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Eintracht-Kader Engpass an neuralgischen Stellen

Nun ist das passiert, was Eintracht Frankfurt nicht hätte passieren sollen: Viele Stammspieler fallen aus, und die Disbalance des Kaders schlägt voll durch.

Es funkelt mal wieder Rot: Nun hat es Eintracht-Verteidiger David Abraham erwischt, er war überfällig.
Es funkelt mal wieder Rot: Nun hat es Eintracht-Verteidiger David Abraham erwischt, er war überfällig. Foto: EPA

Vor dem vermeintlich ungleichen Duell mit dem vermeintlichen Leichtgewicht aus Ingolstadt hat der Trainer des vermeintlichen Schwergewichts aus Frankfurt einen Satz gesagt, der kaum Beachtung fand und so ein bisschen unterging. „Wir hatten bisher wenige Verletzungen“, bedeutete Niko Kovac also. „Wenn wir zwei, drei Spieler nicht bei uns haben, ist das nicht so leicht aufzufangen.“ Eine nüchterne und gleichwohl treffende Einschätzung, die für die nahe Zukunft jedoch keine Bilder in rosarot malen lässt.

Die Frankfurter Eintracht wird nun, nach fünf Partien und drei Niederlagen im neuen Jahr, zeigen müssen, ob sie wirklich in der Lage ist, mehrere Ausfälle zu verkraften, Ausfälle von absoluten Stammkräften und Führungsspielern. Sehr viel spricht zurzeit nicht dafür.

In Berlin bei der Hertha werden am Samstag David Abraham wegen einer Rotsperre, Jesus Vallejo wegen eines Muskelfaserrisses und Omar Mascarell wegen seiner zehnten Gelben Karte nicht zur Verfügung stehen. Ein Schlag ins Kontor, zumal ja der Spielgestalter und beste Scorer Marco Fabian (drei Tore, sechs Vorlagen) seit Beginn dieses Jahres mit einer schweren Rückenverletzung ausfällt und weiterhin unpässlich sein wird. Ein Verlust, der so langsam durchschlägt.

Es war klar, dass Eintracht Frankfurt nur deshalb so lange auf einer Erfolgswelle reiten konnte, weil die Mannschaft in der Hinrunde so gut wie unverändert auflaufen konnte – von einer selbst gewollten und dezenten Rotation in vorderster Linie mal abgesehen. Diese Zeiten sind perdu. David Abraham hat der Mannschaft einen Bärendienst erwiesen. Die Hinausstellung des Argentiniers war berechtigt und irgendwie auch überfällig. In Freiburg und gegen Hoffenheim war er ungeschoren davongekommen, gegen Darmstadt hatte er Glück, dass sein ungeschickter Rempler gegen Peter Niemeyer keinen Strafstoß zur Folge hatte. Die Einlassung von Sportdirektor Bruno Hübner, wonach die Schiedsrichter sich auf Abraham „eingeschossen“ hätten, greift zu kurz. Abraham selbst ist der, der sein Einsteigen auf dem Feld hinterfragen muss.

Dass die Referees nach den Verfehlungen der Vergangenheit eher mit Argusaugen auf ihn schauen werden, war sowieso klar. Das wussten auch die Verantwortlichen der Eintracht, weshalb sich Trainer Niko Kovac nach dem Darmstadt-Spiel verzweifelt für den 30-Jährigen in die Bresche warf und vehement ausrief: „Ich lasse nicht zu, dass David an den Pranger gestellt wird.“ Das hat er ohnehin selbst geschafft.

Dabei ist Abraham ein feiner Kerl mit hoher sozialer Kompetenz und kein Provokateur oder Bad Boy im klassischen Sinne, was ihn etwa von Carlos Zambrano unterscheidet. Abraham wird der Eintracht fehlen, weil er sportlich und auch menschlich eine Größe ist.

