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Eintracht Frankfurt Letzte Hoffnung Niko Kovac

Eintracht Frankfurt wagt mit der Verpflichtung der Gebrüder Kovac wieder einen Neuanfang. Neun Spiele bleiben den "Schmieden", um den Klassenerhalt noch zu schaffen.

Erster Arbeitstag der Gebrüder Kovac. Und es bestand Redebedarf mit verunsicherten Eintracht-Profis. Foto: Jan Huebner

Am Dienstagmorgen hat noch einmal der Co-Trainer des geschassten Armin Veh das Training der Profis von Eintracht Frankfurt geleitet. Es herrschte ziemliche Tristesse draußen im Stadtwald, grau der Himmel. Kalt fegte der Wind und ein Laubbläser in ohrenbetäubender Lautstärke störte vernehmlich. Reiner Geyer leitete da ein trostloses Ensemble an, zudem verletzungshalber ausgedünnt: Carlos Zambrano, Marc Stendera, Aleksandar Ignjovski, Mijat Gacinovic, Alex Meier, sogar Lukas Hradecky (Hexenschuss) – sie alle fehlten. Die Stimmung draußen im Wald passte perfekt zu der des in die Bredouille geratenen Klubs.

Am Nachmittag dann ein völlig anderes Bild. Die Sonne schien, der Himmel war blau, und das Training leitete der neue Hoffnungsträger, der Mann, der Eintracht vor dem fünften Abstieg retten soll: Niko Kovac. „Ich bin gekommen, um in der Liga zu bleiben. Ich gehe voran, ich werde Vorbild sein“, sagte er.

Wenige Stunden zuvor war gerade die Tinte getrocknet unter dem Vertrag, den der gebürtige Berliner mit Eintracht Frankfurt geschlossen hatte. Die Zusammenarbeit mit den Hessen ist bis zum 30. Juni 2017 befristet, vorbehaltlich des Erreichens des Klassenziels. Für die zweite Liga gilt der Kontrakt nicht. Das war im Sinne des 44 Jahren alten Kroaten. „Da denke ich gar nicht dran. Und ich will mir auch kein Hintertürchen offen halten.“ Niko Kovac bringt, wie immer, seinen drei Jahre jüngeren Bruder Robert als Assistent mit. „Wir haben ein sehr enges und inniges Verhältnis.“ Erstmals gibt es in der Bundesliga ein Brüder-Paar auf der Trainerbank.

Sportdirektor Bruno Hübner hatte Niko Kovac schon lange im Auge. Bereits im Sommer des vergangenen Jahres hat er die Angel nach dem „Kind der Bundesliga“ (Kovac) ausgeworfen, der in 18 Profijahren 241 Bundesligaspiele für Hertha BSC, Bayer Leverkusen, Hamburger SV und Bayern München absolviert hat. Doch da konnte man die Verpflichtung nicht realisieren, weil Niko Kovac seinerzeit die kroatische Nationalmannschaft trainierte. Der Kontakt zu dem Berliner, der zuletzt mit der Familie in Salzburg lebte, sei nie abgerissen. „Ein Feuerwehrmann gilt ja meistens als Chance für den Verein. Bei ihm es so: Es ist eine Chance für ihn. Er ist ein junger, unverbrauchter Trainer, der Eintracht Frankfurt als Chance sieht. Es ist eine win-win-Situation“, sagte Bruno Hübner am Dienstag. Aufsichtsratschef Wolfgang Steubing nickte die Verpflichtung ebenfalls zufrieden ab: „Einen Mann wie ihn haben wir gebraucht. Zuletzt hat die Mannschaft irgendwie nicht ineinander gegriffen, vielleicht können wir das jetzt beheben“, sagte er der FR. Klubchef Heribert Bruchhagen war der festen Auffassung, „die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Mit dem heutigen Tag wollen wir einen Neubeginn starten.“

