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David Abraham „In Argentinien wird mehr mit dem Herzen gespielt“

Eintracht-Verteidiger David Abraham über kulturelle Unterschiede, seinen Landsmann Lionel Messi und weshalb man die Frankfurter Mannschaft nicht mit der aus Hoffenheim vergleichen kann.

David Abraham. Foto: Stefan Krieger

David Angel Abraham, 29, kommt fünf Minuten vor der ausgemachten Zeit zum Interview. „Schweizer Pünktlichkeit“, grinst er. Die zweite Station in Europa für den Argentinier aus Chabas im Bundesstaat Santa Fe war der FC Basel. Mit dem Schweizer Topklub gewann er das Double und spielte sogar in der Champions League.

Derzeit herrscht in Argentinien Sommer. In Sante Fe, erzählt der Stopper, seien es unlängst 50 Grad gewesen. Die Saison in Argentinien hat dennoch gerade begonnen.

Der Innenverteidiger, dessen Oma einst aus Italien ins zweitgrößte Land Südamerikas ausgewandert ist, ist ein wahrer Glücksfall für die Eintracht, weil er einer der ganz wenigen Frankfurter Profis ist, die auch mal ein Sprintduell gewinnen können. „Das habe ich vom Papa geerbt“, sagt der, wie die FR unlängst schrieb, „freundlichste Wadenbeißer der Liga“. Und Vater Abraham spielte in Argentinien auch Fußball.

Herr Abraham, haben sie sich zufälligerweise in den letzten Tagen mal ein Video Ihres Landsmannes Messi angesehen?
Sie meinen sicher diese Elfmeter-Geschichte. 

Ganz genau. Was sagen Sie dazu?
War ein Tor. 

Sonst nichts?
Na ja, einige chippen den Ball wie einst Panenka, Messi hat es halt so gemacht. 

Haben Sie so etwas schon mal gesehen?
Ja, Robert Pires hat das bei Arsenal London mal mit Thierry Henry probiert, damals hat das nicht geklappt. 

Sie kennen den Superstar Messi ja ganz gut, haben mit ihm zusammen den U20-Weltmeistertitel nach Argentinien geholt.
Das stimmt. Wir haben vor zehn Jahren miteinander gespielt, in der Südamerika-Meisterschaft sind wir in Kolumbien Dritter geworden. Und dann haben wir die WM gewonnen, ja. 

Haben Sie damals in der Stammmannschaft mittun dürfen?
Während der Südamerika-Meisterschaft schon, bei der WM saß ich auf der Bank. 

War damals schon zu erkennen, welch außergewöhnlicher Spieler Messi einmal werden würde?
Es gab Anzeichen dafür, ganz klar. Ich habe gesehen, welches Potenzial er hat, wenn wir miteinander oder gegeneinander gespielt haben. Aber wir alle wussten nicht, ob er sich im Profifußball durchsetzen kann. Dann kam dieses Finale der WM gegen Nigeria, und die Spieler dort waren, mal scherzhaft ausgedrückt, zwei Meter groß, hatten alle schon Kinder, Familie und waren schon zweimal geschieden (lacht). Und selbst da hat er die Zweikämpfe und Kopfbälle gewonnen, da hat man dann gesehen, dass er das würde bestätigen können und dass er seinen Weg gehen wird. 

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Sie kommen in Argentinien auch aus der Gegend wie Messi.
Das ist in der Nähe. Ich komme aus Chabas, einem Dorf, aus dem auch Hector Cuper und Nestor Clausen (zwei argentinische Fußballidole; Anm. d. Red.) stammen. 

Und wie gelangt man von dort in die große Fußballwelt?
In Argentinien ist es normal, Fußball zu spielen. 80 Prozent der Menschen in Argentinien spielt Fußball, der Rest spielt eine Nebenrolle. Meine gesamte Familie ist total fußballverrückt, alle haben Fußball gespielt. Die ganze Familie ist begeistert. 

Ihr Vater war auch Fußballer.
Ja, er hat mit Hector Cuper zusammengespielt. Als er 20 war, hat er schon in der Ersten Mannschaft gespielt, bekam aber Allergien und konnte nicht mehr weiterspielen. Aber die Liebe zum Fußball ist geblieben. Auch bei meinem Bruder, er ist Trainer. 

