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Eintracht-Sportdirektor Hübner „Das ist ein Teufelskreis“

Eintracht-Sportdirektor Bruno Hübner spricht im FR-Interview über die schwierige Zukunftsgestaltung, die neue Jugend-Philosophie, mögliche Abgänge und eine Millionen-Offerte für Haris Seferovic.

Der Architekt der Adlerträger: Eintracht-Sportdirektor Bruno Hübner. Foto: Jan Huebner

Bruno Hübner war, mal überspitzt formuliert, ein Profiteur des letzten Abstiegs der Frankfurter Eintracht. Nach dem Sturz in Liga zwei, 2011 war das, wurde erstmals ein Sportmanager installiert, und seitdem lenkt der 54-Jährige die Geschickte des hessischen Bundesligisten. Er hat es nicht immer leicht gehabt in dieser Zeit, musste es den Trainern recht machen, schlagkräftige Teams zusammenstellen und sich seine Freiräume im Schatten von Vorstandschef Heribert Bruchhagen suchen, der zuvor lange Jahre im sportlichen Segment der Alleinherrscher war. Hübner, Vater dreier fußballbegeisterter Kinder, von denen zwei Profis sind (Benjamin in Ingolstadt, Florian in Sandhausen), hat sich freigeschwommen und gute Arbeit abgeliefert.

Herr Hübner, Ihr Vertrag ist bis 2019 verlängert worden. Deuten Sie die lange Laufzeit als Vertrauensbeweis?
Ja das ist ein Vertrauensbeweis. Aber ich glaube, dass ich mir diesen erarbeitet habe und er somit gerechtfertigt ist. Ich gehe in mein fünftes Jahr bei der Eintracht, da können viele jetzt sehr wohl einschätzen, was ich für den Verein geleistet habe. Andererseits ist es auch ein ganz normaler Prozess. Auf den Schlüsselpositionen ist es wichtig, dass man nach außen hin dokumentiert, mit wem man zusammenarbeitet. Sportdirektoren oder Manager sind in der Bundesliga ja Gesichter des Vereins, da ist es wichtig, dass man Kontinuität auf dieser Position hat. Das ist bei anderen Klubs auch so, Max Eberl hat in Gladbach verlängert, Klaus Allofs in Wolfsburg. Insgesamt sind die neuen Personalentscheidungen positive Weichenstellungen, das zeugt von Kontinuität und Weitsicht. Ich finde das sehr gut.

Vor einem Jahr war es noch anders, da sind Sie öffentlich von Aufsichtsratschef Wilhelm Bender angezählt worden.
Ich wusste das schon einzuordnen. Sicher war es überraschend, dass sich ein Aufsichtsratsvorsitzender so und auch noch öffentlich zum operativen Geschäft äußert. Es war ja inhaltlich auch nicht richtig. Ich hätte mir gewünscht, dass wir zu diesem Zeitpunkt in der Öffentlichkeit souveräner gewesen wären.

Wie sieht denn die Ausrichtung der Eintracht in den kommenden Jahren aus?
Alle Welt denkt ja, dass Eintracht Frankfurt richtig Geld hat. Aber das ist nicht der Fall. Wir haben kaum noch Steigerungsmöglichkeiten in vielen Feldern, da sind kaum Wachstumsmöglichkeiten. Woher sollen neue Einnahmen kommen? Wir haben die Problematik, dass wir die Zeit bis 2020 überbrücken müssen. Bis dahin laufen der Stadion- und der Vermarktervertrag. Diese Last müssen wir tragen. Wir müssen schauen, dass wir diese fünf Jahre optimal überstehen und nicht noch weiter am Markt und an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Inwiefern?
Sehen Sie: Wir können eine bessere Einnahmesituation nur dadurch schaffen, dass wir uns in der Bundesliga verbessern. In der Regel verbesserst du dich in der Bundesliga durch mehr Qualität in der Spitze sowie in der Breite – und hierfür musst du investieren. Das ist also ein Teufelskreis. Also muss man sich die Frage stellen, wie können wir diese fünf Jahre überbrücken, um dann eine Optimierung vorzunehmen und dann wettbewerbsfähig zu sein. Denn jetzt ist der Standort Frankfurt ja eigentlich ein Nachteil. Die Stadionmiete ist viel zu hoch, die Vermarktersituation ist für uns ein Nachteil. Betrachtet man die komplette Einnahmesituation, dann ist der Deckungsbeitrag viel zu gering für uns. Da sind viele andere besser aufgestellt.

