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Eintracht Frankfurt „Ich kann die Unruhe nicht verstehen“

Eintracht-Sportdirektor Bruno Hübner wehrt sich gegen Kritik an seiner Person, erläutert die Personalpolitik im Detail und erklärt, warum die Kostenstruktur den Klub auf Dauer wettbewerbsunfähig macht.

Bekam auch Unterstützung: Bruno Hübner. Foto: Jan Huebner

Bruno Hübner, 53, wirkt aufgeräumt in diesen Tagen auf italienischem Boden. Der große Druck ist von ihm abgefallen, weil der Sportdirektor der Frankfurter Eintracht der Mannschaft schließlich doch noch die so dringend benötigten Offensivkräfte zugeführt hat. Und doch sind die vergangenen Wochen nicht spurlos an dem Manager vorübergegangen. Er ist ins Zentrum der Kritik geraten, weil die Spielersuche schleppend lief. Selbst Aufsichtsratschef Wilhelm Bender zählte ihn öffentlich an. Hübner hat das registriert und abgespeichert. Zum Gegenschlag holt er nicht aus, er bleibt ruhig und sachlich. Auch im FR-Interview.

Herr Hübner, Trainer Thomas Schaaf lobte Ihre Arbeit jetzt ausdrücklich in den höchsten Tönen. Das war fast schon demonstrativ. Tut es gut, wenn man auch mal öffentlich Zuspruch erfährt, nachdem Sie fast schon so etwas wie ein Prügelknabe waren in den letzten Wochen?
Thomas weiß einfach, wie schwer es geworden ist und was man alles leisten muss, um Transfers zu realisieren und abzuwickeln. Ich habe ja kürzlich erst gesagt, dass Thomas Schaaf und Heribert Bruchhagen immer über meine Schritte informiert sind. Das Transfergeschäft ist so schwierig geworden, und deshalb wissen die Leute, die sich auskennen, wie wichtig es ist, immer dranzubleiben und nie aufzugeben. Ich glaube, das ist uns ganz gut gelungen.

Wie groß ist die Erleichterung, dass die Mannschaft nun fast komplett zusammen ist?
Erleichterung ist nicht das richtige Wort, aber man hat jetzt einfach mehr Gefühl für die Mannschaft, dementsprechend kann man etwas gelassener an die Sache herangehen.

Weshalb sind Sie so in die Defensive geraten, wie konnten Sie in der öffentlichen Wahrnehmung und sogar intern so in die Schusslinie geraten?
Ich habe dafür keine Erklärung. Vielleicht gab es die eine oder andere unglückliche Aussage von dem einen oder anderen. Aber ich denke, wir hätten da als Verein mehr dagegenhalten müssen. Es ging ja nicht nur uns so, über die Hälfte der Liga hat diesen Prozess noch nicht abgeschlossen – fast alle tun sich schwer damit, Spieler zu verpflichten. Da hätten wir als Verein mehr Stärke zeigen müssen.

Inwiefern?
Deutlicher in den Aussagen sein. Einfach klar artikulieren, dass wir wissen,was wir tun und was wir vorhaben und wie wir handeln. Ich glaube, das kam nicht so deutlich rüber.

Haben Sie Rückendeckung vermisst?
Das möchte ich so nicht sagen. Aber ein Wort zum richtigen Zeitpunkt wäre vielleicht hilfreich gewesen, aber es ist nicht passiert. Das ist nicht schlimm. Ich hatte die Ruhe, weil ich wusste, dass es klappt und dass wir wahrscheinlich das umsetzen können, was wir uns vorgenommen haben.

Aber Sie sind vom Aufsichtsratschef öffentlich angezählt worden.
Zu Unrecht und zu einem falschen Zeitpunkt. Ich habe ja auch schon gesagt, dass das nicht okay war. Man muss sich mal eines vor Augen halten: Als ich hier angetreten bin, waren wir zweitklassig, dann sind wir aufgestiegen, in den Europapokal gestürmt, wir haben die Menschen und die Fans mit unserem Fußball mitgenommen, begeistert und elektrisiert. Ich kann die Unruhe nicht verstehen, ich dachte, ich hätte mir mit meiner Arbeit einen Vertrauensvorschuss aufgebaut durch die letzten Jahre. Ich kann diese Kritik an meiner Person nicht ganz nachvollziehen, und natürlich macht man sich da seine Gedanken.

