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Eintracht Frankfurt Ein Klub unter Schock

Konsterniert muss eine bis tief ins Mark verunsicherte Frankfurter Mannschaft die Scherben einer schweren Niederlage zusammenkehren. Marc Stendera deckelt die Kollegen.

Lösungen sind gefragt: Trainer Armin Veh. Foto: Stefan Krieger

Am Tag danach schlurften die Frankfurter Fußballprofis joggend durch den Stadtwald. Mit hängenden Köpfen und leeren Blicken. Noch immer tief gezeichnet und schwer getroffen von der Derby-Niederlage am Abend zuvor. Die Stimmung war frostig. Gesprächsanfragen beschieden einige Profis abschlägig. Stefan Aigner etwa bat höflich um Verständnis, sich besser nicht äußern zu wollen. Nur Marc Stendera, der Jüngste, stellte sich den Reportern, die gleich im guten Dutzend an die WM-Arena gekommen waren. Ein solches Aufgebot kommt nur dann zusammen, wenn etwas Außergewöhnliches passiert ist. Ein 0:1 gegen Darmstadt 98 samt tiefer Krise und einem satten Fan-Aufstand geht als etwas Außergewöhnliches durch.

Stendera rechnet ab

Marc Stendera, das Eintracht-Küken mit dem Rauschebart, nahm kein Blatt vor den Mund. Schonungslos rechnete er mit sich und seinen Mitspielern ab. Das ganze Eintracht-Spiel sei von Mutlosigkeit und Ängstlichkeit geprägt. „Man muss auch mal zeigen, dass man einen Arsch in der Hose hat und dass man sich den Arsch aufreißt“, sagte der 19-Jährige drastisch. „Wenn man nichts probiert, kann man nichts gewinnen.“ Natürlich sei die kolossale Verunsicherung ein ständiger Wegbegleiter der Eintracht-Profis, doch auch dagegen müsse man sich eben auflehnen. „Wir sollten nicht mit Angst ins Spiel gehen, sondern mit Freude.“

Der Mittelfeldspieler, der übermorgen 20 Jahre alt wird, sprach seinen Kameraden die nötige Berufseinstellung ab. „Jeder sollte sich mal hinterfragen, ob er alles gegeben hat. Am Sonntag war das nicht der Fall. Nicht jeder gibt 100 Prozent“, zürnte der U21-Nationalspieler. Das sei eine Charakterfrage und eine Sache der Einstellung. Ziemlich genau eine halbe Stunde später widersprach Kapitän Alexander Meier seinem jungen Mitstreiter vehement. „Ich glaube, dass jeder alles gibt, was er leisten kann“, sagte Meier. Alles andere sei ja völlig widersinnig und „nicht im Interesse eines jeden Einzelnen“.

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Die Mannschaft ist am Tiefpunkt angelangt, sie liegt am Boden – und weit und breit scheint niemand in Sicht, der ihr die Hand reicht, um sie wieder aufzurichten. Die Hessen stellen zusammen mit Werder Bremen die schlechteste Mannschaft der letzten elf Spiele, die Leistungen, und das ist das Alarmierende, werden immer schlechter. Der Abwärtstrend ist unverkennbar, die Tendenz geht klar in Richtung Abstiegsränge. Mehr noch: In dieser Verfassung ist Eintracht Frankfurt Abstiegskandidat Nummer eins. Man fragt sich ernsthaft, gegen wen diese Mannschaft noch ein Spiel gewinnen will. In dieser Form würde die Eintracht sicherlich auch enorme Schwierigkeiten haben, gegen, sagen wir, Fortuna Köln oder SG Sonnenhof Großaspach zu gewinnen. Nichts geht mehr bei Eintracht Frankfurt. Über den ganzen Klub hat sich eine Art Schockstarre gelegt. Das Ganze ähnelt fatal der letzten Abstiegssaison, als die Eintracht in der „Rückrunde der Schande“ (Vereinspräsident Peter Fischer) noch von Platz sieben auf 17 rutschte. Auch damals war der Niedergang abzusehen. Das einzig Positive in dieser misslichen Situation im Spätherbst 2015: Jetzt ist noch genügend Zeit, Maßnahmen zu ergreifen, um den Kahn wieder flott zu bekommen oder zumindest den Worst Case abzuwenden. Fakt ist: Die Eintracht macht die sportlich schlimmste Phase seit dem letzten Abstieg durch.

