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Eintracht Frankfurt Zwischen Frust und Lust

Eintracht-Vorstand Fredi Bobic fiebert dem Finale entgegen und beklagt Schwarzmalerei.

Fredi Bobic und Timo Boll
Zur Abwechlung mal mit kleinem Ball: Tischtennis-Ass Timo Boll (r.) besuchte die Eintracht und testete Vorstandsboss Fredi Bobic. Foto: Hübner

Am Samstag steht in der Bundesliga das Saisonfinale an, in Frankfurt erwartet die Eintracht den Aufsteiger RB Leipzig, der aber kein normaler Aufsteiger ist, sondern ein ganz ungewöhnlicher Bulle, weil hochgezüchtet und schon vor dem letzten Spieltag Vizemeister. Das gibt es nicht so oft. Die Arena im Stadtwald wird voll sein. Klingt nach einem würdigen Schlussakkord einer langen Saison. Ohnehin gab es insgesamt nur 50 Kündigungen von Dauerkarten-Tickets. Um der großen Nachfrage gerecht zu werden, wird die Dauerkartenanzahl für die neue Saison um 1000 auf 28 000 erhöht.

Und doch hat sich in Frankfurt eine merkwürdige Stimmung breitgemacht, die Partie ist irgendwie zur Nebensache geworden. Das hat zweierlei Gründe. Zum einen überlagert das DFB-Pokalfinale in neun Tagen gegen Borussia Dortmund alles, da hat das Hier und Jetzt kaum eine Chance. Zum anderen hat die Eintracht bislang eine denkbar schlechte Rückserie gespielt mit zwölf Punkten und einem Sieg in den vergangenen 14 Partien.

Nach der letzten Pleite in Mainz waren selbst die Hardcore-Fans nicht mehr so erfreut und wagten es tatsächlich, die eine oder andere Unmutsbekundung abzugeben. Torwart Lukas Hradecky hatte dafür Verständnis: „Als Fan hätte ich auch gepfiffen, das ist doch klar.“

Die Eintracht-Verantwortlichen wissen logischerweise ebenfalls, dass die Rückrunde ziemlich miserabel verlief, und doch wehren sie sich gegen zu viel Schwarzmalerei und Schlechtmacherei. Sportvorstand Fredi Bobic wurde dieser Tage sehr deutlich, weil er die Stimmung und auch die Berichterstattung generell als zu negativ empfindet. Die Verärgerung war ihm anzusehen und anzuhören.

„Wo kamen wir denn her?“, fragte er also und meinte die Relegation, „das wird hier sehr schnell vergessen.“ Und auch vor dieser Runde sei die Skepsis riesengroß gewesen. „Wir sind doch mit Darmstadt 98 als Abstiegskandidat Nummer eins gehandelt worden.“

Die Ausschläge zwischen himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt sind dem 45-Jährigen zu heftig, er warb um etwas mehr Weitsicht und Verständnis in der Betrachtungsweise und den Analysen, forderte ein wenig mehr Demut und Geduld ein. „Man kann in einem Jahr nicht alles umkrempeln.“

Außerhalb Frankfurts werde dem Projekt Eintracht sehr viel mehr Anerkennung geschenkt als im Dunstkreis des Vereins, auch Platz elf würde überregional als Erfolg gesehen. In Frankfurt aber sei das Glas immer halb leer. Das liegt natürlich an der desaströsen Rückrunde, die die sehr gute Hinserie übertünchte.

Die Saison wollen sich die Verantwortlichen aber nicht mies machen lassen. Die Eintracht hat sich ohnehin eine Wagenburgmentalität zugelegt, kapselt sich ab, alles, was von außen kommt, wird als Angriff wahrgenommen. Das war früher mal anders.

Eintracht Frankfurt, und das ist das Besondere an dieser Spielzeit und der momentanen Situation, kann aus dieser Saison, die in der Bundesliga aufgrund der formidablen Hinrunde und dem folgenden Einbruch allenfalls noch als mäßig angesehen werden kann, noch eine gute machen. Dann nämlich, wenn sie eben am übernächsten Samstag das Pokalendspiel in Berlin gegen den BVB gewinnen sollte. „16 von 18 Bundesligisten beneiden uns um dieses Spiel“, sagte Bobic, womit er zweifelsohne Recht hat.

Für einen Sieg gegen den haushohen Favoriten Borussia Dortmund spricht nicht viel, andererseits, das ist ja hinlänglich beschrieben, ist in einer einzigen Begegnung, einem Finale, vieles möglich. Bobic glaubt zudem: „Wir haben schon gewonnen, weil wir überhaupt im Finale sind.“ Das ist bei der Borussia anders.

Die Eintracht will sich in Berlin von ihrer Schokoladenseite zeigen und Werbung in eigener Sache machen. „Wir haben die Chance, uns dort zu präsentieren, die Eintracht und die Stadt Frankfurt. Das ist ein ganz, ganz großes Erlebnis“, sagte Bobic und erinnerte an die Strahlkraft dieses letzten Highlights-Spiels der Saison: „Das wird nicht in zehn Länder, sondern in 100 Länder übertragen, das ist auf dem ganzen Globus zu sehen.“

Das ist auch für Vorstand Axel Hellmann ein netter Nebeneffekt, er hat stets die Reichweitenentwicklung im Blick, setzt am Drehkreuz Frankfurt auf die Internationalisierung. Die Marke Eintracht soll wachsen und bekannter werden, das regionale Zugpferd soll über den Stadt- und vielleicht sogar Landesgrenzen hinweg wahrgenommen werden. „Wir wollen die Eintracht in die Welt tragen, aber auch in der Region weiter Präsenz zeigen“, sagte er kürzlich.
So ein Finaleinzug und womöglich gar ein Pokalsieg würde diese Entwicklung sicher nicht katapultartig beschleunigen, aber den Klub wieder ein Stückchen nach vorne bringen. Hellmann mahnte stets Geduld an: „Internationalisierung bringt keine kurzfristigen Erfolge. Das ist ein langer Prozess. Vielleicht werden wir erst in drei, vier Jahren ernten, was wir jetzt säen.“

Bobic sieht zudem die Chance, mit einem guten Gefühl und guten Referenzen in die Sommerpause zu gehen. „Ein Pokalsieg gibt dir positive Energie.“ Er schwärmt von der besonderen Finalatmosphäre in Berlin, diesem Flair, „das Drumherum ist einzigartig, ich freue mich riesig darauf, das wird ein cooles Ding.“ Und auch für die Spieler, von denen noch nicht so viele dieses Final-Fluidum erlebt haben, sei es ein Glanzlicht ihrer Karriere: „Sie werden dieses Spezielle spüren, das ist eine Riesengeschichte für die Jungs.“

Aber erst einmal steht noch mal der so mühselig gewordene Alltag an, am Samstag in Frankfurt gegen den Vizemeister RB Leipzig.

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