Haben Sie sich mal gefragt: Warum tue ich mir das eigentlich an? So viel Feuer haben Sie ja noch nie bekommen.
Es gab viele, die angerufen, ihr Unverständnis ausgedrückt und gesagt haben, dass es einfach nicht gerecht ist, was da passiert und dass es meiner Arbeit nicht gerecht wird.

Hat sich Armin Veh auch gemeldet?
Mit Armin telefoniere ich schon hin und wieder, wenn es die Zeit erlaubt. Wir haben ja ein sehr gutes Verhältnis. Er hat auch nur den Kopf geschüttelt, weil er weiß, wie ich arbeite. Er hat mir Zuspruch gegeben und gesagt: ‚Bruno, Du schaffst das eh.‘ Er hat mir den Tipp gegeben, das Ganze einfach nicht so nah an mich heranzulassen und es wegzulächeln (lächelt). Noch mal: Wie so viel Unruhe zustande kommt, kann ich persönlich nicht erklären.

Aber wie so etwas zustande kommt, ist doch klar: Erst hakt es bei der Trainersuche, dann bricht die halbe Mannschaft weg, dann geht Wunschstürmer Joselu nach Hannover und es dauert ziemlich lange, ehe überhaupt ein neuer Stürmer verpflichtet wird.
Ja, okay. Das stimmt. Aber ich habe doch relativ früh erklärt, wie der Markt läuft zurzeit. Das war doch keine Entschuldigung oder Ausrede. Aber wenn man mir nicht glaubt, kann ich es nicht ändern. Ich habe schon vor Monaten gesagt, dass die WM einiges schwieriger macht, dass der Markt überhitzt, dass man deshalb Geduld haben müsse und wir uns in einem längeren Prozess befinden. Ich habe erst am Samstag ein Interview mit Arsène Wenger gelesen, in dem er sagte, dass der FC Arsenal ganz ruhig bleibe, weil zwischen dem 15. und 31. August noch so viel passieren werde. Arsenal – die können sich eigentlich alle leisten. Nehmen Sie Haris Seferovic: Da waren sechs, sieben Vereine dran, die deutlich mehr geboten haben. Dass so ein Transfer dann nicht von heute auf morgen realisiert werden kann, ist doch logisch. Da braucht man Geduld. Und wir bleiben dabei, dass wir sorgsam mit unserem Budget haushalten.

War der Abgang von Joselu zu Hannover für Sie eine persönliche Niederlage?
Nein. Wir hatten uns eine Schmerzgrenze gesetzt: maximal vier Millionen Euro. Mehr war nicht drin. Er ist dann für knapp sechs Millionen Euro gewechselt. Plus deutlich mehr Gehalt. Was sollen wir da machen? Es war also für uns nicht so überraschend, wie es rüberkam. Was überraschend war: Dass Hannover den Zuschlag bekommen hat. Unseren Informationen zufolge hatte sich Hannover auch eine Schmerzgrenze von vier Millionen Euro gesetzt. Aber okay, das ist dann auf einer anderen Ebene eingefädelt worden. Wir haben aber von Tag zu Tag mehr gespürt, dass dieser Transfer für uns nicht zu realisieren sein würde.

Ist das nicht frustrierend? Hannover ist nun auch kein Schwergewicht in der Bundesliga.
Kein Schwergewicht, aber mit deutlich mehr Möglichkeiten. Aber was sollen wir machen? Jammern? Der Fußball hat sich verändert. Du bist mit Spielern fast schon durch, dann kommt ein Anruf von einem größeren Verein dazwischen – und alles kommt ins Stocken. Du darfst in so einer Phase dennoch nie aufgeben. Ich bin ein Optimist. Und das muss ich auch sein. Denn wenn du selbst nicht daran glaubst, gehst du nur halbherzig an die Sache ran und dann verlierst du dich. Das ist nicht meine Herangehensweise.

Haben Sie Fehler gemacht?
Ich wüsste nicht, welchen. Aber ich bin gerne bereit, mich eines Besseren belehren zu lassen.

