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Eintracht Frankfurt Sebastian Jung „Gehe ich in die Charly-Körbel-Richtung?“

Sebastian Jung spricht im Interview über seine ungeklärte Zukunft, die Perspektiven in der Nationalmannschaft und die wahnsinnige Zeit in der Europa League.

Frankfurter Eigengewächs aus dem Taunus: Sebastian Jung. Foto: Stefan Krieger

Herr Jung, haben Sie sich das letzte Spiel von Hannover 96 gegen den HSV angesehen?
Ich habe mir die Konferenz angeschaut, aber da haben sie gerade am Anfang oft und lange das Spiel in Hannover gezeigt. Sie haben sehr aggressiv gespielt, sind richtig drauf gegangen. Das war auffällig.

Und sie haben gewonnen, die Hannoveraner. Das könnte für Euch ja gut sein, jetzt ist der ganz große Druck auch bei Hannover erst mal aus dem Kessel.
Das kann gut sein, aber auch nicht. Das weiß man nie. Für uns kann es gut kann es sein, weil sie jetzt nicht mehr den hohen Druck haben, unbedingt gewinnen zu müssen. Andererseits, wenn sie hier hätten unbedingt gewinnen müssen, hätte uns das auch in die Karten spielen können. Dann hätte es sein können, dass sie verkrampfen oder dass sich Räume bieten, die wir nutzen hätten können. Aber das lässt sich vorher nie so genau sagen, das ist hypothetisch.

Und Ihr bleibt bei der Sprachregelung, dass der Klassenerhalt noch immer nicht geschafft ist?
Es ist ja so, dass noch zwölf Punkte zu vergeben sind, aber wir nur einen Vorsprung von acht Zählern haben. Da ist, mathematisch gesehen, das Thema noch nicht durch. Aber es sieht auf jeden Fall gut aus. Wir nehmen es nicht auf die leichte Schulter, aber der ganz große Druck ist natürlich nicht mehr da. Und mit einem Sieg gegen Hannover sollte die Geschichte durch sein.

Dabei habt Ihr unter Druck doch sehr gute Spiele abgeliefert. Braucht die Mannschaft diese Anspannung?
Das weiß ich wirklich nicht. Ich denke eher, dass es so war, dass das Freiburg-Spiel für uns der Knackpunkt war – obwohl wir 1:4 verloren haben.

Erklären Sie mal.
Da haben wir gesehen, dass wir mit unserem Spielstil, der so ähnlich ausgelegt war wie in der letzten Saison, am besten fahren. Also nach vorne gehen, nachsetzen, draufgehen. Und das haben wir dann auch in Nürnberg und der Englischen Woche so beibehalten. Da haben alle gemerkt, wir müssen wieder dahin zurückkommen, dass wir wieder unseren Fußball spielen.

Die Initialzündung war Ihrer Ansicht nach die 1:4-Klatsche gegen Freiburg. Das ist ja bemerkenswert.
Weil wir gut gespielt haben, wir hatten viele Chance. Auf einmal war bei uns der Knoten geplatzt, das mag sich merkwürdig anhören, aber das haben wir so empfunden. Durch diese Niederlage haben wir unseren Spielstil wieder gefunden.

Trainer Armin Veh betont, dass die Mannschaft erwachsener, reifer, abgeklärter spielt. Ist das auch Ihr Eindruck?
Wir stehen kompakter. Gerade in der Englischen Woche haben wir in den drei Spielen ja so gut wie keine Chance aus dem Spiel heraus zugelassen. Nürnberg hatte zwei Sonntagsschüsse, Gladbach zwei Gelegenheiten durch Max Kruse und Wolfsburg war eigentlich nur nach Standards gefährlich. Wir haben wenig zugelassen und trotzdem gut und schnell nach vorne gespielt. Das haben wir fast perfekt umgesetzt.

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Aber das ist trotzdem ein Unterschied zur Hinrunde der Vorsaison. Damals war das ja Hurra-Fußball ohne Netz und doppelten Boden.
Ich denke, der Hauptunterschied ist, dass wir jetzt in diesen Spielen mit drei „Sechsern“ gespielt haben, also mit Johannes Flum, Marco Russ und Martin Lanig. Das bringt defensiv natürlich Stabilität.

