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Eintracht U23 Sinn oder Unsinn?

Die U23 der Frankfurter Eintracht ist schon lange abgemeldet – die FR beleuchtet die Folgen der Entscheidung.

04.12.2014 10:24
Sebastian Rieth
David Kinsombi (r) würde von einer U23 profitieren. Aber sonst? Foto: Stefan Krieger

Aykut Özer ist wieder zurück. Der junge Mann mit dem kahlen Kopf und dem grimmigen Blick sitzt auf einer kleinen Holzbank. Die Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn. Neben ihm liegt eine Gummimatte, auf der anderen Seite stapeln sich die Hanteln. Özer quält sich. Wie so oft in seiner Karriere. Eigentlich sollte in dieser Saison alles anders werden, der Torwart wollte durchstarten, ganz groß rauskommen. Das ewige Warten hatte er satt. „Ich bin meinen Weg gegangen“, erzählt Özer.

Nun wartet er wieder, diesmal auf seinen Körper. Den 21-Jährigen hat es böse erwischt, sein linkes Knie wurde operiert: Knorpelschaden, Riss im Außen- und Innenmeniskus. An Fußballspielen ist derzeit nicht zu denken. Özer schuftet in der Reha. Der Main liegt nur einen Steinwurf entfernt.

Ein wenig erstaunt es schon, dass sich der gebürtige Hanauer dazu entschieden hat, seine Rückkehr auf den Platz in Deutschland vorzubereiten und nicht in der Türkei, wo er mittlerweile unter Vertag steht. Aber ein bisschen Heimaturlaub, findet Özer, sei sicher nicht verkehrt. Der extrovertierte Schlussmann war einer von gut 20 Fußballern, die im Sommer plötzlich auf der Straße standen, weil ihre komplette Mannschaft einfach eingedampft wurde. „Ich wäre sowieso gewechselt“, sagt Özer trotzig. Bei der Eintracht sah er keine Perspektive mehr. In Frankfurt war der ehrgeizige Deutsch-Türke nur der dritte Torhüter im Verein, um sich in der Bundesliga bewähren zu dürfen, musste er auf das Unglück seiner Kollegen hoffen. Zum Einsatz kam Özer nur in der U23. Das B-Team drohte für ihn zur Karrierefalle zu werden. Dass die Eintracht eben jene Mannschaft vor gut einem halben Jahr aus der Regionalliga zurückzog, lässt Özer deshalb kalt. Für die nächsten drei Spielzeiten hat er sich an den türkischen Erstligisten Kardemir Karabükspor gebunden. Auch wenn er gleich am ersten Spieltag gegen Fenerbahce nach seiner Einwechslung folgenschwer patzte und seitdem nicht mehr ran durfte, will ihn der Klub mittelfristig als Nummer eins aufbauen.

Am Riederwald ist Druck auf dem Kessel

Özer ist im Vergleich zu seinen früheren Mitspielern eher die Ausnahme. Denn die meisten aus dem einstigen B-Team der Eintracht haben sich nicht wirklich verbessert, fast alle sind in der Regionalliga untergekommen. In Mannheim oder Saarbrücken, in Homburg oder Worms. Am längsten musste Ugur Albayrak warten. Der mittlerweile in Trier beheimatete Stürmer betont allerdings, dass die Eintracht ihrer sozialen Verpflichtung absolut nachgekommen sei. „Es war dem Verein nicht scheißegal, was mit uns Spielern passiert“, so Albayrak. Teilweise habe der Klub den ersten Kontakt zu einem potentiellen, neuen Arbeitgeber hergestellt. Die Trennung sei sauber verlaufen. Immerhin.

An anderer Stelle hat die Diskussion um die umstrittene Abmeldung der U23 nämlich wieder an Dynamik aufgenommen, seitdem A- und B-Jugend knöcheltief im Abstiegskampf stecken. Viele hinterfragen erneut mit großer Vehemenz den Sinn jener Maßnahme, selbst Unbeteiligte merken: Am Riederwald ist in diesen Tagen ordentlich Druck auf dem Kessel. Armin Kraaz, der Leiter des Leistungszentrums, betont, dass man keinen direkten Zusammenhang zwischen der Krise der U19 und der Abmeldung der U23 sehen dürfe. „Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Das muss man trennen.“ Einerseits.

