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Eintracht Frankfurt Fingerzeige aus Rom

Eintracht Frankfurt schreibt in der Europa League Geschichte und sieht sich nun für den Bundesliga-Endspurt gerüstet.

Lazio Rom - Eintracht Frankfurt
Hat nicht nur durch sein Traumtor überzeugt: Mijat Gacinovic. Foto: Arne Dedert (dpa)

Vielleicht taugt Mijat Gacinovic, der schmächtige Serbe mit dem großen Herzen, ganz trefflich als Frankfurter Symbolfigur. Der 23-Jährige hatte zuletzt wenig gespielt, er war ein bisschen aus dem Fokus gerutscht, nicht gänzlich außen vor, aber gewiss nicht mittendrin. Dann steht dieser Gacinovic im eher unbedeutenden Europapokalspiel der Eintracht in Rom in der Startformation, was so zu erwarten war, verhaspelte sich anfangs oft, was man von ihm kennt, und dann packt er zweimal die Keule aus. Einfach so, aus dem Nichts, irgendwie. Ein technisch herrlicher Treffer zum 1:1-Ausgleich, ein sehr kluger, wenn auch gewagter Pass zum 2:1-Siegtreffer durch Sebastien Haller. Perfektes Timing. 

Und was sagt dieser Mijat Gacinovic über seine persönliche Bestleistung? „Klar habe ich mich gefreut darüber, aber das ist nicht alles im Fußball. Wichtig sind auch die Laufwege und das Pressing.“ Und was sagte Trainer Adi Hütter über den Mann des Abends? „Er hat ein tolles Spiel gemacht, nicht nur wegen des Tores und der Vorlage. Es ist Wahnsinn, wie er arbeitet.“ Wenn Spieler und Trainer Primärtugenden, also Willen, Einsatzbereitschaft, Leidenschaft, über besondere Glanzlichter setzen, und das genauso meinen, dann sagt das eine Menge über das Klima und den Geist dieser Fußballmannschaft aus, die ihre Stärke aus einer Symbiose aus individueller Klasse und einem ehrlichen Kollektivgedanken bezieht. Oder, wie es Sportdirektor Bruno Hübner formulierte: „Was die Jungs geleistet haben, ist phantastisch.“ 

Sechs Siege in sechs Partien in der Gruppenphase, nie zuvor hat das eine andere deutsche Mannschaft gepackt. „Wir haben Historisches geschafft“, bekundet Manager Hübner. „Dieser Rekord wird immer mit Eintracht Frankfurt in Verbindung bleiben.“ Zumal das Duell in der Ewigen Stadt sportlich kaum Relevanz hatte, weil die Eintracht als Erster und Lazio als Zweiter schon qualifiziert waren fürs Sechzehntelfinale. Die Gruppe mit den Schwergewichten Rom und Olympique Marseille galt übrigens als absolute Hammergruppe, die vielleicht schwerste aller zwölf Tableaus. 

Russ will jetzt dort spielen, „wo es stimmungsvoll ist“

Die Eintracht hat den gesamten Wettbewerb dominiert, von allen 48 Mannschaften hat sie die beste Bilanz, 18 Punkte holte nicht der FC Arsenal oder der FC Chelsea, auch nicht der AC Mailand (der als Gruppendritter sogar ausgeschieden ist) oder der FC Sevilla. Nur RB Salzburg weist ebenfalls die Maximalpunktzahl auf, liegt aber ein Tor hinter den Frankfurtern. „Europas beste Mannschaft – SGE“, schallte es denn auch aus der Eintracht-Kurve im Olympiastadion zu Rom. Das war weitaus origineller als die dämlichen und asozialen Attacken einiger Hools mit Leuchtfeuer auf Lazio-Fans und Ordner. 

Am Montag wird das Sechzehntelfinale ausgelost, die Eintracht ist als Gruppensieger gesetzt. Ein Wunschlos? „Dort spielen, wo es stimmungsvoll ist“, sagt Marco Russ, der alte Haudegen, der schon vor mehr als zehn Jahren bei Fenerbahce Istanbul dabei war und sich trotz des Ausscheidens (das 2:2 bedeutete den K.o.) gerne zurückerinnert. „Das war der Wahnsinn, nach unserer 2:0-Führung war es totenstill im Stadion, nach dem Anschlusstreffer für Fener war es so laut, dass ich meinen Nebenmann auf dem Platz nicht mehr gehört habe. So etwas würde ich gerne noch mal erleben.“ Celtic Glasgow sieht er daher als nette Aufgabe. „Das wäre geil.“ Mit der Eintracht sollte in jedem Fall zu rechnen sein. 

Die Partie in Rom war für die Frankfurter auch deshalb eben nicht unbedeutend, weil sie sinnbildlich für vieles stand, was die Hessen in dieser Saison auszeichnet: Da ist diese ungezügelte Lust auf Europa, diese Seriosität dem Wettbewerb und das Verantwortungsbewusstsein der Bundesliga gegenüber; die Eintracht zelebriert jeden einzelnen internationalen Auftritt. „Jedes Spiel war etwas ganz Besonderes“, sagt Danny da Costa. 