Und wie kann man so eine Zeit überbrücken?
Wir müssen versuchen, werthaltige Spieler auch mal abzugeben. Das ist schon eine neue Überlegungsweise. So wie jetzt bei Kevin Trapp. Um eine konkurrenzfähige Mannschaft zu bekommen und einen ordentlichen Etat abzubilden, musst du auch den einen oder anderen Verkauf tätigen. Das wirft uns erst einmal zurück und macht nicht unbedingt Spaß, ist aber für uns im Augenblick eine sinnvolle Variante.

Muss man auch die Vertragsgestaltung entsprechend anpassen? Also höhere Ausstiegsklauseln verankern, längerfristige Verträge abschließen?
Im Idealfall müsste man auf Ausstiegsklauseln verzichten. In der Realität werden sie sich jedoch nicht ganz vermeiden lassen. Wenn man eine einbaut, muss diese aber so sein, dass beide Seiten damit leben können. Das ist manchmal aber leichter gesagt als getan. Man muss schon kreativ sein. Um Spieler in den Markt zu bringen, muss man aber auch Spieler haben, die entwicklungsfähig sind.

Hat die Eintracht solche Profis in Ihren Reihen?
Ja, klar. Marc Stendera, Luca Waldschmidt, um nur mal zwei zu nennen. Bei Haris Seferovic hatten wir schon eine zweistellige Millionen-Anfrage.

Und da haben Sie nicht mal gezuckt?
Wir haben kurz überlegt. Aber wir haben dann gesagt: Mit Kevin Trapp haben wir den ersten Sympathieträger verloren, Haris kommt an zweiter Stelle bei den Fans. Er ist unheimlich beliebt bei den Fans. Da muss man schon aufpassen. Wir hätten auf der Stelle zwei Sympathieträger verloren, das wäre ein Schlag gewesen. So haben wir gesagt, er bleibt auf alle Fälle noch ein Jahr, vielleicht streben wir sogar eine Vertragsverlängerung an. Wenn wir ihn auch noch abgegeben hätten, das wäre zu viel gewesen, vor allem aus sportlicher Sicht.

Gibt es die Überlegungen, die Verträge mit Talenten wie Stendera, Waldschmidt oder auch Joel Gerezgiher langfristig zu verlängern?
Sie haben noch eine gute Laufzeit und trotzdem werden wir frühzeitig Gespräche führen. Wir wollen der Mannschaft ja auch ein Gesicht geben. Da ist es wichtig, dass Spieler aus dem eigenen Nachwuchsleistungszentrum dabei sind. Und das ist bei uns der Fall. Wir haben zurzeit acht Spieler aus dem eigenen Stall, das ist ein Drittel des Kaders. Auch wenn die nicht alle sofort weiterhelfen, aber sie deuten an, dass sie bei entsprechender Förderung werthaltige Spieler werden können. In dieser Kombination müssen wir arbeiten: Das Leistungszentrum noch mehr in die Verantwortung nehmen, enger zusammenarbeiten und noch mehr heranführen. Und: Wir haben den Altersdurchschnitt dramatisch gesenkt.

Ist Mijat Gacinovic auch solch eine Investition in die Zukunft?
Ja, das ist eine Investition, die sich auszahlen kann. Armin Veh hat viel Phantasie für diesen Spieler. Er ist ein junger Spieler, der mit 20 Jahren schon sehr viel Potenzial aufgezeigt hat. Seine ganze Vita ist vielversprechend. Das ist ein Weg, den wir weitergehen wollen.