Aber Ihr habt ja nicht nur zerstört.
Nein, nehmen Sie Martin Lanig. Er kann „zerstören“, aber er initiiert auch immer wieder Angriffe, lässt zeitweise zwei, drei Gegenspieler mit einer Drehung stehen. Vielleicht trauen ihm einige das gar nicht zu, aber er kann das, er hat das super drauf. Er hat sehr gut gespielt, als er in die Mannschaft kam, und hatte auch gleich das Selbstvertrauen. Und, wie gesagt, die drei „Sechser“ denken vielleicht defensiver, aber können trotzdem ein Spiel nach vorne entwerfen.

Und so ein Spiel wie auf Schalke, so eine „normale“ 0:2-Niederlage, hakt man dann ruckzuck ab, oder?
So schnell dann auch nicht. Es ist schon ärgerlich, weil wir in der ersten Halbzeit ganz gut im Spiel waren. Da haben wir nur eine Chance von Huntelaar zugelassen, sonst nichts. Im zweiten Abschnitt kamen wir gar nicht mehr an den Mann heran, die Feinabstimmung hat nicht mehr gestimmt. Wobei: Schalke hat es auch besser gemacht in der zweiten Halbzeit.

War diese Saison alles in allem ein Erfolg?
Würde ich schon sagen: Wir sind mit Pech aus der Europa League ausgeschieden, sind im DFB-Pokal ins Viertelfinale gekommen. Und wenn wir es jetzt schaffen, die Klasse zu halten, war das eine gelungene Saison. Man muss ja auch immer sehen, dass wir diese Dreifachbelastung nicht gewohnt waren. Daran muss man sich erst gewöhnen, das war Neuland für uns. Es hat uns in der Hinserie sicherlich ein paar Punkte gekostet. Auch, weil wir immer mal ein paar Spieler hatten, die verletzt oder angeschlagen waren. Das war sicherlich auch eine Folge der größeren Belastung.

Aber die Rückrunde zeigt doch, welches Potenzial in der Mannschaft steckt und was möglich gewesen wäre.
Ja, trotz der schlechten Punktausbeute in der Hinserie hätten wir ja sogar jetzt noch mal mit einem Auge nach oben schielen können, wenn wir in Wolfsburg gewonnen hätten. Aber nach der Niederlage dort hatte sich das erledigt. Ich glaube, dass in dieser Saison mehr möglich gewesen wäre, wenn die Dreifachbelastung nicht gewesen wäre. Doch hätte, wenn und aber zählt ja nicht. Außerdem beißt sich ja die Katze in den Schwanz: Dann hätten wir die Probleme, die wir in dieser Saison hatten, in der nächsten Spielzeit.

Wie geht es denn bei Ihnen persönlich weiter? Bleiben Sie in Frankfurt oder brechen Sie zu neuen Ufern auf?
Wir wollen jetzt erst einmal den Klassenerhalt zu 100 Prozent sichern und dann machen wir uns Gedanken um die Zukunft. Ich muss nicht wiederholen, dass ich mich hier wohl fühle.

Aber?
Aber es stellt sich halt die Frage: Was ist sportlich, wie geht es da weiter? Diese Frage muss ich mir stellen, und da muss ich eine Entscheidung treffen. Und das werde ich dann machen, wenn wir die Liga sicher gehalten haben.

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Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf? Längerfristig international zu spielen? Oder es mit der Eintracht noch mal zu erleben? Oder Champions League zu spielen?
Am schönste wäre es, wenn ich fünf Jahre hier bleibe und wir fünf Jahre international spielen. Aber diese Sicherheit kann mir niemand geben. Diese Sicherheit habe ich nirgendwo. Aber die Wahrscheinlichkeit ist vielleicht bei einem anderen Verein höher als bei Eintracht Frankfurt. Jetzt ist die Frage: Will ich mich sportlich weiterentwickeln? Oder sage ich: Okay, ich habe hier alles, was ich brauche. Einen hohen Stellenwert, ich werde wahrscheinlich, wenn ich meine Leistung abrufe, immer spielen. Und ich gehe dann, in Anführungsstrichen, in die Charly-Körbel-Richtung. Diese Fragen muss ich mir selbst beantworten.