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Andererseits hatte man den Unterbau aber auch deshalb zurückgezogen, um die Ersparnis von 700 000 Euro pro Jahr an anderer Stelle dem Nachwuchs zuzuführen. Zum Großteil sei das auch geschehen, sagt Kraaz. Aus der Verantwortung will er sich nicht stehlen: „Wir haben mehr Geld zur Verfügung, also müssen wir auch eine bessere U19 abliefern als zuvor.“

Mit den frei gewordenen Finanzmitteln haben sie am Riederwald einige Dinge angeschoben, es gibt einen Sportpsychologen, einen neuen Mitarbeiter im Scouting, einen Videoanalysten und bis zuletzt in Person von Alexander Schur auch einen Nachwuchs-Cheftrainer. Dinge, die perspektivisch wirken. Ob die Abmeldung der U23 richtig gewesen sei, könne man deshalb erst in zwei bis drei Jahren seriös beurteilen, findet Kraaz. „Im Moment verzeichnen wir sportlich keinen Effekt.“ Weder negativ, noch positiv.
Das liegt auch daran, dass der Spielermarkt im Jugendbereich viel zementierter ist als bei den Profis. Kein Verein ist so töricht und schickt seine größten Talente ohne einen entsprechend dotierten Fördervertrag ins Haifischbecken. Wer also frische Kräfte anheuern will, muss ordentlich blechen. In der A-Jugend werden für einen guten Bundesligaspieler mindestens 200 000 Euro aufgerufen, oft sind es sogar mehr. Ein aussichtsloser Bieterwettkampf für einen Klub wie Eintracht Frankfurt.

Immerhin habe die U23-Abmeldung zur Folge, „dass wir mit dem Geld jetzt in der U15 mitbieten können“, so Kraaz. Zuvor hatte sich der Abteilungsleiter gegen Konkurrenten wie Hoffenheim oder Leipzig kaum in den Ring getraut. Nun glaubt er, zumindest in Einzelfällen ein Wörtchen mitreden zu können.

Im Bedarfsfall kurzfristig reagieren

Wenige Kilometer vom Leistungszentrum entfernt, bei den Profis im Stadtwald, trauert der zweiten Mannschaft niemand mehr nach. Im Grunde gibt es momentan nur einen Spieler, der von einem Unterbau profitieren würde: David Kinsombi. Aber alleine für den Defensivspieler, der in der Bundesliga in dieser Saison übrigens schon einmal zum Einsatz kam und in Hannover eine ganz ordentliche Leistung zeigte, eine komplette Mannschaft unterhalten? Wer gut genug für die Bundesliga ist, der braucht keine Spielpraxis in der vierten Klasse – so hatte die Eintracht damals ihre Entscheidung begründet.

Das Beispiel Marc Stendera gibt ihnen recht. Auch der einstige Dauerpatient Sonny Kittel ist ohne nennenswerte Einsätze in der Regionalliga wieder in den Dunstkreis der Bundesliga-Elf zurückgekehrt. „Wenn sie es auf Anhieb nicht schaffen, dann müssen sie halt ausgeliehen werden“, sagt Kraaz. Die vierte Liga mache ein Talent nicht besser, und der Sprung um eine Klasse nach oben koste richtig Geld. Angeblich investiert der FSV Mainz 05 in der Dritten Liga nun satte 2,5 Millionen Euro in seine zweite Garnitur.

Zu viel für die Eintracht, die vor einigen Jahren selbst mal kurz vor dem Aufstieg stand.

Stattdessen hat man sich dazu entschieden, im Bedarfsfall lieber kurzfristig zu reagieren und etwa einen dritten Torhüter wie Timo Hildebrand erst dann unter Vertrag zu nehmen, wenn Verletzungen das notwendig machen. Bislang war das leichter, da wurde einfach der U23-Keeper in der Bundesliga auf die Bank gesetzt. Es wäre Aykut Özer gewesen. Aber der ist ja sowieso verletzt.

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