Lade Inhalte...

Eintracht in der NS-Zeit "Juddebube" im ideologischen Gleichschritt

Buchautor Matthias Thoma beleuchtet detailgenau die Geschichte von Eintracht Frankfurt in der NS-Zeit.

25.04.2007 00:04
WOLFGANG HETTFLEISCH
WIRECENTER
Schiff ahoi! Der Besuch der Eintracht-Mannschaft von 1938 in Hamburg war erkennbar gesellig, erfolgreich war er aber nicht: Das Endrundenspiel beim HSV ging mit 0:5 verloren. Foto: Vereinsarchiv Eintracht

Die Frankfurter Eintracht ist ein Lebenselixier für Matthias Thoma. Der gelernte Bankkaufmann ist ein Fan des mainischen Fußballklubs, kümmert sich ums Vereinsarchiv und hat sich mit Veröffentlichungen zur Vereinsgeschichte einen Namen gemacht. Seit Jahren beschäftigt sich der 34-Jährige auch mit einem Thema, das bei vielen Traditionsklubs nur zögerlich oder gar nicht angegangen wird: die Geschichte des Vereins in der NS-Zeit. Nun hat Thoma ein Buch darüber vorgelegt: "Wir waren die Juddebube."

Die Bezeichnung resultiert aus der Weimarer Zeit. Wegen ihres offiziellen Amateurstatuts waren viele Eintracht-Kicker damals pro forma bei der jüdisch geleiteten Schuhfabrik J. & C. A. Schneider (im Volksmund damals: "Schlappeschneider") beschäftigt. In Frankfurt und Umgebung ist der Begriff bis heute geläufig. Gleiches lässt sich über die Schicksale der jüdischen Sportler, Offiziellen und Gönner der Eintracht, die den Verein vor 1933 prägten, nicht sagen. Eine Lücke, die Thoma nun schließt.

Jahrelang wühlte sich der Autor durch Archive, wälzte Akten und befragte eine Vielzahl von Zeitzeugen. Herausgekommen ist eine auch sprachlich ansprechende Übersichtsdarstellung, in der sich Thoma erfolgreich bemüht, ein Sittenbild vom Mikrokosmos des Frankfurter Großvereins in der NS-Zeit zu entwerfen. Weil Thoma neben dem ereignisgeschichtlichen Überblick zugleich eine wertvolle biografische Sammlung abliefert, umfasst seine Schilderung auch die späten Jahre der Weimarer Republik und die Nachkriegszeit. Zugleich leistet er einen Beitrag zu einer Diskussion, die vor Jahresfrist beim DFB-Symposium "Fußball unterm Hakenkreuz" geführt worden war: Verfügte der organisierte Sport in den ersten Jahren der Nazi-Herrschaft über Spielräume, die ihm eine relative Autonomie ermöglichten und die jüdischen Sportlern und Funktionären einen begrenzten Schutz boten?

Wie vor ihm schon die Historiker Nils Havemann (Fußball unterm Hakenkreuz) und Markwart Herzog (Der Betze unterm Hakenkreuz) beantwortet Matthias Thoma die Frage mit einem Ja. Zwar wurden auch bei der Eintracht die Spitzenpositionen nach der Machtergreifung durch Leute besetzt, die dem Regime als politisch verlässlich galten, und jüdische Eintrachtler wurden aus dem Verein gedrängt. Doch Thoma zeichnet ein differenzierteres Bild. Als etwa Kicker-Gründer Walther Bensemann, der einst den Eintracht-Vorläuferklub Kickers Frankfurt aus der Taufe gehoben hatte, im November 1934 in der Schweiz starb, würdigten die Vereins-Nachrichten der Eintracht den jüdischen Pionier und Gründervater in einem Nachruf als "vorbildlichen Menschen".

Der jüdische Fußballer Julius "Jule" Lehmann lief noch 1937 in der dritten Mannschaft der Eintracht auf. Und als die Leichtathletinnen Gertrud, Erika und Ilse Jack wie ihr Cousin Kurd-Roland Roesler 1935 - im Jahr der Nürnberger Rassegesetze - wegen eines jüdischen Großvaters beim SC 1880 Frankfurt rausflogen, sah man bei der Eintracht keinen Hinderungsgrund, das Quartett aufzunehmen.

Kein Hort des Widerstands

Bildeten die "Juddebube" vom Main also einen Hort des Widerstands? Sicher nicht. Die Leute, die den ehedem bürgerlich und liberal verfassten Verein in der NS-Zeit führten, tragen bei Thoma vielmehr den zeittypischen Mix aus Opportunismus und Karrierestreben, Machtkalkül und ideologischem Wahn. Thoma scheut sich nicht, auch an die fragwürdige Rolle zu erinnern, die Rudolf Gramlich im Dritten Reich spielte, der 1938 mit nur 30 Jahren zum Vereinsführer bestellt wurde. Der 1988 gestorbene frühere Nationalspieler, von 1955 bis 1970 Präsident des Klubs, gehörte 1939/40 einem Totenkopfregiment der Waffen-SS an und stand im Verdacht, an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein. Die Eintracht-Legende galt den alliierten Behörden zunächst als "Hauptschuldiger", wurde in einem Spruchkammerverfahren 1947 aber mangels Beweisen als minderbelastet eingestuft und aus der Internierungshaft entlassen.

Ziemlich sicher profitierte Gramlich von der "Arisierung" jüdischen Eigentums. Der ursprünglich beim "Schlappeschneider" beschäftigte Nationalspieler wohnte von 1943 an im drei Jahre zuvor "arisierten" Haus eines jüdischen Fabrikanten in der Arndtstraße. 1938 erwarb Gramlich mit zwei Teilhabern die Firma des Lederkaufmanns Herbert Kastellan. In späteren Jahren betonte er stets, man habe dem jüdischen Vorbesitzer helfen wollen und ihn angemessen bezahlt. Die detailliert belegte Darstellung von Matthias Thoma lässt diese Version zumindest sehr fragwürdig erscheinen.

Kastellans Spur verliert sich im KZ Litzmannstadt. Ermordet - wie viele Juden aus der alten Eintracht-Familie. Andere retteten sich in die Emigration. Selbst jene, die nie wieder einen Fuß auf deutschen Boden setzen sollten, fühlten sich der Frankfurter Eintracht zeitlebens verbunden.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen