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Eintracht Frankfurt Wackeliges Gebilde

Keiner weiß so richtig, wo Eintracht Frankfurt im Januar 2016 eigentlich steht. Zum Rückrundenauftakt muss die Mannschaft von Armin Veh Farbe bekennen.

Einer der Neuen: Leihspieler Kaan Ayhan kam aus Schalke. Foto: dpa

Beim jungen Frankfurter Außenbahnspieler Mijat Gacinovic sollte man die Worte sicherlich nicht auf die Goldwaage legen. Der bald 21-Jährige ist neu im fremden Land, er beherrscht die Sprache noch nicht sonderlich gut, und wer den Serben mal im Gespräch erlebt hat, der weiß sowieso, dass große Töne spucken oder Kampfansagen eher nicht sein Ding sind. Und doch hat er, recht unbedarft und ehrlich, dieser Tage ein, zwei bemerkenswerte Sätze gesagt. Als er gefragt wurde, mit welchen Erwartungen er in die Rückrunde gehe, antworte er knapp: „Wir haben eine gute Mannschaft. Das müssen wir nur auf dem Feld zeigen. Der Klassenerhalt sollte eigentlich kein Problem sein.“ Schließlich schob er nach: „Das hoffe ich zumindest.“

Der junge Mann ist da gewiss etwas optimistischer als andere, und dazu muss man kein notorischer Schwarzmaler sein. Dass der Klassenerhalt in dieser Saison kein Selbstläufer werden wird, davon gehen fast alle im internen Zirkel der Eintracht aus. Selbst Bruno Hübner, der stets zuversichtliche Sportdirektor, glaubt nicht daran, dass die Mannschaft den Abstiegskampf schnell abschließen wird. Man müsse damit rechnen, bis zum Schluss um den Ligaverbleib kämpfen zu müssen. Das kann in der Tat so sein.

Fabian braucht noch Zeit

Die Eintracht hat zwar den groß angekündigten Neustart vollzogen, drei neue Spieler präsentiert, die mithelfen sollen, den Konkurrenzkampf im Kader zu erhöhen und dadurch ein paar Prozentpunkte zusätzliche Leistung herauszukitzeln. Kaan Ayhan, Szabolcs Huszti und Marco Fabian sind hinzugekommen. Gerade Huszti und Fabian haben in der Offensivabteilung mal mehr (Huszti) und mal weniger (Fabian) gezeigt, dass sie eine Bereicherung für das Team sein können. Der Mexikaner Fabian braucht noch etwas Zeit, um sich zu akklimatisieren und sich an die Gegebenheiten anzupassen. Alles andere wäre auch unnormal. Und doch hat er gerade im letzten Testspiel gegen Eintracht Braunschweig gezeigt, dass mit ihm zu rechnen ist.

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Doch diese Transfers werden das Ensemble nicht mit einem Schlag auf ein anderen Level hieven. Davon war allerdings auch nicht auszugehen. Es ist vielmehr so, dass Trainer Armin Veh mehr Alternativen hat und der Druck auf so manchen arrivierten Spieler zunehmen wird. Gerade in der Offensive. Stefan Aigner hat das schon leidvoll erfahren müssen.

Man muss generell festhalten, dass es, seriös betrachtet, nur wenig Grund zu überbordendem Optimismus gibt. Dass die Eintracht nach einer völlig missratenen Hinrunde nun das Feld von hinten aufrollen wird, scheint wenig realistisch. Weshalb sollte jetzt, nach zweieinhalb Wochen Pause und drei Wochen Vorbereitung, alles gut sein, was vorher weniger gut war, weshalb sollte alles glänzen, was zuvor allenfalls matt dämmerte? Damit ist im Normalfall nicht zu rechnen.

Natürlich war das Trainingslager in Abu Dhabi eine rundum gelungene Sache. Trainer Armin Veh war gegen Ende des Camps tiefenentspannt und guter Hoffnung, mit seiner Mannschaft die Kurve zu bekommen. Er wähnte sein Team auf einem guten Weg. So wie es auch im Sommer war.