Welcher Transfer war der schwierigste in dieser Saison?
Kann man schwer sagen. Aber nehmen wir mal Lukas Hradecky als Beispiel. Da hat es unheimlich geholfen, dass Armin Veh total entspannt war und den Weg mitgegangen ist. So hatten wir die Chance, den Spieler fünf-, sechsmal aktuell zu beobachten.

Beobachtet die Eintracht solche Spieler nun auch im Training?
Natürlich. Das gehört zur Professionalisierung. Wir haben uns die Trainingseinheiten sehr genau angeschaut, wir haben gesehen, wann kommt er auf den Platz, wie verhält er sich. Wir haben schnell gesehen, dass er absoluter Profi und Publikumsliebling ist. Und wir haben ihn beim letzten Spiel begleitet, damit da nichts mehr passiert. Wir waren sehr nah dran, und so hat sich unser Bild verfestigt.

Haben Sie Zweifel an der Qualität der Mannschaft?
Nein, wir haben eine gute Mannschaft. Davon bin ich überzeugt, ich glaube an das Team. Die Einstellung, der Charakter und die Qualität sind vorhanden. Hier im Heimspiel gegen Augsburg wollten sie zu schnell zu viel. Da war so viel Hektik drin. Aber sie haben bis zum Schluss an sich geglaubt. Wenn man sieht, wie der Iggy (Aleksandar Ignjovski; Anm. d. Red.) den Zweikampf da an der Außenlinie vor unserem Ausgleichstor geführt hat, das zeigt, dass sie kämpfen bis zur letzten Sekunde. Wir hatten gegen Augsburg fünf neue Spieler auf dem Platz, darunter ein Debütant und deshalb benötigen wir noch Zeit zum Eingewöhnen.

Kann es sein, dass die Eintracht noch Spieler abgeben wird?
Vielleicht. Es wird sich jetzt herauskristallisieren, wer Armin Vehs erste 14, 15 Spieler sind. Und dann gibt es sicher bei dem einen oder anderen Überlegungen, sich zu verändern.

David Kinsombi wäre ein Kandidat, Slobodan Medojevic oder Vaclav Kadlec.
Mag sein. Aber wir können auch nicht mehr so viel abgeben, wir müssen ja auch mal zehn gegen zehn spielen können im Training, ein Spiel simulieren. Wir brauchen eine gewisse Qualität in den Trainingseinheiten. Wenn das Gefälle zu groß ist, entwickeln sich die ersten Elf auch nicht weiter, weil sie wissen, sie spielen sowieso. Stefan Bell etwa (der heute in Mainz spielt und sich damals in Frankfurt in der zweiten Liga nicht durchsetzen konnte; Anm. d. Red.) hat mir mal gesagt, dass das Jahr bei uns für ihn kein verlorenes war, weil die Trainingseinheiten so intensiv waren. Das habe ihm mehr geholfen, als wenn er damals bei 1860 München geblieben wäre.

Aber sagen wir jetzt mal, Slobodan Medojevic würde um ein Gespräch und um Freigabe bitten. Was würden Sie machen?
Dann würden wir ihn eventuell abgeben. Er kam aus Wolfsburg zu uns, war dort nicht unbedingt Stammspieler, aber er hat viele Einsätze gehabt und hätte in Wolfsburg verlängern können. Das wollte er nicht, weil er häufiger spielen wollte. Deshalb kam er zu uns. Das war für ihn, muss man jetzt sagen, natürlich eher kontraproduktiv. Aber er ist noch jung, wenn er woanders mehr Einsatzzeiten bekommen würde, dann würden wir ihm mit Sicherheit nicht den Weg verbauen.

Und dann hätten Sie, auch falls Vaclav Kadlec jetzt gehen sollte, noch einen Spieler in petto?
Eigentlich wollen wir Kadlec nicht abgeben. Sollte dies aber der Fall sein, würden wir überlegen und eventuell noch etwas machen. Da ist eine gewisse Vorarbeit geleistet und wir würden die Machbarkeit erneut prüfen.

Interview: Ingo Durstewitz

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