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Eintracht Frankfurt Erinnerungen an 2011

Die Eintracht im Abstiegskampf – gibt es Parallelen zu damals, zur "Rückrunde der Schande"?

Die Stimmung ist schlecht, der Trainer steht in der Kritik. Foto: Stefan Krieger

Dieses Trauma lässt Heribert Bruchhagen nicht mehr los. Natürlich sitzt der Schmerz nicht mehr tief, die Wunden sind verheilt, doch die Narben geblieben. Ab und an denkt der Vorstandschef der Frankfurter Eintracht sicher noch zurück an das erste Halbjahr 2011, und dann kann es gut sein, dass ihn wieder diese Ohnmacht und Lethargie überkommt. Die „Rückrunde der Schande“ (Peter Fischer) verfolgt den 67-Jährigen, sie war im Sport seine mit Abstand größte persönliche Niederlage.

Damals legte die Eintracht eine beispiellose Bruchlandung hin. Niemals zuvor und nie mehr danach war ein Klub aus der Bundesliga abgestiegen, der nach der Hinserie auf Platz 7 stand und 26 Punkte auf dem Konto hatte. Dieser Absturz war ein Kunststück. „Ich saß bei Niederlagen mitunter auf der Tribüne und konnte kaum noch atmen. Ich war wie paralysiert, traumatisiert“, sagte Bruchhagen ein paar Monate nach dem tiefen Fall.

Fast 800 Minuten ohne Tor

Die Eintracht hatte in der zweiten Halbserie sage und schreibe ein Spiel gewonnen, acht Punkte geholt und sieben Tore geschossen – erst in der neunten Rückrundenpartie war den Frankfurtern nach 793 Minuten Flaute das erste Tor gelungen, ein Glückstreffer von Georgios Tzavellas aus 73 Metern. Die Eintracht, das war früh zu erkennen, war trotz des üppigen Vorsprungs und einer guten Vorrunde dem Abstieg geweiht.

Gibt es also Parallelen zur heutigen Situation? Ja und nein.

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Die Rhetorik des Vorstandsbosses nähert sich in jedem Fall der aus dem Frühjahr 2011. In Köln nach der 1:3-Niederlage sagte Bruchhagen, dass die Mannschaft die Qualität habe, um gerade zu Hause die erforderlichen Punkte einzufahren. „Wir haben dazu jetzt die Gelegenheit.“ Auch damals glaubte er unverdrossen an die Wende, obwohl er es eigentlich besser wusste und das Unheil kommen sah. In Insiderkreisen unvergessen sein Satz: „Ich bitte Sie, wir werden ja wohl gegen Kaiserslautern gewinnen.“ Das klappte nicht so ganz. Es war eine trügerische Sicherheit, in der sich die Eintracht lange wähnte.

Das ist jetzt anders, Trainer Armin Veh hat schon sehr früh darauf hingewiesen, dass es in dieser Spielzeit nur ein Ziel geben könne, nämlich drei Mannschaft hinter sich zu lassen. Das war vor dem Spiel gegen Bayern München, und zum damaligen Zeitpunkt kam es überraschend. Veh war es, Ende Oktober, aber wichtig darauf hinzuweisen, „weil wir mit dem, was wir vorhatten, nicht durchkommen. Ich möchte nur, dass keiner überrascht ist, wenn wir unten drin hängen.“ Jetzt ist es passiert. Als selbsterfüllende Prophezeiung? Eher nicht.

Probleme im sportlichen Bereich

Die aktuelle Mannschaft ist intakt. Sie ist zwar ängstlich und verunsichert, doch das Gefüge stimmt. Es hakt eher sportlich. Zu viele Alibipässe (Huszti, Oczipka, Hasebe) im Spiel, keine guten Spieler auf der neuralgischen Position im defensiven Mittelfeld, keine Schnelligkeit, lange Zeit keinen guten Rechtsverteidiger, noch immer keinen richtigen Linksaußen, kaum Spieler, die Tore schießen (außer dem einen), Formschwächen in ausgeprägter und extrem langer Form (Aigner, Oczipka, Hasebe, Russ, Seferovic). Das sind eine ganze Menge Baustellen, und keine kleinen. Sieht man sich die Latte an Defiziten an, wird klar, dass es eine enge Kiste bis zum Schluss geben wird.