Aber haben Sie nicht manchmal unglücklich agiert? Es fing bei der zähen Trainersuche an.
Ich möchte mal die Trainersuche erläutern: Bei Roger Schmidt waren wir die ersten. Dann sickerte der Name irgendwie durch, dann kam die Diskussion auf: Die Eintracht will zum ersten Mal Ablöse für einen Trainer zahlen. Dann wird so ein Name an die Öffentlichkeit gespült, dann kommen andere Vereine ins Spiel – und plötzlich waren wir mit unseren Möglichkeiten im Hintertreffen. Es war bei ihm ja keine Entscheidung gegen Frankfurt, sondern eine für Leverkusen. Aber ich bin froh, dass wir uns bei der Trainersuche danach die Zeit gegeben haben, sonst hätten wir Thomas Schaaf nicht bekommen. Diese Tür ging erst sehr spät auf. Und im Nachhinein ist das eine richtig gute Lösung, eine klasse Lösung. Noch mal: Wir als Verein dürfen uns nicht unter Druck setzen lassen. Es war ja nicht einfach, nach dem Erfolgstrainer Armin Veh einen Nachfolger zu holen. Deshalb habe ich auch die Mannschaft gefragt, was für ein Typ Trainer ihr vorschwebt. Wir wussten danach genau, was der richtige Typ Trainer für Eintracht Frankfurt ist.

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Trotzdem, Herr Hübner: Was hängen bleibt, ist: Im Januar sagt der alte Trainer, er geht. Dann dauert es ewig, bis der neue Coach kommt. Und drei Wochen vor dem ersten Pflichtspiel war nicht mal die Mannschaft komplett.
Das ist vielleicht das, was außen ankommt, aber um die Sache seriös zu bewerten, muss man das Innenleben kennen und wissen, wie sich die Dinge dort darstellen. Und da sind wir wieder beim Thema Vertrauen in die handelnden Personen. Aber ich sage Ihnen noch etwas zu Armin Veh: Wir haben ihn so oft in letzter Sekunde noch überzeugen können. Vor einem Jahr ist er nach Augsburg gefahren und hat zu mir gesagt: ‚Bruno, ich komme nicht mehr wieder.‘ Und er kam dann doch wieder. Unsere Mannschaft war ja auch total auf Armin Veh ausgerichtet, deshalb hatten wir natürlich die Hoffnung, dass wir ihn überzeugen können, noch ein Jahr dazubleiben. Dessen ungeachtet hatten wir uns aber natürlich schon auf dem Markt umgesehen. Aber auf dem Markt war nichts. Also haben wir gesagt: Wir gestehen uns die Zeit einfach zu, den geeigneten Trainer zu finden – und selbst, wenn es nach außen hin etwas unglücklich wirkt. Vielleicht haben wir die Öffentlichkeit nicht mit auf die Reise genommen, diesen Fehler müssen wir uns zugestehen.

Haben Sie immer gewusst, dass solch ein großer personeller Umbruch ins Haus steht?
Sagen wir mal, es war klar, dass es so kommen konnte. Und das mussten wir ja auch in die Trainergespräche mit einfließen lassen. Denn es ist fairer, dem neuen Trainer zu sagen: ‚Pass auf, das und das kann auf uns zukommen.‘ Es ist ehrlicher, als ihn nicht auf die Risiken hinzuweisen, und dann kommt er mit ganz anderen Erwartungen her und plötzlich sind fünf Stammspieler weg. Das wäre nicht korrekt, und dann hätte man von Anfang an kein gutes Verhältnis.

Wie schwierig war es, diesen Umbruch zu gestalten?
Ich sage immer: Bei Eintracht Frankfurt ist das große Problem, dass wir unsere guten Ansätze nicht umsetzen können. Uns fehlen die wirtschaftlichen Möglichkeiten, im zweiten Schritt auch perspektivisch zu agieren. Wir haben es im Jahr vorher trotzdem geschafft, die Mannschaft zusammenzuhalten. Aber das war ja mehr dem Europapokal-Feeling geschuldet und nicht der finanziellen Ausstattung. Unser Problem ist, dass wir Spieler wie Schwegler, Jung oder Rode auf Dauer nicht halten können.

Aber das passiert doch dann immer wieder.
Das kann immer wieder passieren, natürlich. Deshalb müssen wir ganz genau überlegen, wie wir jetzt die Geschichte mit den Spielern angehen, die wir verlängern möchten. Und wenn ich das Gerede von Strategie höre? Wenn du in der Gegenwart nicht bestehen kannst, brauchst du dir über die Zukunft keine Gedanken machen. Das oberste Ziel bei Eintracht Frankfurt ist immer: So viel Qualität zu haben, damit wir in der Bundesliga bestehen können. Wir haben uns in den drei Jahren Anerkennung geholt. Natürlich kann es sein, dass die persönliche Entwicklung der Spieler noch stärker ist als die von Eintracht Frankfurt. Trotzdem: Wir sind auf einem guten Weg, um etwas aufzubauen.

