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Eintracht Frankfurt Der Mann für einfach alles

Der Frankfurter Angreifer Haris Seferovic steckt voller Widersprüche, aber er kann sie prima aushalten. „Unser Spiel ist es, nach vorne zu spielen und Tore zu provozieren“.

06.01.2016, Fussball, Trainingslager Eintracht Frankfurt in Abu Dhabi - Tag 3
Abschluss der Nachmittagseinheit: Slobodan Medojevic, Haris Seferovic und Yannick Zummack (von links) am „Hügel der Leiden“. Foto: Heiko Rhode

Haris Seferovic ist ein Mensch, der gerne länger schläft. Im schönen Abu Dhabi muss er aber ziemlich früh raus, um 7.30 Uhr Ortszeit (4.30 Uhr MEZ) geht es schon hinaus zum ersten Lauf. Doch er findet, die Bedingungen im Wintercamp seien hervorragend, der Platz ein wahrer Teppich; dann sagt er: der Platz sei hart, weswegen er nach einer Einheit einen dicken Eisbeutel prophylaktisch ums Knie trägt. Er sagt, sein Spiel sei auch, als Vorbereiter da zu sein, für die Mannschaft zu malochen, schon fünf Assists stehen bei ihm zu Buche, und er sagt, fast im gleichen Atemzug, ein Stürmer werde an Toren gemessen: „Wenn mich jemand kaufen will und guckt, wie viele Tore ich gemacht habe, dann steht da bisher eine Drei. Nicht viel.“ Er sagt, er laufe vielleicht für einen Stürmer zu viel, andererseits „bin ich überall, rechts, links, vorne, hinten. Ich bin ein Typ, der gerne die Bälle holt, auch im Mittelfeld.“

Haris Seferovic ist ein Mann der Widersprüche. Er gibt sich zuweilen rotzig, barsch, unnahbar, er pflegt auch sein Macho-Image mit frechen Sprüchen und großflächigen Tätowierungen. Und dann sitzt er nach dem Bremen-Spiel wie ein Häufchen Elend auf dem Rasen, er konnte die Tränen nicht zurückhalten, weil er dreimal allein aufs Tor gelaufen ist und jedes Mal, fast schon grotesk, danebengeschossen hat. Er sagte, er habe sich für das Team „geopfert“ und deswegen beim Abschluss „keine Energie“ mehr gehabt. Anderntags hat er die ganze Facebook-Welt wissen lassen, dass er vom Papa Hausarrest erhalten habe, „weil ich so blind war.“ Jetzt sagt er nach der morgendlichen Trainingseinheit in Abu Dhabi: „Das Bremen-Spiel ist schon längst vergessen.“ Trotzdem hat ihn das gewurmt. „Wenn es mich nicht kratzen würde, was wäre ich dann für ein Stürmer?“

So ist er, der Haris Seferovic. Ein Mann voller Widersprüche, aber auch einer, der diese Widersprüche locker aushalten kann. Und der sich auch nicht sonderlich viele Gedanken über Vergangenes macht. Er lebt im Jetzt. Für Eintracht Frankfurt jedenfalls gehört der 23 Jahre alte Schweizer mit bosnischen Wurzeln zu den ganz wichtigen Spielern, weil er der Mannschaft eine Qualität beifügt, die sie sonst nicht hätte: Seferovic, der trotz seiner Jugend schon bei sechs Vereinen in vier Ländern gespielt hat, ist in der Spitze immer anspielbar, da kann der Ball noch so schwer zu verarbeiten sein. Seferovic kann ihn behaupten. Und er hat keine Angst, ein Aspekt, der gerade in der sportlichen Krise nicht zu gering geschätzt werden sollte. „Ich bin ein ekliger Spieler“, hat er im FR-Interview gesagt und damit gemeint, dass kein Gegenspieler gerne gegen ihn spielen würde.

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Die Verpflichtung von Seferovic, im Sommer 2014 für 3,2 Millionen Euro von Real Sociedad San Sebastian geholt, hat sich für die Hessen als Volltreffer erwiesen. Im ersten Jahr erzielte er in 32 Spielen zehn Tore und lieferte acht Vorlagen, gerade mit Alex Meier verstand er sich prächtig. Inzwischen wird sein Marktwert auf acht Millionen Euro taxiert, und er dürfte einer jener Kandidaten sein, über die Eintracht Frankfurt im Sommer nachdenkt, wer mit Gewinn verkauft werden könnte. Wenn nicht, dann sollte verlängert werden. Der Kontrakt mit der Eintracht läuft 2017 aus. „Ich spiele erst einmal bis Sommer und dann wird man sehen“, sagt Seferovic.

Im Sommer steht die Europameisterschaft an, und die Schweiz hat hinter Gastgeber Frankreich gute Chancen, die Gruppenphase zu überstehen, Albanien und Rumänien sind die weiteren Gruppengegner. Und wie es ist, im Schaufenster zu stehen und auf sich aufmerksam machen zu können, hat Seferovic ja bei der WM in Brasilien bewiesen, als er im ersten Spiel der Eidgenossen den Siegtreffer gegen Ecuador erzielte. „Die EM ist im Hinterkopf, ganz klar“, sagt Seferovic, der sich wünscht, von schweren Verletzungen verschont zu bleiben. Die EM will sich der Linksfuß, der alle Schweizer Auswahlteams durchlaufen, in 27 Länderspielen sieben Tore erzielt hat, und den der Mainzer Trainer Martin Schmidt als „besten Stürmer der Schweiz“ geadelt hat, nicht entgehen lassen.

Tore, egal wie

Für die Rückrunde empfiehlt Seferovic, der seine Essgewohnheiten umgestellt hat und künftig auf Chips und Süßigkeiten verzichten will, eine Rückkehr zu mutigem Offensivfußball. „Unser Spiel ist es, nach vorne zu spielen und Tore zu provozieren. Wenn wir zwei kriegen, aber drei schießen, ist das nicht schlimm. Wir werden in der Rückrunde nicht mehr so tief stehen, sondern mehr drauf gehen“, sagte der Frankfurter Angreifer am Mittwoch. „Wenn man nicht den Fußball spielt, den man kann, wird es schwer.“ Stattdessen müsse man sich an den positiven Erfahrungen aus dem Bremen-Spiel orientieren. „Da hatten wir auch wieder viele Torchancen.“ Vor allem er. Für die Rückrunde wünscht er sich, fit zu bleiben, gute Leistungen zu bringen und Tore. Oder Vorlagen. Am besten alles. Wie immer. Mit links. Mit rechts. „Und ich kann auch mit dem Knie ein Tor machen.“

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