Kartenflut ist kein Zufall

Genauso wie Jesus Vallejo, der sich einen Muskelfaserriss zuzog und sicherlich einige Wochen ausfallen wird. Nun ist genau das eingetreten, was die Hessen vermeiden wollten: Ein Engpass an neuralgischen Stellen. Und es kann sogar noch schlimmer kommen: Bastian Oczipka und Timothy Chandler drohen nach je vier Gelben Karten ebenfalls Sperren. Die Eintracht ist ohnehin die Mannschaft der Liga, die die mit Abstand meisten Karten sammelt: 55 Gelbe, eine Gelb-Rote, vier Rote Karten – natürlich ist sie mit dieser Flut das Schlusslicht der Fairplaywertung. Das ist kein Zufall und alles andere als hilfreich.

Wie die Frankfurter die Absenz der etatmäßigen Innenverteidigung schultern wollen, ist nebulös. Bastian Oczipka wird in Berlin wahrscheinlich in die zentrale Deckung rücken und Taleb Tawatha links verteidigen. Das erscheint nicht mal als die größte Baustelle, die könnte eher Michael Hector werden, der nun schon zum wiederholten Male seine fehlende Klasse unter Beweis stellen durfte. Gegen Ingolstadt offenbarte der Jamaiker mit englischen Wurzeln wieder erhebliche und erschreckende Defizite.

Vielleicht rächt es sich nun, dass die Eintracht im Winter in Andersson Ordonez nur einen Perspektivspieler verpflichtet haben, der sich überdies prompt am Knie verletzte und weiterhin ausfällt. Andererseits waren den Hessen die Hände ein Stück weit gebunden, weil sie auch durch die Wintertransfers vor einem Jahr in ihrem finanziellen Spielraum eingeschränkt waren.

Und doch schlägt nun eine gewisse Disbalance im Kader durch, während in der Offensive genügend Akteure an Bord sind, sieht das im hinteren Bereich ganz anders aus. Im defensiven Mittelfeld klafft nämlich ebenfalls eine Lücke. In Omar Mascarell steht nur noch ein richtiger Abräumer parat – wenn man mal von Makoto Hasebe absieht, der diesen Part nun zwangsläufig übernehmen muss, in der Dreierabwehrkette aber sehr viel wertvoller ist.

Fünf Erfolgsgaranten fehlen

In Max Besuschkow ist zwar noch ein nomineller „Sechser“ geholt worden, doch ob er den Ansprüchen genügt, lässt sich nicht zweifelsfrei sagen. Der Neuzugang von der zweiten Mannschaft des VfB Stuttgart hat bei seinem einzigen richtigen Spiel in Hannover im DFB-Pokal eine durchwachsene Darbietung gezeigt.

Und so darf bezweifelt werden, dass es eine gute Idee war, den erfahrenen Mittelfeldspieler Szabolcs Huszti nach China ziehen zu lassen. Eine Entscheidung, die nachvollziehbar war, weil der Ungar unbedingt dem Lockruf des Geldes folgen wollte, doch er fehlt an allen Ecken und Enden. Da stellt sich die Grundsatzfrage, ob man sich über die Interessen und den monetären Benefit eines Spielers (Huszti soll in China drei Millionen Euro netto einstreichen) stellen kann oder eben nicht – dann auf die Gefahr hin, einen unzufriedenen und daher vielleicht auch unbequemen Akteur in seinen Reihen zu wissen.

So oder so: Nimmt man die Partie am Wochenende in Berlin als Maßstab, dann fehlen den Frankfurtern gleich fünf unangefochtene Stammkräfte, die zur Erfolgself der Hinrunde zählten. Wie soll eine Mannschaft, die von Platz 16 aus und quasi mit einem gerade so behobenen Totalschaden ins Rennen ging, solch einen Aderlass kompensieren? „Wir werden uns etwas überlegen, dazu sind wir Trainer da“, sagt Kovac. Doch ein Coach ist ja kein Zauberer und zuweilen sind auch ihm die Hände gebunden.

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