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Derby Eine historische Fußball-Feindschaft

Warum sich Kickers und Eintracht so abgeneigt sind. Von Wolfgang Hettfleisch

31.07.2009 00:07
Wolfgang Hettfleisch

Was macht das Verhältnis zwischen Eintracht Frankfurt und Kickers Offenbach eigentlich so besonders? Die Altvorderen würden antworten: das Endspiel um die deutsche Meisterschaft 1959. Aber lässt sich ernsthaft aus einem Spiel vor 50 Jahren eine Rivalität zwischen einem Erst- und einem Drittligisten ableiten? Die unmittelbare Nähe kommt da als Grund schon eher in Frage. Zumal das Verhältnis zwischen dem seiner kaufmännischen Tradition verhafteten Frankfurt und der industriell geprägten Nachbarstadt im Osten nie frei von Spannungen war. Freilich wird auch dieser Aspekt gern überstrapaziert, wenn die Rede auf die vermeintlich so innige Fußballfeindschaft zwischen Schwarz-Roten und Rot-Weißen kommt.

In Wahrheit hat sich die Fußball-Landschaft Rhein-Main in den vergangenen Jahrzehnten so nachhaltig verändert, dass die Fixierung auf das ungleiche Paar Kickers Offenbach und Eintracht Frankfurt wie ein Anachronismus erscheint. Etablierte Klubs wie Darmstadt 98 sind von der großen Bühne verschwunden, andere wie der FSV Mainz 05 oder in kleinerem Maßstab der SV Wehen Wiesbaden haben sich dort einen Namen gemacht. Ein über einen langen Zeitraum abgetauchter Verein mit Geschichte, der FSV Frankfurt, beansprucht mit klugem Marketing und frischem sportlichen Lorbeer die Nische des Underdogs, die einst dem OFC vorbehalten schien.

Sucht man nach den Wurzeln des Mythos vom Derby Eintracht gegen Kickers, bleibt neben dem 59er-Endspiel wohl vor allem die Tatsache, dass die Frankfurter bei der Bundesliga-Gründung 1963 berücksichtigt wurden und die gemessen am sportlichen Abschneiden in den Jahren zuvor eigentlich mit gleichen Ansprüchen ausgestatteten Offenbacher nicht. Aber auch das erklärt die Animositäten nur bedingt.

Rivalität in den 70er-Jahren

So bleibt auf der Suche nach dem Ursprung einer sportlichen Rivalität, die doch schon seit Jahrzehnten keine mehr ist, eigentlich nur jene kurze Spanne in den 70er-Jahren, als sich der OFC anschickte, sich in der Bundesliga als zweiter Klub am Main neben der Eintracht zu etablieren. Für die Eintracht, in der Skandalsaison 1970/71 noch soeben dem Abstieg entronnen, brach die große Zeit des Teams um Jürgen Grabowski, Bernd Hölzenbein und Bernd Nickel an, das viele Frankfurter Fans bis heute mit Ehrfurcht erfüllt. Mit den Pokalsiegen 1974 und 1975 und dem Erfolg im Uefa-Cup 1980 als Höhepunkt, der zugleich das Ende einer Epoche war. Aus dieser Zeitspanne rührt das Selbstverständnis der Eintracht, dass Fußball nicht nur erfolgreich, sondern auch schön sein soll. Auf sie geht aber auch das Etikett von der "Diva vom Main" zurück, die jeden Gegner aus den Schuhen spielte aber nur wenn sie bei Laune war.

Offenbach wiederum erholte sich rasch vom Bundesliga-Skandal und begegnete dem Frankfurter Ausnahmeteam nach dem Wiederaufstieg 1973 in den folgenden vier Erstliga-Jahren, die mit Ausnahme eines einjährigen Gastspiels 1983/84 die letzten bleiben sollten, meist auf Augenhöhe. "Wir waren eine Topmannschaft", sagt Manfred Ritschel, der beim OFC die rechte Außenbahn beackerte. Nicht von ungefähr habe man im ersten Saisonspiel 1974/75 das Starensemble des FC Bayern um Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier "mit 6:0 weggefegt" nicht am Bieberer Berg, sondern im Waldstadion übrigens.

Trauma vom Zwangsabstieg

Dass die Spiele gegen die Eintracht für ihn und seine Mitspieler damals etwas ganz Besonderes waren, daran lässt der inzwischen 63-jährige Franke keinen Zweifel: "Schon das Wort Eintracht war so motivierend, dass du raus bist und alles zamgfress´n hast, was ging. Und umgekehrt war´s genauso." Die Rivalität ging so weit, dass Freundschaften unter den Spielern praktisch undenkbar waren. "Die Spieler der Eintracht und der Kickers hatten damals nie so das ganz große Verhältnis", erinnert sich "Manni" Ritschel, der zusammen mit OFC-Mittelstürmer Erwin Kostedde und Eintracht-Weltmeister Bernd Hölzenbein sogar mal das Sturmtrio der deutschen Nationalmannschaft bildete.

Doch der Offenbacher Höhenflug war von kurzer Dauer. "Letztlich war die Mannschaft damals zu teuer, und dem OFC fehlten die Mittel, um sich auf lange Sicht in der Bundesliga zu etablieren", sagt Ritschel. Nachdem die Offenbacher 1976 die Klasse nicht halten konnten, trennten sich die Wege der beiden Klubs mit Ausnahme der Episode 1983/84 für immer. Der bis heute vielleicht wirkungsmächtigste Mythos der Eintracht folgte erst noch: die verpasste Meisterschaft von 1992, die zu einer Art Initiationsritus für eine neue Fan-Generation wurde, die später selbst die bitteren Zweitliga-Jahre in ihr Selbstverständnis einzubauen verstand.

Die Kickers wiederum arbeiten auf die eine oder andere Art bis heute das Trauma der Zwangsabstiege ins Amateurlager ab (1985 und 1989) und haben Mühe, sich auf bescheidenem Niveau im Profigeschäft zu behaupten. Ist diese Nachbarschaft heute also wirklich noch speziell? Ritschel, der ein schwaches Herz hat und mit seiner Frau zurückgezogen auf einem Schloss in Franken lebt, muss jedenfalls nachfragen, was die Wühlerei in der Historie soll: "Spielen die gegeneinander?"

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