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Der Trainer, extern umstritten und im Zentrum der Kritik, hat zumindest den Laden im Griff, die Mannschaft steht hinter ihm. Das wird ihm jedoch irgendwann nichts mehr nutzen, wenn die Ergebnisse ausbleiben. Das Team ist nicht gefestigt, sehr labil, geistig wie fußballerisch. Vieles wirkt tatsächlich wie bei einem Absteiger, diese teils chaotischen Zustände auf dem Feld, dieser Zusammenbruch in Köln nach dem Rückstand, auch die Plan- und Konzeptlosigkeit sind alarmierend. Von der Eintracht-Identität, die Veh dem Team und dem Klub wieder geben wollte, spricht sowieso schon lange niemand mehr. Die Stimmung rund um den Verein ist verdammt schlecht.

Das war damals nicht so, setzte erst langsam ein. Sportlich war aber bald abzusehen, dass es eng werden würde. Torchancen gab es kaum noch. Die Mannschaft war körperlich in einem lausigen Zustand, Trainer Michael Skibbe hatte sich, warum auch immer, in die innere Emigration verabschiedet. Er lebte Disziplinlosigkeit vor, kam häufiger zu spät zum Training, zu offiziellen Terminen mit der Presse kam er in seiner gesamten Amtszeit nicht ein einziges Mal pünktlich.

Fünf Neue

Die Mannschaft war auseinandergefallen, es bildeten sich Grüppchen, es kam zu privaten Spannungen, ein Spieler spannte dem anderen gar die Freundin aus. Bruchhagen, der dem Niedergang lange wie paralysiert zusah, griff erst wieder ein, als es fast schon zu spät war. Nach dem einzigen Sieg der Rückrunde gegen St. Pauli beendet er die Episode Skibbe. Das war überfällig. Doch sein Retter konnte nichts mehr retten. Die Idee, in Christoph Daum einen Motivator zu holen, der die leblose Mannschaft aufwecken sollte, war vielleicht richtig, doch sie ging in die Hose. Daums Methoden (gepaart mit dem merkwürdigen Auftreten seines seltsamen Co-Trainers Roland Koch) verfingen nicht. Und die Eintracht hatte damals darauf verzichtet, in der Winterpause einen Innenverteidiger zu holen. Das war der Kardinalfehler.

Auf diesem Sektor kann man den Verantwortlichen in diesem Jahr sicher keinen Vorwurf machen. Sie haben gespürt, dass die Mannschaft eine Blutauffrischung benötigt – und gleich fünf Neue geholt. Drei Zugänge stehen seitdem zumeist in der Startelf, Szabolcs Huszti, Marco Fabian und Yanni Regäsel. Vielleicht hätte es die Eintracht bei drei Neuen belassen sollen, um nicht das ganze Gefüge zu sprengen und den Kreis kleiner zu halten. Bisher konnte nur Fabian überzeugen, auch Regäsel hat Potenzial. Weshalb aber Kaan Ayhan und Huszti geholt wurden, erschließt sich einem nach den bisherigen Eindrücken nicht. Noch schlimmer ist aber die Verpflichtung von Änis Ben-Hatira, der der Eintracht quasi zugeflogen ist und regelmäßig gebracht wird. Ein fatales Signal an die übrigen Spieler, wenn einer auf den letzten Drücker kommt, sofort spielt, aber nicht mal gut ist – das kann gefährlich werden. Denn wenn es in der Mannschaft nicht mehr stimmt, dann ist das ein erster Schritt in Richtung Abgrund.

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