Da ist die ausgeprägte Mentalität der Mannschaft, die in Rom allen Widrigkeiten trotzte, und von denen gab es einige. Das begann mit einem uneingespielten Team, weil Trainer Adi Hütter seine Elf auf gleich sieben Positionen veränderte. Das ging weiter mit der Verletzung des Chefstrategen Makoto Hasebe, dem fußballerischen Kopf des Ensembles, der nach einer halben Stunde raus musste. Und es gipfelte in der Lazio-Führung zehn Minuten nach dem Wiederanpfiff. 

Besonders viel sprach da nicht mehr für die Eintracht. Doch sie hat sich nicht aus der Bahn werfen lassen, sondern einfach weitergemacht, den Druck erhöht, die Oberhand zurückgewonnen und die Partie noch gedreht. Ein Kraftakt und eine Leistung, die von Charakter zeugt. Viele fühlten sich erinnert an das Auftaktspiel in Marseille, als die Eintracht das Blatt nach Rückstand unter ebenfalls schwierigen Umständen noch wendete. Der 2:1-Erfolg im damaligen Geisterspiel gilt bis heute als Initialzündung für den Frankfurter Aufschwung, und nun, drei Monate später, sagt Danny da Costa, die zwei Niederlagen in der Bundesliga im Hinterkopf: „Die Partie in Rom war so ähnlich wie das Spiel in Marseille. Es ist wichtig für die Moral, dass man so ein Spiel noch drehen kann. Über dieses Spiel haben wir uns Selbstvertrauen geholt, was gegen Leverkusen sehr, sehr wichtig sein kann.“ Bayer 04 ist der nächste Gegner am Sonntag in Frankfurt (18 Uhr). 

Und die Begegnung in der italienischen Kapitale hat zwar demonstriert, dass es ein Gefälle innerhalb des Kaders gibt, aber dass die Mannschaft alles dafür tut, um trotzdem erfolgreich zu sein. Die, die neu reinkommen, mögen qualitativ nicht auf dem Niveau sein wie die Immerspieler, doch sie verschreiben sich der Aufgabe mit Haut und Haaren. Das muss nicht immer zum Erfolg führen, doch es erhöht zumindest die Wahrscheinlichkeit. „Die Jungs aus der zweiten Reihe“, sagt Marco Russ und meint damit wohl auch sich selbst, „lassen keinen Deut nach, sie fühlen sich auch nicht auf den Schlips getreten, wenn sie nicht spielen. Aber wenn sie spielen, sind sie da. Das zeigt, dass wir eine intakte Mannschaft sind.“ 

Und: Das Team ist körperlich auf einem Topniveau. Die Eintracht war es, die in der zweiten Halbzeit zulegte und Lazio zurückdrängte. „Das ist ein positives Zeichen“, so Russ. „Wir sind nicht leer, wir stehen voll im Saft.“ 

Auf Russ könnte schon am Sonntag eine knifflige Aufgabe zukommen, denn es ist zumindest nicht unwahrscheinlich, dass er gegen Leverkusen zum Abwehrchef aufsteigt. Das liegt an der Verletzung des fußballerischen Masterminds Makoto Hasebe, der mit einer Oberschenkelblessur ausgetauscht werden musste. Ein harter Schlag. In Rom geriet das zuvor solide Eintracht-Spiel nach der Auswechslung des Japaners direkt ins Wanken. „Da hat man gemerkt, was Hase für eine Ausstrahlung, Ruhe und Präsenz hat“, betont Mitspieler Russ. Und Mijat Gacinovic klingt fast schon ehrfürchtig, wenn er über den 34-Jährigen spricht. „Ich genieße es, ihm beim Fußballspielen zusehen zu dürfen“, sagt der Matchwinner von Rom. „Er ist ein 100-prozentiger Profi, er spielt schon so lange auf einem Topniveau, er ist ein Vorbild für uns alle, gerade für uns junge Spieler.“ 

Wer kann Makoto Hasebe gegen Leverkusen ersetzen?

Doch wer wird Hasebe ersetzen? Marco Russ ist eigentlich der erste Kandidat, weil er ein gutes Spielverständnis und auch die nötige Technik mitbringt. Sein Defizit ist das Tempo. Oder aber Carlos Salcedo? „Aufgrund seiner spielerischen Fähigkeiten könnte er das“, sagt Sportdirektor Hübner. Oder gibt es eine Rückkehr zur Viererkette wie zu Saisonbeginn? Hütter mag diese Formation, in Frankfurt hat sie aber nicht wirklich gut funktioniert. „Die Verletzung von Makoto ärgert mich wahnsinnig“, sagte Hütter anderntags bei der Pressekonferenz, andererseits hätten „wir den Ausfall aber gut kompensiert“. Eine genaue Diagnose hatte die Eintracht auch am Freitag noch nicht. Auch hinter dem Einsatz von Jonathan de Guzman steht noch ein Fragezeichen.

Für das wegweisende Spiel gegen Leverkusen muss es, so oder so, ohne Hasebe gehen. Manager Hübner ist dennoch optimistisch: „Wir werden gestärkt ins Spiel gehen.“ Das wird auch erforderlich sein, denn Bayer hält Hütter „für eine der stärksten Mannschaften in der Bundesliga“, ein Team, mit einer hohen Qualität in der Offensive. „Ich erwarte ein hoch interessantes Spiel.“

Und auch Routinier Russ glaubt: „Dieser Sieg in Rom war nach den beiden Niederlage in der Bundesliga Balsam. Wir haben wieder Selbstvertrauen getankt.“ Und das in einem nur vermeintlich bedeutungslosem Spiel.

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