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Eintracht-Krise Crash-Kurs unter Zeitdruck

Frankfurts neuer Trainer Niko Kovac lässt keinen Zweifel daran, wie er die Eintracht aus der Krise holen will: durch Arbeit und eine klare Ansprache.

Schaut im Training genau hin: Niko Kovac, der neue Eintracht-Trainer. Foto: Heiko Rhode

So viele Zuschauer, wie vor fünf Jahren beim ersten Training des großen Zampanos Christoph Daum waren an diesem Mittwochvormittag nicht in den Stadtwald geströmt, um der Morgenarbeit des neuen Coaches Niko Kovac beizuwohnen. Und der Hessische Rundfunk übertrug auch nicht live vom Trainingsplatz. Das mag damit zusammenhängen, dass Niko Kovac schon am Dienstagnachmittag seine allererste Einheit mit den Profis von Eintracht Frankfurt erfolgreich hinter sich gebracht hatte. Aber es waren dennoch deutlich mehr Kiebitze als sonst hinter die WM-Arena gepilgert, um genau zu beobachten, wie die Gebrüder Niko und Robert Kovac die schwächelnde Eintracht wieder auf Vordermann zu bringen gedenken. Und die knapp 500 Zuschauer, darunter auffällig viele Landsleute des Trainergespanns, erfuhren es sogleich, wie der neue Hoffnungsträger seine Herkulesaufgabe anzugehen gedenkt: Mit viel Arbeit.

Es wird viel geredet

Niko Kovac hat deutlich die Zügel angezogen. Schon am Tag zuvor hatte er die Mannschaft, die schon eine knackige Einheit am Morgen in den Knochen hatte, hart rangenommen, auch gestern morgen verlangte er einiges von dem ins Trudeln geratenen Team: „Wir wollen alle Momente des Fußballs abarbeiten“, sagte der 45 Jahre alte Coach nach der mehr als 90 Minuten währenden Einheit, die mit einigen langen, kräfteraubenden Sprints abgeschlossen wurde. Vor der Einheit hatte er die Mannschaft in der Kabine mit Videos auf den nächsten Gegner Borussia Mönchengladbach eingeschworen, er hat viel erklärt und gesprochen. „Die Jungs müssen verstehen, dass wir einen Plan haben“, sagte Kovac, der die Mannschaft erst 30 Minuten nach dem angesetzten Trainingsbeginn auf den Rasen geschickt hat.

Auffällig ist, dass Niko Kovac viel und intensiv mit der Mannschaft redet. Er hat eine klare Ausrichtung, eine klare Ansprache, redet Tacheles und kommt auf den Punkt. „Ich habe schon als Spieler auf dem Platz viel kommuniziert“, sagt Kovac selbst. Seine Ansprache kommt offenbar bei den Spielern auch an. „Er versucht, viel mit uns zu reden. Das ist so seine Art“, sagte Mittelfeldspieler Marc Stendera, der wegen eines Muskelfaserrisses am gestrigen Mittwoch nur ein leichtes Lauftraining absolvieren konnte und für die Partie am Samstag in Mönchengladbach definitiv nicht zur Verfügung stehen wird.

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Auch Marco Russ, der als junger Profi selbst noch gegen Niko Kovac gespielt hat, ist angetan vom neuen Mann: „Er bringt frischen Wind rein, man merkt, dass er viele Jahre in der Bundesliga gespielt hat und dass es noch nicht so lange her ist. Er ist einer, der nie aufgibt, ein akribischer Arbeiter, der immer Gas gibt. Natürlich bringt das einen Ruck.“ Russ war es, der noch nach dem 1:1 gegen Ingolstadt eine Lanze für Armin Veh gebrochen hat und glaubte, auch mit dem alten Coach die Klasse erhalten zu können. Auch jetzt ist er noch dieser Auffassung. „Wir Spieler haben nicht so das große Mitspracherecht. Man hat dem Trainer ein wenig einen Gefallen getan, die Stimmung war ja gegen ihn, nicht nur während des Spiels, auch schon davor.“

Die Mannschaft, sagte der Ersatz-Kapitän am Mittwoch, stünde aber auch „zu 100 Prozent“ hinter der Entscheidung des Vorstandes, mit neuem Personal an leitender Stelle den Turnaround zu versuchen. „Und wir stehen zu 100 Prozent hinter unserem neuen Trainer.“
Marco Russ („Jetzt fängt ein neues Kapitel an“) sagte aber auch: „Es war offensichtlich, dass wir viele taktische Fehler gemacht haben, die zu Gegentoren geführt haben.“ Gerade im taktischen Bereich will der neue Trainer den Hebel ansetzen. „Die Taktik“, sagt der Kroate, „kann entscheidend sein“. Entsprechend genau will er hinschauen, wie verhält sich jeder einzelnen Spieler in den entsprechenden Situationen. Und wenn Kovac etwas nicht passte oder er Fehler entdeckte, dann unterbrach er sofort die Übung und erklärte es. „Wir haben viel aufzuholen“, assistierte auch Stendera.

