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Fangewalt Die Professionalisierung der Gewalt

Während ein Fanforscher von einem „Hooligan-Revival“ spricht und eine starke Mischung mit der Ultraszene erkennt, erzählt im Eintracht-Museum ein Frankfurter Ex-Hool seine Geschichte.

17.11.2016 15:08
Jan Christian Müller
Neue Anlaufstelle für Hooligans? Fanforscher Robert Claus sieht eine Vermischung zwischen Ultra- und Hooliganszene Foto: imago

Irgendwann hatte Thomas Oetker genug. „Bock auf Randale“ war mehr als zehn Jahre lang sein Motto bei Spielen der Frankfurter Eintracht gewesen. Aber dann gab es drüben in Zwickau ordentlich Dresche für die Hooligans vom Presswerk , „und auch beim Rematch im Ostpark haben wir eine Klatsche bekommen. Die haben uns ganz schön weggezimmert. Drei Viertel von uns waren danach verletzt“. Für den mittlerweile 53-Jährigen Zeit, sich mit dem Ausstieg zu beschäftigen.

Thomas Oetker hat seine Geschichte jetzt bei der Veranstaltungsreihe „Die Macht des Sports“ im Eintracht-Museum erzählt. Er ist nicht nur Box- und Kampfsporttrainer, sondern inzwischen auch Geschäftsführer eines Yogazentrums.

Anders als die gegenwärtige Hooliganszene sind Oetker und seine Leute damals „nicht auf die Idee gekommen, uns ein Match auf dem Acker zu liefern“. Sie seien „nicht ins Stadion gegangen, um uns zu prügeln, aber wenn es Krach gab, war das gut. Die dritte Halbzeit war wichtig“. Die Gruppe sei „politisch nicht homogen“ gewesen, „einige von uns waren multifunktional, Hauptsache Randale, egal, ob an der Startbahn West oder in Wackersdorf“. Die Gruppe sei wie eine Ersatzfamilie gewesen: „Wenn alle einen hassen, gibt es dir das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.“

Mittlerweile geht Oetker nicht mehr zu Bundesligaspielen: „Ich bin satt.“ Er rügt das Söldnertum und „die Summen, die bezahlt werden.“ Einiger seiner ehemaligen Mitstreiter seien „wieder aktiv auf der Straße“, denn: „Auch ein Hooligan kriegt eine Midlife-Crisis.“ Oetker selbst zieht es nicht zurück: „Wenn du auf dem Acker auf einen 20-Jährigen aus dem Fight Club triffst, kann es schnell unangenehm werden.“

Die alten Männer bekommen es mit einer zunehmend fitteren und kampferprobteren neuen Generation von Hooligans zu tun. Das berichtete der Fanforscher Robert Claus. Claus hat eine „Professionalisierung der Gewalt“ diagnostiziert, es seien professionelle Kampfsportler aus der Mixed Martial Arts Szene unterwegs, „Leute, die sehr genau wissen, was sie tun“, die über großes Knowhow in den sozialen Medien verfügen, zudem über Strategien verfügen, wie sie Strafverfolgung umgehen und die chemische Drogen und Aufputschmittel zu sich nähmen, „um im richtigen Moment voll konzentriert zu sein“. Bei Thomas Oetker war das noch ganz anders: „Wir waren schon auf der Hinfahrt ins Stadion besoffen und hatten keine erprobten Kampfsportler in der ersten Reihe.“

Experte Claus sieht zudem Tendenzen, dass Leute, die die Ultraszene „zu langweilig finden“, für ein „Hooligan-Revival“ sorgen: „Die Entwicklung geht dahin, dass es eine stärkere Mischung zwischen Hooligan- und Ultraszene gibt“. Zudem würde neben der physischen zunehmend auch psychische Gewalt“ ausgeübt wird. Ziel sei die „maximale Demütigung“, etwa, indem etwa Ultras entführt würden und Fotos mit demütigenden Aufklebern auf der Stirn in den sozialen Netzwerken platziert würden. Claus hält das für „eine neue Form der Gewalt, die Menschen vernichten kann“.

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