Das Projekt Armin Veh ist im Grunde schon gescheitert. Der Trainer wirkt angezählt und angeschlagen. In den Gremien genießt der Fußballlehrer noch Rückhalt. Dieses Vertrauen ist aber auch endlich. Eine Demission schloss der Coach aus. Das kann er sich seit seinem Rückzug in Stuttgart nicht mehr erlauben. Die Mannschaft steht voll hinter dem Trainer. „Seine Schuld ist es nicht“, sagte Kapitän Meier. Und Stendera winkte ab: „Über den Trainer brauchen wir gar nicht zu reden.“

Die Mannschaft hat nichts, worauf sie sich zurückziehen und auf was sie sich berufen kann. Sie ist völlig konzept- und hilflos. Sie hat gar keinen Plan und keine Idee mehr, wie sie zum Erfolg kommen will. Für was diese Mannschaft steht, ist nicht zu erkennen. Das war alles anders geplant. Das Spiel ist statisch und behäbig, fußballerisch ist das sowieso an Limitiertheit und Schlichtheit kaum zu überbieten. Hinzu kommt: Angst essen Seele auf.

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Die Furcht vor Fehlern ist so groß, dass die Füße den Gedanken nicht mehr gehorchen. „Das spielt sich alles im Kopf ab“, sagte Spielführer Meier. „Wenn du kein Selbstvertrauen hast, machst du dir auch Gedanken darüber, ob ein Pass über vier Meter ankommt.“ Doch es ist niemand da, der den Spielern diese Versagensängste nehmen kann. Der Trainer schafft es offenbar auch nicht, in die Köpfe der Spieler zu gelangen und ihnen dabei Hilfestellung zu geben.
Ansonsten herrscht das große Vakuum auf sportlicher Ebene. Vorstandschef Heribert Bruchhagen treibt die große Angst um, sich ausgerechnet in seinem letzten Jahr mit dem fünften Abstieg der Vereinsgeschichte zu verabschieden. Er ist ohnehin kein schneller Entscheider. Sportdirektor Bruno Hübner ist schon wieder im Wegduck-Modus, also auf Tauchstation. So wie im letzten Vierteljahr unter Veh-Vorgänger Thomas Schaaf. Dreimal binnen einer Woche vertröstete er die Pressevertreter, die ihn um eine kurze Einschätzung baten. Auch intern führt er nicht das große Wort.

Was ist eigentlich falsch gelaufen in dieser Saison? Wieso steckt diese Mannschaft, mit der man zu Beginn der Runde doch mal träumen wollte von europäischen Gefilden, derart tief im Abstiegssumpf? Offenkundig ist: Die sportlich Verantwortlichen haben diese Mannschaft kolossal überschätzt. Und urplötzlich steht man in Frankfurt mit heruntergelassenen Hosen da. Denn Plan A (Offensivfußball auf Kombinationen basierend) hat nicht funktioniert. Doch auch Plan B (Defensivfußball mit mehr Kompaktheit) funktioniert nicht. Kann vielleicht auch nicht funktionieren, weil diese Art des Fußballs kein probates Stilmittel für diese Mannschaft ist.

Die Eintracht war immer nur erfolgreich, wenn sie aktiv war, wenn sie agierte und versuchte, das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen, wenn sie vorne draufging, den Gegner unter Druck setzte. Wenn sie das gesamte Spielfeld, wenn man so will, kleiner machte, die Mannschaftsteile weiter weg vom eigenen Tor schob. Die Frankfurter spielen mittlerweile einen unschönen und einschläfernden Angsthasenfußball. Dabei war Verweigerungsfußball nie ihr Ding.