Trapp, Zambrano, Aigner – das sind Leistungsträger, deren Verträge in einem Jahr auslaufen. Wie wollen Sie die halten?
Wir wollen versuchen, sie mit unseren finanziellen Möglichkeiten zu halten. Nehmen Sie Kevin Trapp. Wir haben ihn geholt, da war er die Nummer zwei beim Absteiger Kaiserslautern. Er hat uns viel zu verdanken, aber natürlich will er mal Nationaltorhüter werden, er will sich finanziell verbessern. Das ist der Spagat, der uns gelingen muss. Wir müssen den Spielern eine Perspektive zeigen, dass sie sich auch bei uns so entwickeln können wie sie es erhoffen und dass sie auch bei uns ihre persönlichen Ziele erreichen können.

Aber Stefan Aigner wollte doch jetzt schon weg nach Hannover.
Wir haben ihm gesagt, dass er bleiben muss. Und wir haben ihm gesagt, dass wir mit ihm verlängern wollen. Und bei Stefan Aigner bin ich davon überzeugt, dass er bei uns einen langfristigen Vertrag unterschreibt.

Und Zambrano?
Bei Zambrano sind wir jetzt auch dran. Aber klar sind das alles Spieler, die Begehrlichkeiten wecken. Aber auch nur, weil wir uns als Verein weiterentwickelt und verbessert haben. Wir haben in den vergangenen drei Jahren vieles richtig gemacht.

Geben Sie noch Spieler ab, jetzt, da der Kader fast so gut wie komplett ist? Jan Rosenthal etwa?
Ich spreche hier nicht über Namen, jeder hat einen Vertrag. Aber natürlich weiß jeder persönlich, wie seine Situation durch die Zugänge ist, und da wird sich jeder Gedanken machen, wie seine Zukunft bei Eintracht Frankfurt aussieht.

Haben Sie ein Gefühl für die Mannschaft? Wie gut sie ist oder wo könnte es noch Probleme geben?
Ich glaube, dass wir mehr Optionen haben als letztes Jahr. Aber wir haben natürlich einen Qualitätsverlust. Ich denke, Hasebe kann Schwegler ersetzen. Chandler kommt mit seiner Spielweise Jung sehr nahe. Einen Spieler wie Rode können wir aber kaum ersetzen, obwohl uns das in der Rückrunde ganz gut gelungen ist. Er ist ein außergewöhnlicher Spieler und ich wünsche ihm, dass er gesund bleibt. So ein Spieler wie er war, würde uns noch gut tun, einer, der mit Schnelligkeit im Mittelfeld eine andere Spielsituation herstellen kann.

Geht es für die Eintracht nur gegen den Abstieg?
Das weiß man nicht, aber unser oberstes Ziel muss sein, sich da fernzuhalten. Ab Platz zehn spielen alle gegen den Abstieg. Und dann hängt es an Kleinigkeiten: Wie kommst du in die Runde rein, wie ruhig bleibst du als Verein, wenn es mal brenzlig wird? Wie überzeugt bist du von deinen Stärken? Es ist kein Verein dabei, von dem du sagst: ‚Ah, okay, die gehen bestimmt runter.‘

Im Grunde hangelt sich die Eintracht von Umbruch zu Umbruch. Gibt es da kein Entrinnen?
Wir müssen unsere finanzielle Situation verbessern, aber die können wir nur durch den Sport verbessern. Und da kommen wir zum Hamsterrad. Du wirst nur besser, wenn die Mannschaft noch mehr Qualität bekommt. Um das sicherzustellen, brauchst du mehr Geld. Wir haben aber eine Kostenstruktur, die das verhindert und uns auf Dauer wettbewerbsunfähig macht.

Viele andere Klubs holen sich Investoren ins Boot. Wäre das keine Möglichkeit?
Ich glaube, wir müssen alle Optionen sinnvoll prüfen, sonst werden wir es schwer haben, in der Bundesliga die Rolle zu spielen, die wir uns alle wünschen.

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