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Eintracht Frankfurt Das Meier-Märchen

Nach fünf Monaten Pause gelingt dem Eintracht-Profi Alexander Meier ein schier unfassbares Comeback mit drei Toren. Der Mann, der so oft als Frankfurter Lebensversicherung tituliert wurde und das völlig zu Recht, dieser Mann hat Eintracht-Geschichte geschrieben.

Nach 200 Sekunden der erste Jubel: Alexander Meier nach dem 1:0. Foto: Stefan Krieger

Wenn sich ein Drehbuchautor diesen Plot ausgedacht hätte, wenn er also eine Story entwickelt hätte, in der ein lange Zeit verletzter Sportler bei seinem Comeback nach fünfmonatiger Absenz gleich drei Tore schösse, das erste zudem schon nach drei Minuten und 20 Sekunden, praktisch mit dem ersten Ballkontakt, wenn dann diese Tore zusammen mit drei weiteren seiner Kollegen zu einem teilweise brillant herausgespielten 6:2-Sieg führten – ja, was hätte da der Produzent gesagt? Reiner Kitsch, Blödsinn, völlig realitätsfern, das glaubt doch kein Mensch, absurde Idee. Unser Drehbuchautor hätte sein Buch mit der eindringlichen Bitte zurückbekommen, sich künftig mehr am wahren Leben zu orientieren.

Doch genau das ist an diesem lauen Samstagabend im Frankfurter Stadtwald geschehen.

Alexander Meier, der Mann, der so oft als Frankfurter Lebensversicherung tituliert wurde und das völlig zu Recht, dieser Mann hat Eintracht-Geschichte geschrieben. Seine drei Tore beim Comeback gegen den 1. FC Köln reihen sich durchaus ein in die ganz großen Eintracht-Erfolge der jüngeren Vergangenheit. Dieser 12. September wird eingehen in die Annalen, vielleicht nicht auf einer Stufe stehen mit dem Trauma von 1992 in Rostock, den beiden wundersamen Rettungen 1999 und 2000 am allerletzten Spieltag.

Aber wann hat es zuletzt erfolgreichere Comebacks gegeben? Der Mann war 161 Tage auf Eis gelegt, die Patellasehne ziemlich zerpflückt, und dann kehrt er zurück wie Phönix aus der Asche. Eintracht-Vorstand Axel Hellmann hat schon Recht, wenn er sagt, dies „gehört in die Kategorie Fußballmärchen“. So etwas schier Unfassbares, kann sich ernsthaft ja kein Mensch ausdenken.

Es war so, als sei Alexander Meier nie weggewesen. Da gab es kein Fremdeln, keine Anlaufschwierigkeiten, kein Reintasten in die Partie. Keine 200 Sekunden nach den Anpfiff geht Aleksandar Ignjovski am rechten Flügel am so hochgelobten Nationalverteidiger Jonas Hector vorbei, als sei der ein B-Jugendspieler, und dann flankt der technisch limitierte Wadenbeißer die Kugel so punktgenau auf den Kopf von Meier, als sei dies eine seiner leichteren Übungen. Und Meier, der 32-Jährige, steigt hoch und köpft den Ball schulbuchmäßig in die Ecke. Es blieb aber nicht bei diesem einen Treffer, Meier legte noch zweimal nach; nach 23 Minuten platzierte er mit links eine wunderbare Flanke von Haris Seferovic technisch anspruchsvoll ins Eck, in der 87. setzte er mit seinem Kopfball nach Vorarbeit von Johannes Flum den glanzvollen Schlusspunkt. Drei Tore nach fünf Monaten Pause – so was schafft nur ein Alexander Meier. „Das ist nicht normal. Und Alex Meier ist auch kein normaler Spieler, er ist ein unnormaler Spieler. Von daher ist es wieder normal“,“, sagte Trainer Armin Veh nach dem beeindruckenden Spektakel.

„Alex ist phänomenal“, pflichtete ihm Klubchef Heribert Bruchhagen bei. Marco Russ riet dem Helden des Abends, er möge doch noch schnell einen Lottoschein ausfüllen. Selbst der Kölner Trainer Peter Stöger, der das Ergebnis auch in dieser Höhe als korrekt bezeichnete, lobte den Rekonvaleszenten. „Wir haben Meier herzlich willkommen geheißen zurück in der Bundesliga und es ihm leicht gemacht. Der hat seinen Spaß gehabt. Aber es ist trotzdem schön, dass er wieder da ist, so bitter das für uns ist.“

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Es gab ja in Frankfurt eine Menge Leute, die hatten vorher kein so gutes Gefühl, als sie Meier in der Startformation sahen. „Mulmig“ war Bruchhagen vorab zumute, skeptisch, ob dieser Schachzug von Erfolg gekrönt sein würde, war auch sein Vorstandskollege Hellmann. „Aber deswegen ist Armin Veh bei uns der Fußball-Lehrer und ich im Verein für andere Dinge zuständig.“ Man muss sagen: Armin Veh hat alles richtig gemacht.

Tatsächlich war es für den Coach seit dem Donnerstagtraining, einem nichtöffentlichen, klar gewesen, Meier von Anfang an zu bringen, und Stammspieler Stefan Aigner dafür zu opfern. „Am Donnerstag hat im Training gut geklappt, was ich vorhatte“, sagte Veh. Da übte er ein System mit Raute und den beiden Spitzen Luc Castaignos und Seferovic ein. Meier selbst hatte erst am Spieltag bei der Mannschaftssitzung von seiner Nominierung erfahren. Aber er hat sich fast so etwas gedacht nach der Trainingseinheit. „Das ist heute auch für mich etwas Besonderes. Damit hat keiner gerechnet“, sagte Meier nach dem Spiel gewohnt bescheiden und zurückhaltend. „Die Tore waren aber alle auch super vorbereitet. Ich musste doch nur noch den Fuß oder den Kopf hinhalten.“ Tatsächlich profitierte der 32-Jährige von den perfekten Vorarbeitern Ignjovski, Seferovic und Flum.

Die große Kunst des Alex Meier ist eben, genau da zu stehen, wohin der Ball hinkommt. Dann vollstreckt der dienstälteste Eintrachtler (seit 2004 in Frankfurt) eiskalt und ohne Gnade. „Er ist eine Waffe“, staunte auch Linksverteidiger Bastian Oczipka. Und es ist eben kein Zufall, dass er so verlässlich trifft. Sein zweiter Treffer, volley mit der linken Innenseite, technisch höchst anspruchsvoll „ist das Ergebnis zehnjähriger Arbeit“, sagte Bruchhagen. Nach jedem Training übt Meier extra noch mit dem Ball – sofern es ihm nicht, wie unter Thomas Schaaf, verboten wird.

Und doch war es nach 13 Doppelpacks auch für den 1,96 Meter großen Schlaks das erste Mal in 236 Bundesligaspielen, dass er dreifach traf. Und das nach so langer Pause.

Manche Geschichten schreibt eben kein Drehbuchautor, sondern nur der Fußball.

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