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Eintracht Frankfurt Der Held aus dem Käfig

Vieles spricht dafür, dass der Frankfurter Neuzugang Änis Ben-Hatira gegen Hannover 96 links stürmen soll.

Auf dem Sprung in die Startformation im vorentscheidenden Spiel gegen Hannover 96: Änis Ben-Hatira. Foto: Heiko Rhode

Bislang ist Änis Ben-Hatira in Frankfurt nicht sonderlich aufgefallen, weder positiv, noch negativ. Der Junge hat sich brav eingegliedert ins Team, er versucht im Training sein Bestes. Anfangs, in den Spielen gegen den VfB Stuttgart und den 1. FC Köln, kam er jeweils nach der Pause erstaunlicherweise gleich zu Einsätzen. Das hat ein wenig überrascht, weil seine Verpflichtung von Hertha BSC eher zufällig passierte und keinesfalls geplant war. Änis Ben-Hatira hätte Eintracht Frankfurt ja nie und nimmer geholt, wenn der 27 Jahre alte Deutsch-Tunesier im Mannschaftsbus nicht handgreiflich gegen seinen Kollegen Mitchell Weiser geworden wäre und er daraufhin aus dem Klub flog. Ben-Hatira war also auf dem Markt, und da Sportdirektor Bruno Hübner ohnehin mit Hertha wegen des Wechsels von Yanni Regäsel verhandelte, nahm er den Linksaußen gleich mit, als Beifang sozusagen. Ironie am Rande: Ausgerechnet Mitchell Weiser erzielte später im Spiel gegen Ben-Hatiras neuen Klub prompt das 1:0.

Aber da stand Änis Ben-Hatira nicht im Frankfurter Kader, ohnehin hat er seit fünf Wochen, seit der Partie in Köln, nicht mehr gespielt für die Hessen.

Doch wenn die Zeichen nicht täuschen, dürfte Ben-Hatira im vorentscheidenden Spiel am Samstag gegen Hannover 96 in der Startformation stehen. In dieser Richtung hat sich Trainer Niko Kovac geäußert, zudem spielte der gebürtige Berliner in den Trainingsspielchen in der A-Elf. „Änis gibt richtig Gas. Er sucht seine Chance“, lobte Kovac kürzlich. Ben-Hatira könnte auf Linksaußen zum Einsatz kommen, da besteht schon die ganze Saison über eine Vakanz, und diesen Problembereich haben die Hessen in 26 Spielen nicht in den Griff bekommen. Von Ben-Hatira verspricht sich Kovac einiges, er soll dank seiner technischen Fertigkeiten die Eins-zu-Eins-Situationen gewinnen, um damit neue Spielformen zu kreieren.

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Und Ben-Hatira hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er mehr kann. 83 Bundesligaspiele (13 Tore, zehn Vorlagen) stehen auf seiner Visitenkarte. Beim Hamburger SV hat er gespielt, beim MSV Duisburg in der zweiten Liga, und zuletzt eben viereinhalb Jahre in Berlin. Die Kinder von Pal Dardai, dem Hertha-Trainer, der ihn raus warf, hatten Poster von Ben-Hatira in ihren Zimmern hängen, zudem stand er bei den Hertha-Anhängern hoch im Kurs. Ben-Hatira gehörte zu jener U 21-Auswahl des DFB, die 2009 Europameister wurde. In dieser Runde freilich stand er, wegen einer hartnäckigen Zehenverletzung, in Berlin nur ein einziges Mal im Kader (und da fiel er hinterher aus der Rolle).

Zudem hat Kovac im Angriff nicht sonderlich viele Optionen. Szabolcs Huszti hat Mühe, den Anforderungen der Bundesliga zu genügen, Marco Fabian scheint außen vor zu sein, bleibt für die linke Seite im Grunde nur noch Sonny Kittel. Auch ihn hat Kovac ins Kalkül gezogen, die Frage ist, ob er dem so lange verletzten Techniker einen Einsatz von Beginn an schon zutraut.

Das Bad-Boy-Image greift zu kurz

Doch Kovac wird Ben-Hatira auch wegen seiner Mentalität ins Team nehmen. Er sei, sagte der 44 Jahre alte Fußballlehrer, einer, der vorne weggeht. Kovac kennt Ben-Hatira, beide kommen aus dem Wedding, einem Bezirk am nordwestlichen Rand Berlins mit sozialen Brennpunkten und vielen „Käfigen“, in denen die Jungs vom Kiez aus aller Herren Länder kickten. In diesen Käfigen haben die Kovac-Brüder vieles fürs Leben gelernt, vor allem, sich durchzusetzen, nicht aufzugeben. Diese umzäunten Kleinfeld-Fußballplätze waren auch die Heimat von Ben-Hatira. Rau ging es darin zu, nur die Starken setzten sich durch. Viele Bundesligaprofis haben sich in den Käfigen ihre ersten Sporen verdient, die Boateng-Brüder, Patrick Ebert, Askan Dejagah, Chinedu Ede, Zafer Yelen, Sejad Salihovic; sie alle gehörten zu Ben-Hatiras Clique. „Wir waren Straßenfußballer, die wussten, was Gerechtigkeit ist. Wir haben nicht zu allem Ja und Amen gesagt und sind auch mal angeeckt. Solch eine Generation, die in den Käfigen der Stadt groß geworden ist, gab es damals noch nicht. Wir sind mit Leuten aufgewachsen, die viel durchgemacht haben, und wir kommen aus einfachen Verhältnissen“, erzählte Ben-Hatira der „Berliner Zeitung“. Es ist diese Straßenköter-Mentalität, von der sich Niko Kovac einiges verspricht.

Andererseits greift das Bad-Boy-Image zu kurz. Ben-Hatira zeigt auch ein großes Herz: Er kümmerte sich in Berlin liebevoll um den an Krebs erkrankten neunjährigen Jungen Yannik. Als er vor einem Jahr im Olympiastadion einen Treffer erzielte, holte er eine Spiderman-Maske hervor. Das war Teil einer Abmachung zwischen den beiden: „Ich habe ihm versprochen, dass wir zusammen einlaufen, wenn er die erste Etappe seiner Chemotherapie geschafft hat. Das zweite Versprechen war, dass ich die Spiderman-Maske aufsetze, wenn ich ein Tor erziele. Spiderman war auch mein Held, als ich klein war“, sagte Ben-Hatira. „Seine Augen haben gestrahlt bis zum Geht-nicht-mehr.“

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