noch mal reizen würde. Aber das ist gerade echt nicht mein Thema.

Haben sie schon Pläne für Ihre Zeit nach der Karriere?
Ich würde gerne im Fußball bleiben, ich werde bestimmt meine Trainerscheine mache. Aber ob es dann was für mich ist und ob ich dafür der Typ bin, muss ich erst rausfinden.

War die Nationalelf wirklich nie ein Thema für Sie, auch in den letzten ein, zwei Jahren nicht mehr, als immer mehr Stimmen laut wurden und sich für eine Berufung von Ihnen stark machten?
Nee, das war nie realistisch. Damit beschäftige ich mich nicht, das habe ich nie, das hat für mich keine Relevanz. Und noch mal: Zurzeit gibt es für mich sowieso nur ein Thema: den Klassenerhalt. Das wird schwer genug. Denn es muss jedem klar sein: Uns kann es auch erwischen. Wenn wir es aber schaffen, war bestimmt nicht alles gut, aber wir hätten es zumindest gepackt.

Interview: Thomas Kilchenstein und Ingo Durstewitz

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