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Eintracht Frankfurt Im freien Fall

Die akut vom Abstieg bedrohte Frankfurter Eintracht ist am vorläufigen Tiefpunkt angelangt, setzt aber weiter auf den Trainer und das Prinzip Hoffnung.

Findet keinen Weg aus der Krise: Eintracht-Trainer Armin Veh. Foto: pressehaus/heinen

Es war Ende Oktober des vergangenen Jahres, einen Tag vor dem Spiel gegen Bayern München, als Armin Veh den Abstiegskampf ausrief. Viele empfanden das zu diesem Zeitpunkt etwas übertrieben, seinerzeit rangierte Eintracht Frankfurt noch auf Platz zwölf und eigentlich sollte es eine Runde werden, in der man mit einem halben Auge zu den europäischen Spielplätzen schielen wollte. Doch Trainer Veh hatte erkannt, dass seine Mannschaft nicht gehobenen Ansprüchen genügte, sondern bestenfalls gut genug sei, drei andere Teams hinter sich zu lassen. Man kann also nicht behaupten, Eintracht Frankfurt habe die Zeichen der Zeit nicht früh genug erkannt.

Dummerweise hat man dieser Erkenntnis keinerlei Taten folgen lassen. Oder genauer: All das, was in den zurückliegenden fünf Monaten unternommen wurde, hat sich als untauglich erwiesen. Ohne Netz und doppelten Boden rast der hessische Bundesligist nahezu ungebremst der zweiten Liga entgegen. Es wäre der fünfte Abstieg binnen 20 Jahren. Er wäre genauso überflüssig wie jener nach der „Rückrunde der Schande“ (Präsident Peter Fischer), weil ja jeder, der sehen kann, sieht, wie es enden wird, wenn nicht in allerletzter Sekunde etwas geändert wird. Zugespitzt formuliert: Eintracht Frankfurt steigt ab, jeder merkt es – und die Verantwortlichen schauen tatenlos zu.

Veh vertraut nur 13, 14 Spielern

Spätestens jetzt sollte jeder erkannt haben: Diese Mannschaft ist am Ende. Die Mannschaft, die am Mittwochabend in Berlin gespielt und fast logisch 0:2 verloren hat, ist wie paralysiert, ist wie gelähmt. Da ist nicht mehr viel da, was zu Hoffnungen Anlass gäbe. Woher soll denn ein Funken Zuversicht kommen? Selbst der Relegationsplatz, auf den die Hessen erstmals in dieser Runde parken, ist angesichts des Hoffenheimer Auftriebs in Gefahr.

Das wirklich Schlimme ist auch: Die letzten drei Gegner – HSV (0:0), Schalke (0:0) und Hertha – waren dankbare Gegner, die nicht gerade die Sterne vom Himmel gespielt haben. Alle drei Widersacher waren nicht besonders gut in Form. Es wäre einer intakten Mannschaft sicher leicht gefallen, aus diesen temporären Schwächen der Kontrahenten Kapital zu schlagen. Aber Eintracht Frankfurt ist nicht intakt, sonst wäre dieser schier bodenlose Fall nicht passiert. Und gegen wen wollen die Hessen überhaupt noch Punkte holen?

Eintracht Frankfurt ist immer schlechter geworden. Der Trend geht klar nach unten, in der Rückrundentabelle ist der Klub auf Platz 17 abgerutscht. Nur Hannover ist noch schlechter. Von den sechs Punkten nach der Winterpause haben die Frankfurter vier in den ersten beiden Spielen geholt (dabei gegen Wolfsburg beim 3:2-Sieg schon mehr Glück als Verstand gehabt). Seit sechs Begegnungen warten sie auf einen Sieg – und nimmt man die jüngsten Leistungen als Maßstab, so werden sie sich auch noch eine Zeitlang gedulden müssen.

Die vorübergehende Zuversicht nach dem Trainingslager in Abu Dhabi (Stichwort: Resettaste drücken) und vier halbwegs gute Halbzeiten ist schierer Rat- und Hilflosigkeit gewichen. Es läuft momentan vieles, wenn nicht alles, in die völlig falsche Richtung.