Und für Sie war immer klar, Profi zu werden?
Nein. Ich wollte einfach immer nur Fußball spielen. Als ich dann mit 15 zu Independiente Buenos Aires kam, wurde es konkreter. Das hat sich dann so ergeben. 

Haben Sie eine Berufsausbildung gemacht?
Nein, ich habe den normalen Schulabschluss, ich habe ja mit 17 schon in der Ersten Mannschaft gespielt. 

Und dann merkt man irgendwann, dass man so gut ist und wagt den Sprung nach Europa?
Ich hatte einfach Angebote aus Europa, eines aus Italien und eines aus Spanien. Weil ich damals noch keinen italienischen Pass hatte, konnte ich nicht nach Italien wechseln, weshalb ich in die zweite spanische Liga gegangen bin zu Gimnastic de Tarragona. Ich war ein Jahr dort, dann hatte Real Saragossa und Betis Sevilla Interesse, aber ich bin nach Basel in die Schweiz gewechselt. Dort war ich vier Jahre und über Getafe kam ich nach Hoffenheim. Zwischendurch habe ich auch den italienischen Pass bekommen, weil meine Oma Italienerin ist. 

Wie ist das Leben in Deutschland?
Sehr ruhig. Ich versuche, die Zeit auf dem Fußballplatz zu genießen und generell viel zu regenerieren. Was mich sehr reizt, ist, Europa kennenzulernen. Ich finde Europa sehr schön und beeindruckend. Nicht nur Fußball also, auch ein bisschen Kultur (lacht).

Ist in Deutschland ansonsten alles ganz anders als in der Heimat?
Wenn man hierher wechselt, kommt man in die Erste Welt, das ist was Tolles. Aber es ist vieles anders, die Familie ist nicht da, die Mentalität ist eine ganz andere. In Argentinien passiert vieles spontaner. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn ich mich hier mit jemandem zum Essen verabreden will, muss ich eine Woche vorher einen Termin ausmachen. Das ist ungewöhnlich für uns. In Argentinien kommt man einfach vorbei, klopft an und steht mittendrin in der Wohnung (lacht). 

Was sind fußballerisch die größten Unterschieden?
Als ich nach Europa kam, fiel mir sofort auf, dass hier als erstes der Ball angenommen und kontrolliert wird, dann wird geschaut und man orientiert sich. In Argentinien wird mit dem Herzen gespielt. Das heißt, man bekommt den Ball, nimmt den Kopf runter, dribbelt los und stürmt nach vorne. Das liegt an den ganzen Emotionen, die der Fußball in Argentinien mit sich bringt und die von außen in das Spiel hineingetragen werden. Hier verhält man sich taktisch anders. Alles ist sehr viel kontrollierter.

Haben Sie ebenfalls so wild gespielt? Das kann man sich bei Ihnen gar nicht vorstellen.
Doch, doch, auch ich habe so gespielt. Vielleicht kann man sich das hier schlecht vorstellen, aber du wirst in Argentinien da hingetragen so zu spielen. Das liegt an dem Leben dort. 

So wie der Augsburger Raul Bobadilla spielt, ihr Landsmann.
So ungefähr, ja (grinst). 

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Waren Sie immer Verteidiger?
Ja, schon immer. 

Und Ihre Schnelligkeit? Angeboren, antrainiert?
Die habe ich von meinem Vater, das ist geerbt, also in die Wiege gelegt. 

Wissen Sie, wie schnell Sie die 100 Meter laufen?
Nein, keine Ahnung. 

Aber Sie spüren schon, dass Sie schneller sind als viele andere?
Manchmal merke ich das, ja (lacht). 

Haben Sie schon von der Diskussion gehört, dass die Eintracht-Mannschaft generell etwas zu langsam sei?
Nein. Ich sehe das nicht so. Sehen Sie, auf den ersten zehn Metern gibt es sowieso kaum Unterschiede auf diesem Niveau zwischen den Spielern. Danach dann schon. Aber Schnelligkeit ist auch eine Frage der Handlungsschnelligkeit. Es ist eine Sache der Konzentration. Wenn du sehr konzentriert bist, bist du reaktionsschnell, das bringt dir die entscheidenden Meter. Das hängt natürlich auch vom Stellungsspiel ab und davon, Spielzüge lesen zu können.