Testspiele drücken auf die Stimmung

Doch jetzt haben die Testspiele gegen Dortmund (0:4) und Braunschweig (3:3) auf die Stimmung gedrückt, die Unsicherheit ist zurück. Die Freundschaftskicks sind freilich nicht überzubewerten und ohne tiefer gehende Aussagekraft, aber sie waren andererseits nicht so, dass man zwingend von einer 180-Grad-Kehrtwende und einer schnellen Wende zum Guten ausgehen müsste. Da wird eher langer Atem gefragt sein.

Am Sonntag zum Rückrundenauftakt muss die Eintracht Farbe bekennen. Dann endlich wird man sehen, wie weit die Mannschaft ist, ob sie sich verbessert hat oder nicht, ob das fließt, was vorher nur tröpfelte. Erst nach dem Spiel gegen Wolfsburg lässt sich einigermaßen ernsthaft sagen, wo sie steht und auf welchem Leistungsstand sie sich bewegt. Momentan lässt sich das schwerlich beantworten.

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Ein Gefühl der Sicherheit hat sich während der Vorbereitung nicht eingestellt, was nicht schlecht sein muss. Dazu ist das ganze Gebilde ohnehin zu fragil, zu zerbrechlich, dazu scheint das Team nicht gefestigt genug. Das ganze Konstrukt Eintracht Frankfurt bleibt wackelig und unruhig.

Und das Umfeld ist weiterhin aufgeschreckt und alarmiert. Die Vehemenz der Kritik, gerade in den sozialen Medien, ist allerdings schon überraschend und beachtlich. Und nur dadurch zu erklären, dass viele der Rückkehr des Trainers Veh skeptisch gegenüberstanden und auf der anderen Seite im Sommer Erwartungen geschürt wurden, die die Mannschaft nach sehr ordentlichem Beginn nicht erfüllen konnte. Von Europa sprach bald niemand mehr, die Veh-Elf ist vielmehr in ein Loch gefallen, in eine mentale Umklammerung, aus der sie sich kaum mehr befreien konnte. Die Spieler befanden sich, wenn man es so ausdrücken will wie der frühere Trainer Christoph Daum, im Denkgefängnis.

Die Mannschaft war den Anforderungen und Ansprüchen nicht gewachsen, aber sie ist immerhin nicht gänzlich unter dem Druck zusammengebrochen, im letzten Hinrundenspiel raffte sie sich zu einer passablen Leistung und einem enorm wichtigen 2:1-Erfolg gegen Mitkonkurrent Werder Bremen auf. Dieser Sieg hat Hoffnung gemacht.

Wolfsburg auswärts schwach

Auch jetzt wird vieles davon abhängen, wie sie aus der Winterpause kommen wird, ob sie gleich wieder eine Niederlage wird wegstecken müssen und dann beim Angstgegner in Augsburg sofort unter Zugzwang ist. Das wäre für die Psyche nicht gut, da wäre die Angst schon früh im neuen Jahr wieder ein Wegbegleiter. Und Fußball ist zu einem Gutteil eben eine Kopfgeschichte.

Doch es kann ja genauso gut auch andersherum laufen. Der VfL Wolfsburg ist auf der Suche nach Form und sich selbst, hat eine enttäuschende Hinserie in den Knochen: 26 Punkte und Platz sieben entsprechen nicht den Ansprüchen des letztjährigen Vizemeisters. Und auswärts läuft es bei den Niedersachsen nun auch nicht so prickelnd: Nur sechs Punkte, lediglich der VfB Stuttgart hat in der Fremde weniger Zähler geholt (5). Da kann sich die Eintracht mit einem Überraschungserfolg also genauso gut Selbstvertrauen holen und einen kleinen Lauf starten. Ganz einfach, eigentlich.

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