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Inzwischen hat eine bis ins Mark verunsicherte, instabile Mannschaft nichts mehr, worauf sie sich zurückziehen kann. Spielidee und System sind auch längst verschütt gegangen. Was also tun? Alexander Meier, der gegen Darmstadt gesperrt fehlte, sagt knochentrocken: „Weitermachen und trainieren.“ Ob er als Mannschaftsführer jetzt in besonderem Maße gefordert sei? „Ich bin als Kapitän immer gefordert“, entgegnete er. „Ich werde meine Persönlichkeit nicht ändern, weil ich am Wochenende die Binde trage.“ Aber womöglich müsse man sich mal zusammensetzen, mal einen Mannschaftsabend organisieren, Tacheles reden in einer Runde ohne den Trainer. Meier glaubt nicht an den Erfolg solcher Maßnahmen. „Ich weiß nicht, was das bringen soll.“ Die Spieler seien oft zusammen, „beim Frühstück besprechen wir die Sachen, das ist aber ganz normal.“

Ansonsten könne man nun nur noch versuchen, sich bis zur Winterpause durchzuhangeln. „Wir können ja nicht aufhören. Also müssen wir da jetzt durch. Wir müssen uns jetzt noch zwei Wochen zusammenreißen und uns dann neu sammeln“, rät Meier, der den derzeitigen Absturz nicht mit dem Abstieg vor fünf Jahren in Verbindung bringen will. „Das kann man, glaube ich, nicht vergleichen.“

Als sicher gilt, dass die Eintracht im Winter alle Kräfte bündeln und alles mobilisieren wird, um sich aus dem Abstiegsstrudel zu befreien. Neue Spieler werden auf alle Fälle anheuern, der Verein ist auch bereit dazu, Geld in die Hand zu nehmen und mehr Geld auszugeben als vorhanden ist. Denn ein Abstieg soll logischerweise mit aller Macht verhindert werden. Neuerdings fällt auch der Name Kevin Großkreutz immer wieder mal (für den aber eine Ablösesumme an Galatasaray Istanbul zu entrichten wäre), auch Sidney Sam rückt wieder stärker in den Fokus.

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Vieles schnurrt bei der Eintracht auf die Partie gegen den SV Werder Bremen zusammen, ein paar Tage vor Weihnachten, wenn in Frankfurt die aktuell schlechtesten Mannschaften aufeinandertreffen. Die Begegnung am kommenden Sonntag in Dortmund haben die Hessen zwar nicht abgehakt, aber die Wahrscheinlichkeit ist nicht so furchtbar groß, bei den Westfalen etwas Zählbares mitzunehmen. Gegen den BVB wäre eine Eintracht-Mannschaft in Topform schon nahezu chancenlos, von einer tief verunsicherten Rumpftruppe (in Marco Russ, Carlos Zambrano und Marc Stendera sind gleich drei Profis gelbgesperrt) mal ganz zu schweigen.

Wie groß die Freude auf die Partie in Dortmund sei, ist Alex Meier gefragt worden, und er antwortete lächelnd: „Riesig.“ Um dann pflichtbewusst anzufügen: „Gegen Bayern hat auch jeder gedacht, wir kriegen fünf Dinger.“ Dann ermauerte sich die Eintracht ein 0:0.

Analyse am Ende der Hinrunde

Doch auch das passt zu dieser merkwürdigen Geschichte, die die Eintracht in dieser Saison schreibt. Selbst diese respektable Nullnummer gegen die Bayern und das nachfolgende 0:0 gegen Hoffenheim (mit einer allerdings sehr ansprechenden Leistung) haben den Frankfurtern keinen Schub und kein Selbstvertrauen gegeben. Das ist bezeichnend für dieses Team, das so gar nicht greifbar ist.

Nach der Partie gegen Bremen wird man sich zusammensetzen und die Vorrunde analysieren. Das ist dringend nötig. Denn diese fast schon desaströse Hinserie muss Konsequenzen haben – welcher Art auch immer.

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