Das fängt damit an, dass Trainer Armin Veh im Grunde immer nur den gleichen 13, 14 Spielern vertraut. Das hat er schon in seiner ersten Amtszeit getan. In dieser Saison empfand er den Kader sogar als stärker denn je. Doch das war eine fatale Überschätzung der einzelnen Fähigkeiten. Djakpa, Chandler, Flum, Ingjovsko, Medojevic, Waldschmidt, Gacinovic, sodann die Neuzugänge Ayhan und Ben-Hatira oder auch Kadlec, Gerezgiher und Kinsombi spielen und spielten bald keine Rolle mehr, die letzten drei suchten sich einen neuen Klub.

Das hat natürlich zur Folge, dass im Training ein seriöser Konkurrenzkampf gar nicht mehr stattfindet. Veh traut den Männern aus der zweiten Reihe ja ohnehin nicht zu, von Anfang an zu spielen. Aber schwächer als die, die in den letzten drei Partien ran durften, können sie auch nicht sein.

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Warum beispielsweise Aleksandar Ignjovski überhaupt keine Rolle mehr spielt, ist nicht zu verstehen. In der Hinrunde hat der Serbe, der wahrlich kein begnadeter Techniker ist, aber einer, der aggressiv und gallig zu Werke geht, 15 Einsätze, zwölfmal stand er sogar in der Startelf. In der Rückrunde durfte „Iggy“ ganze zwei Minuten ran.

Was Aigner, Oczipka, Stendera, Hasebe, Huszti oder Seferovic derzeit an Leistung bringen, ist schlicht erschreckend. Wie aber ist dieser eklatante Leistungsabfall zu erklären? Mit mentalen Schwierigkeiten allein? Marco Russ hat nach dem Berlin-Spiel davon gesprochen, dass „die Angst umgeht“. Und Angst lähmt die Beine. Aus diesem Teufelskreis aber kommt man nicht so schnell heraus. Und wenn der Trainer dann noch zielsicher immer wieder Spieler aufstellt, die bewiesen haben, dass sie es zurzeit nicht können, dann ist dieser Absturz auch zu erklären.

Dass Huszti immer spielt, ist nur noch ärgerlich

Immerhin wird Aigner am Samstag gegen Ingolstadt wegen seiner fünften Gelben Karte eine schöpferische Pause bekommen. Womöglich aber wird Veh seiner Stammformation auch im wichtigen Spiel gegen den Neuling FC Ingolstadt das Vertrauen schenken. Das ist sein Team, dem vertraut er – warum auch immer. Er macht das nicht aus Jux und Dollerei, sondern weil er den Spielern aus dem zweiten Glied nicht vertraut. Doch die vermeintlichen Leistungsträger sind es, die ihn im Regen haben stehen lassen. Das hätte er erkennen müssen.

Und auch die fünf Winterzukäufe haben das Team nicht nach vorne gebracht, allein Marco Fabian erfüllt halbwegs die Erwartungen, auch wenn er als Mann für den linken Flügel geholt wurde (der er nicht ist). Dass Szabolcs Huszti immer spielen darf, obzwar jeder sehen kann, dass er in der Bundesliga nicht mehr mithalten kann, ist nur noch ärgerlich und nicht mehr nachvollziehbar. Und jeder erkennt zudem, dass ein Spieler wie Marc Stendera zurzeit völlig außer Form ist und nach einer Pause schreit.

Alarmierend ist auch, und das erinnert frappierend an den letzten Abstieg: Die Eintracht kommt nicht mehr vor das gegnerische Tor. Da ist kein Plan zu erkennen, kein Konzept, wie sie Gefahr heraufbeschwören will. Das Ganze wirkt so furchtbar harmlos und bieder. Seit mehr als fünf Stunden haben die Frankfurter nicht mehr getroffen, in vier der letzten sieben Spielen blieben sie torlos. Zieht man die zehn Tore aus den Siegen in der Vorrunde in Stuttgart (4:1) und gegen Köln (6:2) ab, dann haben sie in den übrigen 22 Partien noch genau 17 Tore erzielt. Beim Abstieg in 2011 trafen sie acht Spiele lang nicht ins Tor, hatten aber nach 24 Spieltag bereits 27 Punkte. Darüber wären sie heute gottfroh. Damals aber kam der Niedergang schleichend, heute mit langem Anlauf.

Vorstandschef Heribert Bruchhagen indes wird trainerstabil bleiben und Armin Veh stützen. Die Frage ist, wie lange noch.

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