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Eintracht-Sieg gegen Wolfsburg Die Auferstehung

3:2 gewinnt die Eintracht zum Rückrunden-Auftakt gegen Wolfsburg und jeder fragt sich: Wie konnten die klar besseren Wölfe dieses Spiel verlieren? Die Antwort heißt: Alexander Meier.

Spätes Siegtor: Alexander Meier (re.), lässt sich von Bastian Oczipka (Mitte) und Szabolcs Huszti bejubeln. Foto: Eibner-Pressefoto

Gerne hätte man mal Mäuschen spielen wollen in der Halbzeitpause dieses denkwürdigen Spiels. Was ist da nur passiert in diesen 15 Minuten? Hat der Trainer ein paar Schuhe durch die Kabine getreten? Hat er die wie ein Absteiger spielende Mannschaft an die Wand genagelt? Womöglich angebrüllt? Watschn verteilt? Nichts von alledem. „Ich habe gesagt“, berichtete später der Trainer Armin Veh, „dass das einzig positive an der ersten Halbzeit das Ergebnis war, nämlich dass wir nur 0:1 hinten gelegen haben.“ Und damit habe man allemal noch eine Chance.

Dass Eintracht Frankfurt freilich tatsächlich dieses erste Rückrundenspiel noch drehen konnte, dass sie wirklich den haushoch überlegenen VfL Wolfsburg mit einem Tor in allerletzter Minute noch 3:2 (0:1) bezwingen würde, das hatte auch Trainer Veh nicht im Entferntesten erwartet. Kein Mensch hatte im Stadtwald nach 45 Minuten auch nur einen Pfifferling auf diese Frankfurter Mannschaft gegeben. Zu unterlegen waren die Hessen, zu dominant die Wolfsburger, als dass irgendeiner noch eine leise Hoffnung gehabt hätte. Es war ein Klassenunterschied zu sehen. Viel zu nervös war die Eintracht zu Werke gegangen, nichts wollte klappen, die Frankfurter kamen nicht in die Zweikämpfe, standen viel zu weit weg von ihren Gegenspielern, die leichtes Spiel hatten. Wie oft stürmten die Wolfsburger in Überzahl auf das Frankfurter Tor zu? „Wir waren“, urteilte Veh hart, aber treffend, „völlig neben der Kappe.“ Im Grunde ging es nur noch um die Höhe der Niederlage. „Zur Pause muss es 3:0 oder 4:0 stehen und dann gehst du hier mit einem lachenden Gesicht raus“, resümierte Dieter Hecking, der Coach des VfL Wolfsburg. Doch am Ende lachten andere.

Zum Glück gab es eine Halbzeitpause

Was immer Trainer Veh auch beim Halbzeittee gesagt haben mag: Es stand im zweiten Abschnitt eine andere Eintracht-Mannschaft auf dem Platz. Eine, die nicht mehr zitterte und bibberte und Angst hatte, den Ball zu bekommen, keine verunsicherte, verschüchterte Elf, die nur darauf zu warten schien, bis der VfL die erforderliche Tore schießen würde. Klar, man weiß nach einer Winterpause und anschließender Vorbereitung nie so genau, wo eine Mannschaft leistungsmäßig steht. Aber dass man „so unterirdisch“ spielt wie die Hessen in den ersten 45 Minuten, war schon bemerkenswert. „Der Druck war enorm“, sagte Rechtsaußen Stefan Aigner. Nach der ersten Halbzeit, so der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen, „musste einem Angst und Bange um die Eintracht werden. So dominant und so überlegen waren die Wolfsburger.“

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Zum Glück aber gab es eine Halbzeitpause. „So schlecht kann man doch zu Hause nicht in die Saison starten“, habe man sich gesagt, erzählte später Marc Stendera. „Danach hat die Mannschaft ihr Herz in die Hände genommen“, fand Bruchhagen. Tatsächlich war ab der 46. Minute nun mehr Elan auf dem Platz, was auch daran lag, dass Veh Marco Fabian, die mexikanische Neuerwerbung, für den völlig enttäuschenden Haris Seferovic brachte. Der Stürmer sorgte für frischen Wind, er lief und wollte die Kugel, und nicht von ungefähr war er an allen drei Toren beteiligt. Und es lag natürlich daran, dass die Eintracht einen Alexander Meier hat, der binnen sieben Minuten (66. und 73. Minute) die Partie drehte.

Und er war es auch, der das Stadion zum Kochen brachte mit seinem späten Treffer in der Nachspielzeit. Dabei hatte der 33-Jährige im ganzen Spiel nur 26 Ballkontakte, er schoss dreimal aufs Tor. „Weltklasse“ nannte diese Quote Mittelfeldspieler Marc Stendera. „Siege in letzter Minute sind die schönsten Siege“, freute sich später der Trainer Veh.

Drei wichtige Punkte im Abstiegskampf

Warum diese Partie aber kippte, warum die Eintracht als glücklicher Gewinner vom Platz ging, so ganz genau konnte er das nicht sagen. Solche Phänomene kann man nicht erklären, „das ist der Sport“, versuchte es Veh. „Wolfsburg hätte gewinnen müssen, aber wir haben gewonnen.“ Im Grunde wären die Hessen auch mit einem 2:2 zufrieden gewesen, alles lief – nach Andre Schürrles Ausgleichstreffer (79.) nach Vorarbeit des eingewechselten und mit Pfiffen empfangenen Frankfurter Bubs Sebastian Jung – auf ein Unentschieden hinaus, dann überschlugen sich die Ereignisse.

Es war Makoto Hasebe, der ein bisschen zum heimlichen Gewinner wurde, denn er kratzte in der ersten Minute der Nachspielzeit einen Schuss des Portugiesen Vieirinha von der Linie. Es wäre das Wolfsburger Siegtor gewesen, im Gegenzug markierte Meier das glücklichen Tor zum 3:2-Endstand – nachdem Fabian zuvor Vieirinha per Beinschuss düpiert hatte. Es war ein Happyend wie aus dem Lehrbuch. Denn wenige Augenblicke nach dem Treffer pfiff Schiedsrichter Knut Kircher diese Partie ab. „Ich bin sprachlos“, sagte Bruchhagen glücklich. „Aber wir sind zu Hause immer in der Lage, unkonventionelle Tore zu schießen.“ Veh: „Auch wenn der Sieg nicht verdient war, sind wir als Mannschaft aufgetreten.“

Es waren drei eminent wichtige Punkte im Abstiegskampf. Immerhin hat die Eintracht jetzt sechs Punkte Vorsprung auf einen direkten Abstiegsplatz. Womöglich wichtiger noch ist, dass dieser unverhoffte Erfolg dem Team neues Selbstvertrauen gegeben haben dürfte. Gerade im Kampf um den Klassenerhalt spielt sich vieles im Kopf ab, gewinnt die Psyche eine besondere Bedeutung. Insofern war der unverhoffte Sieg in letzter Sekunde Balsam für geschundene Frankfurter Seelen.

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