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Eintracht Frankfurt Steine aus dem Rucksack

Rechtsaußen Stefan Aigner steht symbolhaft für die sportliche Krise bei Eintracht Frankfurt - unter Palmen kämpft er um einen erfolgreichen Neustart.

Stefan Aigner. Foto: Heiko Rhode

Stefan Aigner gehört ohne Zweifel zu den Eintracht-Profis, die die Laufwege auch im fernen Abu Dhabi bestens kennen. Er ist im vierten Jahr bei Eintracht Frankfurt und zum vierten Mal geht es im Winter an den Persischen Golf. Natürlich weiß einer wie Stefan Aigner bestens Bescheid über die besonderen Gegebenheiten in den Vereinigten Arabischen Emiraten, und natürlich gibt es, was die sportlichen Dinge angeht, nicht viel zu kritisieren: Beste Bedingungen, ein wunderschön gepflegter Rasenteppich in unmittelbarer Nachbarschaft zum drei Milliarden Dollar teuren Luxustempel Emirates Palace, wo die Hessen – ein bisschen mehr als – standesgemäß abgestiegen sind.

Als Trainer Armin Veh gestern, nach ein paar Stunden Schlaf nur, zur ersten Trainingseinheit bat, herrschten wunderbar angenehme Temperaturen 20, 21 Grad, dazu ein stahlblauer Himmel, der ideal zum sattgrün des Spielfeldes passte. „Eine gute Vorbereitung“, sagt Stefan Aigner, „ist extrem wichtig.“ Die Voraussetzungen für eine zumindest verbesserte Rückrunde scheinen offenbar gegeben, auch wenn der Rechtsaußen lange genug dabei ist, um zu wissen, dass auch die beste Präparation keine Garantie dafür bietet, erfolgreich Fußball zu spielen. Aber es stört auch nicht.

Stefan Aigner hat sich einiges vorgenommen für dieser Rückserie. Das ist nicht verwunderlich: „Man braucht nicht drum herumreden: Ich habe schon bessere Hinserien gespielt“, sagt der 28-Jährige nach der ersten Einheit im Schatten der Hoteltürme. Die Runde war nicht grottenschlecht für den gebürtigen Münchner verlaufen, sicherlich nicht, aber auch nicht so, dass er damit zufrieden könnte. „Berauschend war es nicht.“

Es war aber typisch für die Leistung der ganzen Mannschaft. Aigner steht durchaus symbolisch für dieses Team, bei dem Licht und Schatten wechselten und im Grunde der Schatten überwog. So wie bei Aigner lief es bei vielen Leistungsträgern nicht Erklären kann er es auch nicht. „Ich habe anfangs nicht gut in die Saison gefunden und dann nicht mehr in die Spur.“ Zwischenzeitlich wurde Aigner auch noch so etwas wie ein Systemopfer: Trainer Veh stellte nach einigen Rückschlägen das taktische System um, von 4-2-3-1 auf eine Raute, und damit fiel seine Position, die des Rechtsaußen, weg. Auf einmal fand sich der Stammspieler sogar auf der Ersatzbank wieder.

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Und dann kam auch noch die Verkrampfung hinzu, es unbedingt erzwingen zu wollen, und dann lief nicht mehr viel zusammen. „Ich habe mir dann auch noch selbst ein paar Steine in den Rucksack gelegt“, umschreibt Aigner die Tatsache, es ganz besonders gut machen zu wollen und dann womöglich gerade deswegen zu scheitern. Selbstbewusster wird man dadurch sicher nicht. „Da kann einem von außen auch keiner helfen.“ An Willen und Einsatzbereitschaft hat es der Bayer nun wahrlich nicht fehlen lassen, „kämpfen, beißen, kratzen - das geht immer“, sagt er. Ohnehin ist er einer, der über den Kampf kommt, der sich reinhängt, der eine gute Mentalität hat, der sich nie hängen lässt, auch im Training nicht. Und da hat er es, wenn Trainingsspiele anstehen und die A- gegen die B-Elf spielt, meist mit Constant Djakpa zu tun, einem Linksverteidiger, der im Duell keinen Deut zurückweicht. „Wir verstehen uns gut.“ Aber Djakpa sei einer, der stets hart in die Duelle Mann gegen Mann geht, und da dürfe man nicht zurückziehen, „sonst zieht man den Kürzeren und das will ich nicht“: So fliegen in den Einheiten oft genug die Fetzen, wenn die beiden aufeinandertreffen.

Aigner, der nach wie vor ein wenig den Pässen des nach innen ziehen Takashi Inui in den Lauf nachtrauert, mag es aggressiv auch im Ernstfall: „Ich habe es lieber, vorne drauf zu gehen und zu attackieren. Gerade wenn man nicht so vor Selbstvertrauen strotzt, kann man sich dieses Vertrauen durch Ballgewinne holen.“

Die Krise der Eintracht hat, klar, auch mit der Krise zahlreicher Stammspieler zu tun, neben Aigner blieben ja auch noch Bastian Oczipka, Makoto Hasebe oder Stefan Reinartz hinter ihren Möglichkeiten. Aigners Leistungseinbruch fiel aber auch deswegen so schwer ins Gewicht, weil dem Klub seine Tore fehlten. In den vergangenen drei Jahren war Stefan Aigner an 40 Toren der Eintracht direkt als Schütze oder indirekt als Vorbereiter beteiligt, neun, vier, nochmals neun Tore erzielte er in seiner Zeit bei Eintracht Frankfurt pro Saison. In dieser Hinrunde traf er ein einziges Mal nur, im letzten Hinrundenspiel gegen Werder Bremen. Es war das siegbringende 2:1, weswegen „wir noch mal mit einem blauen Auge davongekommen sind“. In der Saison 2014/15 hatte er nach der Hinrunde vier Tore erzielt und drei Vorlagen gegeben. Auch ihn hatte Trainer Veh angesprochen, als er jüngst monierte, viel zu wenig Torchancen herausgespielt zu haben. Seine Tore fehlten der Eintracht.

Aber dieses Tor gegen Werder Bremen, ein Lupfer aus kurzer Entfernung, hat ihm gut getan, richtig gut. Dieser Treffer, so kurios er auch zustande gekommen war, werde die Blockade lösen, werde ihm einen neuen Schub geben, ist sich Aigner sicher. „Dieses Tor habe ich gebraucht, nicht weil ich Egoist bin, sondern weil ich gemerkt habe, es klappt.“ Oft reicht ein Tor, ein Erfolgserlebnis, damit verschütt gegangenes Leistungspotenzial sich neu Bahn bricht. „Ich hoffe, ich kann an meine alte Form anknüpfen.“ Damit steht Stefan Aigner nicht allein, und dafür schindet er sich auch unter Palmen.

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