Erst die Defensive

Im gestrigen Training probierte das Brüderpaar vieles aus. In erster Linie das Spiel gegen den Ball, wenn der Gegner im Angriff ist, also das Verhalten in der Defensive. „Dann kommt die Offensive dran.“ Entscheidend sei, dass „wir als Team, als Einheit auftreten“. Interessant war auch, dass Kovac im Trainingsspielchen Umstellungen vornahm. Rechtsaußen Stefan Aigner zum Beispiel spielte auf dem linken Flügel, Linksfuß Haris Seferovic auf dem rechten. Allerdings ist Kovac schon der Meinung, dass die Spieler dort eingesetzt werden sollten, wo sie sich am wohlsten fühlen und wo sie sich zu Hause fühlen. „Jeder sollte auf seiner Lieblingsposition spielen. Da bringt er am meisten für die Mannschaft.“

Zudem nahmen auch die ewig lange verletzten Luc Castaignos und Stefan Reinartz wieder am Mannschaftstraining teil, Castaignos ist sogar schon weiter als der defensive Mittelfeldspieler und könnte in naher Zukunft in den Kader zurückkehren. Und auf einmal tauchte in der vermeintlichen A-Elf auch mal wieder Constant Djakpa auf, der zwischenzeitlich komplett in der Versenkung verschwundene Ivorer.

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Auch dieses ist klar: Kovac hat den Konkurrenzkampf wieder entfacht. Den gab es ja zuletzt unter Trainer Veh gar nicht mehr, wie Marco Russ freimütig einräumte: „Ich will jetzt nicht sagen, dass die Stammspieler zu selbstsicher waren, aber man weiß, dass die in der zweiten Reihe ein bisschen den Kopf hängen lassen. Jetzt wittert jeder seine Chance, das stachelt jeden Einzelnen an, das pusht die Mannschaft.“

Niko Kovac, das hat er am Dienstag bei Eintracht-TV gesagt, will in Frankfurt „alles auf den Kopf stellen, was auf den Kopf zu stellen ist“. Er müsse, angesichts der Kürze der Zeit, praktisch „einen Crashkurs fahren“ und versuchen, „vieles reinzupumpen in die Mannschaft“. Allerdings,und das weiß der langjährige, frühere Bundesligaprofi nur zu gut, dürfe man die Profis auch nicht überfrachten, „es darf kein overload geben“.

Entscheidend wird aber zudem sein ein, wie und ob es der 45-Jährige schafft, die Blockade in den Köpfen der Spieler zu lösen. „Fußball spielen können sie“, hat er gleich festgestellt. Auch mit der Einstellung sei er sehr zufrieden. „Wenn die Einstellung stimmt, bin ich glücklich. Die Jungs sind sehr hellhörig, sie ziehen zu hundert Prozent mit , sind sehr fokussiert. Ich habe von allen einen sehr guten Eindruck und bin optimistisch, dass wir es schaffen.“

Fragezeichen bei Zambrano

Viel Zeit freilich bleibt nicht, ohnehin hängen die Trauben in den Auswärtsspielen bei Mönchengladbach, Bayern München, und Bayer Leverkusen sowie zu Hause gegen Borussia Dortmund ziemlich hoch. Streng genommen bleiben der Eintracht nur die fünf Spiele gegen die Teams auf Augenhöhe (Hannover, Hoffenheim, Darmstadt, Mainz und Bremen), um die erforderlichen Punkte für den Klassenerhalt zu holen. „Ich wäre fehl am Platz, wenn ich die weiße Flagge hissen würde“, sagte Kovac, auch nach Mönchengladbach am kommenden Samstag wolle man fahren, „um zu gewinnen“. Aber klar ist auch: Der absolute Fokus ist auf die Partie danach zu Hause gegen den Tabellenletzten Hannover 98 mit dem Ex-Eintracht-Trainer Thomas Schaaf gerichtet.

Ob Stopper Carlos Zambrano, der sich einen kleinen Muskelfaserriss zugezogen hat und am Mittwoch nur laufend unterwegs war, und/oder Alexander Meier, der wegen seiner Kniebeschwerden weiterhin nicht trainieren können, spielen werden, ist höchst ungewiss. „Wir wollen da kein Risiko eingehen.“ Der leicht erkrankte Aleksandar Ignjovski trainierte nur individuell, Mijat Gacinovic plagt die Grippe. Torwart Lukas Hradecky, der sich am Dienstag im Training einen Hexenschuss geholt hat, dürfte bis zum Gladbach-Spiel wieder auf dem Damm sein und das Frankfurter Allerheiligste hüten. Er ist im Augenblick unersetzlich für diese Mannschaft.

Niko Kovac und sein Bruder jedenfalls wollen alles dafür tun, die Wende zum Guten zu schaffen. „Wir werden Tag und Nacht arbeiten, 24 Stunden mal sieben Tage.“ Beide erhoffen sich eine gewisse Aufbruchstimmung, die alle erfassen muss, Spieler, Trainer, Vorstand und die Fans. „Die Mannschaft ist gut genug, um da unten herauszukommen. Die Jungs sind willig. Und sie haben in der Vergangenheit ja genug Negatives erlebt.“ Es wird Zeit, mal wieder ein Erfolgserlebnis feiern zu können.

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