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Eintracht Frankfurt Unheilvolles Gemisch

Wie die Frankfurter Eintracht in den Negativlauf rutschte, der zur Zeit das beherrschende Thema rund um den Verein ist.

Einer, der bisher überzeugt hat: Lukas Hradecky. Foto: dpa

Die Bundesligabegegnung des 23. Spieltags zwischen Eintracht Frankfurt und dem FC Schalke 04 zu der abenteuerlichen Anstoßzeit von 19.30 Uhr am Sonntagabend (ein Novum übrigens) ist für den so schwer ins Schlingern geratenen Bundesligisten aus dem Hessischen mal wieder eine recht bedeutsame – genauso bedeutsam, das sollte nicht unerwähnt bleiben, wie die nachfolgenden elf Partien auch.

Denn wenn nicht alles täuscht und keine mittelgroße Überraschung ansteht, dann wird die Eintracht bis zum Schluss schwer darum kämpfen müssen, die Klasse zu erhalten, und sei es über den Umweg der beiden Entscheidungsspiele gegen den Dritten aus der zweiten Liga. Dieses Szenario ist längst in den Köpfen der Spieler, des Trainers und der Sportlichen Leitung.

Es bleibt eng bis zum Schluss

Auf einen Befreiungsschlag hoffen die Frankfurter zwar irgendwie noch, aber daran glauben sie selbst nicht mehr so richtig. Ihnen ist schon lange klar, dass sie einen steinigen Weg gehen müssen und einen langen Atem brauchen werden.

Dabei sollte alles ganz anders werden, als sich die Verantwortlichen dazu entschlossen, Armin Veh zurückzuholen, der den Verein und die Mannschaft in ruhiges Fahrwasser führen sollte. Das war dem Fußballlehrer allenthalben zugetraut worden.

Armin Veh war zum zweiten Mal in Frankfurt angetreten, um der Eintracht ihre Identität wiederzugeben. Mit gepflegtem Offensivfußball, der sich über Kombinationen und Ballzirkulation definiert, sollten die Hessen zum Erfolg kommen. Ein fast schon etwas aus der Mode gekommener Ansatz, wie der Coach vor der Saison selbst bestätigte. „Ich bin ein Trainer, der Ballbesitz haben möchte. Damit komme ich mir ja schon fast vor wie ein Exot.“

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Was nicht weiter schlimm gewesen wäre, wenn seine ihm vorschwebende Interpretation des Spiels verfangen hätte. Anfangs war zumindest noch zu erkennen, was die Frankfurter vorhaben, für was sie stehen wollen, doch das ist längst verschüttet gegangen. Spätestens mit der Niederlage in Ingolstadt am achten Spieltag begann der Niedergang der Eintracht, streng genommen setzte er schon 45 Minuten früher ein. Nach der Halbzeitpause im Heimspiel gegen Hertha BSC war es vorbei mit der Eintracht-Herrlichkeit, nachdem die Frankfurter in den ersten 45 Minuten kein berauschendes, aber ein ordentliches Spiel abgeliefert hatten und mit 1:0 führten – noch Wochen später rätselten die Verantwortlichen, was danach mit der Mannschaft geschehen ist.

Kein Konzept

„Es war“, unkte Veh, „als hätte uns einer den Stecker gezogen.“ Das Dumme: Er ist offenbar nie mehr eingestöpselt worden. Seitdem dümpelt die Eintracht saftlos vor sich hin. Nach dem Berlin-Spiel haben die Frankfurter aus 15 Begegnungen noch 13 Punkte geholt, drei Siege eingefahren (in Hannover, gegen Bremen und Wolfsburg), viermal Remis gespielt (jeweils 0:0 übrigens) und acht Mal verloren. Sie haben noch genau 14 eigene Treffer erzielt, von denen Alexander Meier acht schoss. Von den letzten sechs Eintracht-Toren machte Meier alleine fünf. Das ist ein Armutszeugnis für die gesamte Mannschaft und lässt tief blicken.

Eine Handschrift, ein Konzept lässt sicher mittlerweile sowieso nicht mehr erkennen, da ist vieles verkrampft und auf Zufall ausgelegt. Die offensiven Außenbahnspieler bringen kaum Gefahr, Alexander Meier hängt vorne in der Luft, auf der „Sechs“ ist kein Stratege am Start, der ein Spiel lenken und lesen kann. Einen dynamischen Spieler sucht man auf dieser Position ohnehin vergebens. Ein Fehler in der winterlichen Planung. Da hätte die Eintracht nicht unbedingt drei Offensivleute holen, sondern sich vielleicht eher auf die neuralgische Position vor der Abwehr konzentrieren müssen.

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Zudem: Die beiden Außenverteidiger bringen kaum mal etwas Produktives nach vorne. Im Grunde kann die Eintracht noch froh sein, dass die Innenverteidigung mit David Abraham und Carlos Zambrano ganz gut steht und Torwart Lukas Hradecky nicht nur eine echte Persönlichkeit ist, sondern den nach Paris abgewanderten Kevin Trapp längst hat vergessen machen lassen.

Mit den vielen Niederlagen nahmen die Selbstzweifel und die Verunsicherung in einem ungesunden Maß zu. Die Mannschaft ist so labil und instabil, dass ihr nicht mal kurzfristige Erfolgserlebnisse helfen, wieder in die Spur zu kommen. Dem überraschenden Sieg in Hannover folgte das schändliche Pokal-Aus in Aue. Dem achtbaren 0:0 gegen die Bayern und der guten Leistung bei der Nullnummer in Hoffenheim folgten gleich vier Niederlagen am Stück, darunter der Tiefpunkt, das 0:1 zu Hause gegen den SV Darmstadt 98. Und selbst sieben Punkte in den Partien gegen Bremen, Wolfsburg und Augsburg verschafften keine Sicherheit: Anschließend gab es noch einen Punkt, gegen den HSV vor acht Tagen.

Zu wenig Bewegung

Es mangelt im Team an Spielern, die das Heft in die Hand nehmen, die Präsenz und Standhaftigkeit zeigen. Das ist ein Grund, weshalb Veh stets auf Marco Russ setzt, der trotz einiger Defizite einer der wenigen ist, der die Mannschaft auch mal aufrütteln oder mitreißen könnte.

Zudem läuft das Team insgesamt zu wenig, was aber an der gesamten Statik im Spiel liegt. Ein Konditionsproblem haben die Frankfurter nicht, in den zurückliegenden sechs Begegnungen drehte die Eintracht fünfmal nach der Pause auf, da war der zweite Abschnitt immer deutlich besser, nur in Köln was es andersherum. Und doch fehlt der Mannschaft diese absolute Bereitschaft, sich gegen das drohende Unheil aufzulehnen – nicht weil die Spieler nicht wollen, sondern es vielleicht einfach nicht können.

Und über allem wabert dieses unheilvolle Gemisch aus enttäuschten Erwartungen und Frustration, das in einer höchst explosiven Stimmung mündet. Die Mannschaft kommt da sogar noch halbwegs schadlos davon, des Volkes Zorn richtet sich vor allem gegen den Trainer Armin Veh.

Der gibt sich äußerlich cool, wie ein Fels in der Brandung, so, als perle die Kritik an ihm ab. Aber dem ist nicht so. Der 55-Jährige ist empfindsamer als viele denken. Und es würde nicht mehr verwundern, wenn Veh nur noch ein großes Ziel antreibt: Die Mannschaft in der Klasse zu halten – und sich dann verabschieden. Sehr wahrscheinlich für immer.

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