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Eintracht Frankfurt Die Luft wird dünner

Eintracht Frankfurt steckt nicht nur in der Krise, sondern muss sich auch einer vergifteten Atmosphäre erwehren.

Wird nicht erhört: Armin Veh. Foto: Heiko Rhode

Normalerweise können sich die Berufsfußballer der Frankfurter Eintracht allwöchentlich über einen freien Montag freuen. Das ist Usus. Doch an diesem Montag war alles anders, da mussten die Profis antanzen, im Bauch des Stadions einen Kraftzirkel absolvieren. Zieht Trainer Armin Veh nun also noch einmal die Zügel an und andere Saiten auf? Ist der freie Tag gestrichen worden, um den zuletzt wieder so ungeheuer unglücklich und auch ziemlich schlecht spielenden Akteuren den Ernst der Lage eindrücklich vor Augen zu führen?

Weit gefehlt. Der veränderte Ablauf ist schlicht der „kurzen Woche“ geschuldet, bereits am Freitag geht es für die Eintracht weiter, unter Flutlicht, es kommt der Hamburger SV – fast schon zu einem kleinen Schicksalsspiel.

Denn Eintracht Frankfurt ist nach der Niederlage von Köln unter erheblichen Zugzwang geraten. Alles andere als ein Sieg würde die tiefe Krise weiter verschärfen, eine neuerliche Schlappe am angeschlagenen Nervenkostüm weiter reißen. Wie ernst die Situation intern angesehen wird, zeigt die Tatsache, dass Veh am Montag kurzfristig verfügte, in dieser Woche ausschließlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu trainieren. Die Stimmung rund um den Klub ist derzeit so mies wie lange nicht mehr, sie könnte kaum mieser sein. Die Atmosphäre im Stadtwald ist vergiftet, fast könnte man meinen, die Mannschaft sei schon abgestiegen.

Im Zentrum der Anfeindungen steht, nicht erst jetzt, Trainer Armin Veh. Sein von Anfang an nur begrenzter Kredit ist längst vollends aufgebraucht, die meisten Kritiker geben ihm die Schuld am Niedergang der Eintracht-Elf. Tenor: Er kann es nicht, er hat taktische Defizite, er besitzt kein schlüssiges Konzept, er bekommt die Mannschaft nicht in die Spur.

Tatsächlich wird auch für den 55 Jahre alten Fußballlehrer die Luft dünner. Das liegt im Misserfolgsfall und bei enttäuschten Erwartungen in der Natur der Sache. Armin Veh ist nun mal für alle sportlichen Belange verantwortlich. Und bisher ist Eintracht Frankfurt, angeblich mit dem besten Kader der jüngeren Vergangenheit in die Saison gegangen, sehr vieles schuldig geblieben. Sicher ist auch, dass die Verantwortlichen diesen Kader überschätzt haben, dennoch ist die Qualität der Mannschaft so, dass man nicht zwingend in Abstiegsgefahr geraten müsste.

Darmstadt-Spiel lässt grüßen

Dessen ungeachtet: Veh, dem ein Hang zu Laissez-faire nachgesagt wird, hat lange nicht mehr so gewissenhaft und akribisch gearbeitet. Er packt die Mannschaft härter an, greift korrigierend ein, versucht alles, die vielen Baustellen zu schließen. Obwohl er die Leine deutlich verkürzt hat, hat er die Mannschaft nicht verloren; fast alle Spieler stehen hinter ihm. Die wichtigste Aufgabe des angeschlagenen Trainers ist jetzt: Das Team so zu präparieren, dass es in der Lage ist, ab und zu ein Spiel zu gewinnen und bei Rückschlägen nicht gänzlich auseinanderzufallen. Das wäre der Anfang vom Ende. Doch selbst einzelne Siege reichen nicht mehr aus, um die Brust der Spieler breiter werden zu lassen und die lausige Stimmung, fast so wie nach dem Darmstadt-Spiel, aufzuhellen. Sicher ist auch: Die Eintracht hat es verpasst, sich im Abstiegskampf ein wenig Luft zu verschaffen.

Armin Veh hat verschiedene Systeme ausprobiert, hat – gegen seine Überzeugung – Beton angerührt und diesen „Defensivmist“ später zurückgenommen, glaubte nach dem Trainingslager auf dem richtigen Weg zu sein und seine Formation gefunden zu haben. Zwei Spiele freilich hielt diese Hoffnung nur, dann setzte es zwei Niederlagen und die große Ernüchterung hielt Einzug.

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Fest steht auch: Diese Mannschaft ist nicht stabil, sie schafft es nicht, ein straffes taktisches Konzept umzusetzen. Worin ist das begründet? Es liegt daran, dass die wichtigste und neuralgische Position, die des „Sechsers“, nicht bundesligatauglich besetzt ist. Im Grunde zieht sich das als roter Faden durch die gesamte Saison.

Stefan Reinartz konnte diese Position nur anfangs halbwegs adäquat ausfüllen, weder Aleksander Ignjovski noch Slobodan Medojevic schafften es, Marco Russ ist mangels Geschwindigkeit eine Notlösung, und der, der es eigentlich könnte, Makoto Hasebe, musste oft hinten rechts aushelfen. Und ist jetzt so verunsichert, dass er selbst im defensiven Mittelfeld überfordert wirkt.

Die Krux bei der Sache: Verdichtet Veh das defensive Mittelfeld mit zwei eher rustikalen Spielern, kommen kaum noch Impulse nach vorne, und ohne echte „Sechs“ ist das Loch im Mittelfeld riesengroß.

Veh muss Seferovic stärken

Es wird, das hat die Sportliche Leitung am Sonntag angekündigt, Änderungen geben. Sicher ist, dass sich die Eintracht bei defensiven Standards (schon sieben Gegentore, Ligarekord) geschickter anstellen will. Veh wird alles daransetzen, die Mannschaft zu festigen, womöglich rückt ein kampfbetonter Spieler wie Ignjovski in die Zentrale. Und die Frage ist: Was wird aus weiterhin formschwachen Spielern wie Stefan Aigner, Szabolcs Huszti oder Hasebe? Hält Veh nibelungentreu an den dreien fest, auch weil sie ihre Klasse schon einmal nachgewiesen haben? Oder setzt er einen neuen Reiz?

Vor allem muss Veh den Angreifer Haris Seferovic ins Laufen bringen. Denn er ist einer, der die Fähigkeit besitzt, sich entscheidend durchzusetzen, er ist einer, der Eins-gegen-Eins-Situationen erfolgreich bestreiten und auch mal steil geschickt werden kann. Ein Element, das rar gesät ist. Den Schweizer auf Linie zu bringen, wird schwer genug sein. Doch auf seine Qualitäten, selbst wenn er in Köln genauso untertauchte wie alle anderen und verunsichert wirkte, kann die Eintracht jetzt nicht verzichten.

Es ist fünf vor zwölf. Viel Zeit bleibt der Eintracht nicht mehr.

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