Spielt auch die Nationalmannschaft eine Rolle? Hat man bei der Eintracht geringere Chancen, nominiert zu werden? Wird man da nicht so wahrgenommen?
Das weiß ich nicht, ob es was mit der Eintracht zu tun hat. Ich weiß auch nicht, wie oft jemand von der Sportlichen Leitung des DFB auf der Tribüne sitzt und sich ein Spiel von uns ansieht. Aber ich bin der Ansicht, dass man bessere Chancen hat, wenn man dauerhaft international spielt. So wie Borussia Dortmund zum Beispiel, die seit Jahren in der Champions League spielen, dann hast du bessere Chancen auf die Nationalmannschaft, weil du dich Jahr für Jahr mit den Besten misst. Da ist der Fokus ein anderer, als wenn du nur in der Bundesliga spielst.

Haben Sie die WM in Brasilien noch im Hinterkopf gehabt?
Im letzten Jahr auf jeden Fall. Die letzte Saison war ja richtig gut, wir haben ein großes Ziel erreicht. Und dann ist klar, dass man hofft, Aufmerksamkeit und vielleicht mal eine Einladung zu bekommen. Und natürlich habe ich gehofft, dass es vielleicht noch was werden könnte, wenn wir die letzte Saison in der Bundesliga bestätigen können und man sich auf dem internationalen Parkett zeigen kann. Aber in dieser Saison lief es nicht mehr so, in der Bundesliga nicht, und ich persönlich war häufiger mal verletzt, habe dadurch immer wieder Zeit gebraucht, um in den Rhythmus zu kommen. Deshalb habe ich die WM-Hoffnung schnell wieder abgehakt, das war recht schnell erloschen.

Ärgert es Sie, dass Sie ausgerechnet in der Hinserie so oft verletzt waren? Denn es ist ja so, dass es nicht so viele Rechtsverteidiger gibt, die für die Nationalelf in Frage kommen. Gerade, wenn Philipp Lahm im Mittelfeld spielen wird.
Warum sollte ich mir darüber Gedanken machen? Wer weiß, was geschehen wäre, wenn ich gesund gewesen wäre. Vielleicht hätte es auch dann für die Nationalmannschaft nicht gereicht. Ich weiß es nicht, das ist schwer zu sagen. Das ist hypothetisch. Und deshalb beschäftige ich mich nicht damit.

Ihre Zukunftsentscheidung ist nun sicherlich eine mit langfristiger Ausrichtung. Das war im vergangenen Jahr anders.
Letztes Jahr waren andere Voraussetzungen, da ging es darum, noch mal ein Jahr zu verlängern. Das habe ich gerne gemacht, obwohl ich auch da schon eine neue sportliche Herausforderung hätte suchen können. Jetzt steht was anderes im Raum. Wenn ich jetzt hier bleiben würde, wäre es wahrscheinlich ein Vertrag über vier oder fünf Jahre. Da ist es auch egal, wer neuer Trainer wird. Der wird wohl kaum so lange da sein (lacht). Wie gesagt: Es ist eine strategische Entscheidung, die ich da zu treffen habe.

Hat bei der Vertragsverlängerung um ein Jahr in der vergangenen Saison auch eine Rolle gespielt, dass man das zusammen erleben will, was man sich erarbeitet hat?
Ja, klar. Wir haben eine unglaubliche Saison gespielt mit der Krönung Euro League, und dann will man das mit der Mannschaft erleben, mit der man das erreicht hat. Und das hat sich gelohnt. Die Begeisterung in Frankfurt, das war einfach sensationell. 13 000 Fans in Bordeaux, 7000 in Porto – das war der Wahnsinn, das war eine super Erfahrung, das hat richtig Spaß gemacht. Und das werde ich niemals vergessen.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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