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Eintracht Frankfurt Als die Uhren anders gingen

Jupp Heynckes hat die Eintracht stärker geprägt, als ihr lieb sein konnte. Endstation: Juventus Turin / Teil 1

Der Trainer und der Vizepräsident: Jupp Heynckes und Bernd Hölzenbein. Foto: imago sportfotodienst

Jupp Heynckes hat die Eintracht stärker geprägt, als ihr lieb sein konnte. Endstation: Juventus Turin / Teil 1

Also sprach Jupp Heynckes, knapp 20 Jahre bevor er in London einen Henkeltopf stemmte: „Wenn ich am 7. Juli hier anfange, werden die Uhren anders gehen.“

Damals klang es nach Aufbruch, dass es der Anfang vom Ende werden sollte, wusste da natürlich noch keiner.

Und was hatten sie sich gefreut im Frankfurter Riederwald über den „Welttrainer“ Jupp Heynckes, endlich mal einer mit Renommee, endlich mal einer, der keine Zigarillos rauchte oder großspurig Adler in Kabinen stellte. Bernd Hölzenbein, damals Vizepräsident, war es leid, immer die Lokomotive zu sein, immer derjenige zu sein, der den Takt vorgibt. Der „Holz“ wollte einen Fachmann, wollte einen, der Ahnung hatte von der Materie ? und stattete den damals 49-Jährigen mit weitreichenden Kompetenzen aus. Heynckes war seinerzeit der mächtigste Trainer bei Eintracht Frankfurt.

Es wurde Winter

Dann wurde es Winter und Heynckes musste Schnee schippen. Das hat den Meistertrainer ein wenig verblüfft zurückgelassen. Aber schon da schwante ihm, dass nicht alles so war, wie ihm Hölzenbein zuvor erzählt hatte. Heynckes sprach zwar davon, die Eintracht mindestens auf Platz vier zu bringen, aber als Ersatz für den nach Japan aufs Altenteil gewechselten Uwe Bein präsentierten sie Thorsten Legat. Mitte der Hinrunde dümpelte die Eintracht nach einer 0:3-Niederlage gegen Uerdingen auf Platz 14.

Und dann kam jener 2. Dezember 1994, der den Klub vielleicht à la longue mehr durchschüttelte und zurückwarf, als jedes andere Ereignis der jüngeren Historie. Ja, viel spricht dafür, dass dieses Datum den Beginn des langsamen Niedergangs der Eintracht besiegelte, an dem sie lange, lange Zeit zu knabbern hatte, sicher ist allemal: An jenem 2. Dezember 1994 suspendierte Jupp Heynckes wegen einer Lappalie die Spieler Anthony Yeboah, immerhin Kapitän, Jay-Jay Okocha und Maurizio Gaudino. Das wäre in etwa so, als werfe Jürgen Klopp in Dortmund Robert Lewandowski, Marco Reus und Kevin Großkreutz raus. Die drei hätten im Abschlusstraining vor der Partie gegen den Hamburger SV nicht richtig trainiert, dies sollten sie am Nachmittag nachholen, was alle drei ablehnten. Yeboah wurde im Januar noch zu Leeds United transferiert, Gaudino zu Manchester City, immerhin wurde Okocha begnadigt.

Offensivkräfte vergrault

Doch die Mannschaft war damit entscheidend geschwächt. Im Frühjahr nannte der Coach „fehlende Durchschlagskraft im Sturm“ als Grund für die Misere, was nicht wirklich überraschte, wenn man zuvor seine besten Offensivkräfte vergraulte. Am 2. April zog Heynckes, „selbstverständlich“ unter Verzicht einer Abfindung, die Konsequenzen und kündigte von sich aus. „Die Erkenntnis, dass der Verein und ich nicht zueinander passen, ist in jüngster Zeit immer stärker geworden“, schrieb der Weltmeister von 1974 bei seiner Vertragsauflösung. „Zu unterschiedlich sind unsere Auffassungen von professioneller Arbeit.“

Immerhin schlugen sich die Frankfurter im Europapokal sehr achtlich. Es sollte über viele Jahre der letzte Auftritt im Uefa-Cup sein, im Jahr drauf scheiterten sie bereits bei der Qualifikation zum UI-Cup an Girondins Bordeaux (0:3). Olimpija Ljubljana wurde in der ersten Runde ausgeschaltet (1:1 und 2:0). Dann war Rapid Bukarest kein echter Prüfstein, zwar unterlagen die Frankfurter in Rumäniens Kapitale mit 1:2, im Rückspiel machten Rudi Bommer, Tony Yeboah (2) und Jan Furtok (2) schnell klar Schiff.

Ende November im Achtelfinale bekam es die Eintracht dann mit dem SSC Neapel zu tun, 1:0 gewannen die Frankfurter das Heimspiel, am 6. Dezember mussten sie an den Vesuv ? schon ohne Yebaoh, Gaudino und Okocha. Da bissen sie sich durch Ralf Falkenmayer erzielte den siegbringenden Treffer, Matthias Becker ersetzte Yeboah, Legat Okocha.

Körbel übernimmt

Im Viertelfinale zogen die Frankfurter ein echtes Hammerlos: Juventus Turin, mit allen Assen: Peruzzi im Tor, mit Kohler, Deschamps, del Piero, Di Livio sowie Ravanelli („die weiße Feder“) und Vialli im Sturm. Im Hinspiel in Frankfurt hielt die Eintracht halbwegs mit, ein 1:1 (Tor: Furtok) ließ noch Chancen, in Turin freilich setzte sich die „Alte Dame“ am Ende durch, Conte, Ravanelli und del Piero machten den Sack zu und beendeten das Abenteuer Europapokal für die Eintracht schonungslos.

Drei Wochen später warf Heynckes hin, Karl-Heinz Körbel übernahm und führte die Eintracht auf Platz neun. Im Jahr darauf begann der unaufhaltsame Abstieg der Eintracht.

Lesen Sie morgen: Der erste Abstieg trotz Stepi, und wie ein kleiner Mann aus Einöd dem Klub Demut lehrte.

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