In der Tat bleibt den Gebrüdern Kovac nicht mehr viel Zeit, die Wende zum Guten zu schaffen. Ganze neun Spiele stehen nur noch an, darunter gegen Kracher wie gegen Mönchengladbach (am nächsten Samstag), Bayern München, Bayer Leverkusen und Borussia Dortmund. Die Kovacs können sich also ein ruhiges Hineinwachsen in ihre neue Arbeit gar nicht leisten. „Wir müssen schnell lernen, wir müssen viel lernen“, gab der 83-fache Nationalspieler den Spielern mit auf den Weg. Er listete gleich einen ganzen Katalog an Dingen auf, die es bei Eintracht Frankfurt zu verbessern gilt: Die Balance zwischen Offensive und Defensive müsse wieder stimmen, das Umschaltspiel verbessert werden und unabdingbar sei „eine gute Organisation und Struktur. Wir müssen gewisse Abläufe automatisieren und kompakt spielen. Das müssen die Jungs schnell intus kriegen“, sagte Kovac: „Wir haben nur zwei Monate.“

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Großen Wert legt „der Schmied“ (wie Kovac auf Deutsch heißt) auf „Professionalität, Leidenschaft, absolute Hingabe und Respekt“. Und Kovac gilt als großer Disziplinfanatiker. Disziplin sei oberstes Gebot, „ohne Disziplin entsteht Chaos“. Er sei aber keiner, „der den Dampfhammer herausholt“. Im Grunde habe er sich nicht groß verändert, so wie er als Spieler das defensive Mittelfeld kämpferisch durchpflügte, so sei er auch als Fußballlehrer. „Ich bin ein Arbeiter, ein Profi.“

„Er lässt nichts durchgehen“, skizzierte ihn sein langjähriger Begleiter in Hamburg, der Journalist Dieter Matz. „Er ist absolut verlässlich, gradlinig und ehrlich. Bei ihm gilt: Ein Mann, ein Wort. Er ist sehr ehrgeizig und erfolgsbesessen.“ Hübner pflichtete bei: „Er besitzt auch eine Hemdsärmeligkeit und Leidenschaft, die man dem Team manchmal abspricht.“

Natürlich ist Niko Kovac dann auch gefragt worden, ob er denn über genügend Kenntnisse der Bundesliga verfüge. Immerhin hat der 44-Jährige bislang noch keinen Bundesliga-Klub trainiert. „Ich kenne die Bundesliga zu 100 Prozent.“ Ihm sei in der Vergangenheit nichts entgangen, „ich bin voll im Bilde. Ich kenne Eintracht Frankfurt so gut wie die anderen Mannschaften.“ Und er sei sich sicher, dass diese Mannschaft über Potenzial verfüge, weiter oben mitspielen zu können. „Für mich ist Eintracht Frankfurt ein Top-Bundesligist.“

Auch Geyer beurlaubt

Eines der Dinge, die er zuerst anpacken muss, ist die Verunsicherung aus den Köpfen zu bekommen. „Ich muss ihnen die Angst nehmen.“ Im Übrigen spreche er die Sprache der Spieler, er sehe keine Probleme darin, dass das Gros des Teams mit Armin Veh weiter machen wollte. „Das spricht für den Charakter der Spieler.“ Er will aber auch den Konkurrenzdruck erhöhen. „Der Druck auf die Stammspieler muss höher werden.“ Sein erster Eindruck nach dem Training, so sagte er Eintracht-TV, sei „absolut positiv. Die Einstellung der Mannschaft ist vorzüglich.“

Nach seiner aktiven Zeit als Spieler hat Niko Kovac 2009 zunächst die zweite Mannschaft von Red Bull Salzburg trainiert. „Dort habe ich das Handwerk von der Pike auf gelernt.“ Danach stieß er zur ersten Mannschaft, arbeitete eineinhalb Jahre als Co-Trainer. Über die U21-Nationalmannschaft Kroatiens kam er zum A-Team, das er zur WM nach Brasilien führte. Seit September 2015 war er ohne Klub, nutzte die Zeit aber zu Fortbildungen etwa bei Bayern München und Borussia Dortmund. Und war vor Ort, als die Eintracht während ihres Trainingslagers in Abu Dhabi ein Testspiel gegen den BVB bestritt. „Als Trainer muss man immer up to dat sein.“ Er wolle dazulernen.

Sportdirektor Hübner hat Kovac stets als erste Option angesehen, andere Spuren verfolgte er kaum. Die in der Öffentlichkeit gehandelten Kandidaten spielten keine Rolle, auch der hartnäckig genannte Jens Keller nicht.

Nach dem Vormittagstraining, war auch für Reiner Geyer Schluss. Die Eintracht stellte den langjährigen Veh-Vertrauten frei.

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