Wie ist es, gegen einen Sprinter wie den Dortmunder Pierre-Emerick Aubameyang zu spielen, der als schnellster Spieler der Bundesliga gilt.
Er braucht viel Platz und lange Wege, um seine Schnelligkeit auszuspielen. Auf kurzer Strecke gibt es kaum Unterschiede. 

Die Eintracht hat relativ viele Gegentore kassiert. Als Verteidiger ist das ja nicht so wirklich angenehm. Woran könnte das denn Ihre Meinung nach liegen?
Das liegt an Kleinigkeiten, da fehlt die Konzentration. Auch bei Standards etwa. Das in der Summe führt zu den vielen Gegentoren.

Woran liegt es überhaupt, dass es nicht so läuft wie gedacht?
Ich weiß es nicht. Ich bin ja noch nicht so lange da, das ist eher eine Frage für den Trainer. 

Aber jeder dachte ja, die Mannschaft sei deutlich besser, als sie zurzeit in der Tabelle steht.
Ja, das ist sie auch. Sie ist stärker, davon bin ich überzeugt. Aber so ist die Situation nun mal. Wir haben uns das selbst eingebrockt, und jetzt müssen wir noch mehr dafür tun, da wieder rauszukommen. Aber die Mannschaft ist intakt, der Charakter der Spieler ist gut. Das ist eine Grundvoraussetzung. 

Trainer Armin Veh hat die Zügel angezogen. Hat er sich sonst noch verändert?
Ja, aber das ist ganz normal in so einer Situation und im Laufe der Saison. 

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In Hoffenheim mussten Sie auch eine Zeitlang gegen den Abstieg kämpfen. Sind die Situationen vergleichbar?
Nein. Ich sehe da einen großen Unterschied. Wir sind alle davon überzeugt, dass wir aus der Situation herauskommen. In Hoffenheim waren wir 40 Spieler, da gab es diesen Spirit nicht. Da hatten alle den Kopf nach unten, jeder war mehr mit sich beschäftigt. Hier haben wir aber einen richtig guten Zusammenhalt. 

Sie waren, gerade in Hoffenheim, häufiger mal verletzt? Wissen Sie, weshalb es Sie so oft erwischte?
Ich hatte anfangs viele Probleme mit der Stabilität, gerade im Muskelbereich. Auch wegen der viele Sprints hatte ich viele Muskelverletzungen. Ich mache jetzt mit Christian Kolodziej (Konditionstrainer; Anm. d. Red.) und Michael Fabacher (Rehatrainer; Anm. d. Red.) viele Stabilisationsübungen. Es hilft mir, es ist viel besser geworden (klopft dreimal auf Holz). 

Sie sind ein sehr freundlicher, umgänglicher Mensch. Liegt das an Ihrem Naturell oder ist das die Kinderstube?
Es liegt an der Erziehung meiner Eltern, Sie haben Wert darauf gelegt. 

Es gibt auch andere Spieler, für die Höflichkeit nicht ganz so wichtig ist.
Jeder Spieler lebt in seiner Welt, jeder Spieler hat sein Umfeld. Das will ich gar nicht beurteilen. 

Hilft es Ihnen, hier auf einige spanischsprechende Spieler gestoßen zu sein?
Es ist immer schön, auf Menschen zu treffen, die die gleichen Gewohnheiten haben. 

Was sind denn diese Gewohnheiten?
Die Sprache natürlich, sich auch in der Muttersprache über Fußball zu unterhalten und sich auch mal im Spaß zu beleidigen (lacht). Alles ist lockerer, es einfach ist ein anderes Feeling. Zu unseren Latinos würde ich übrigens Haris auch noch hinzuzählen (Stürmer Seferovic spielte in Spanien und spricht die Sprache sehr gut; Anm. d. Red.). 

Und dann gehen Sie auch mal gemeinsam essen?
Meistens essen wir zu Hause, ich koche dann für die anderen. Aber nur, wenn meine Frau nicht zu Hause ist. Sie war neulich mal länger in Argentinien, und dann habe ich für Marco Fabian und die anderen gekocht. 

Was wenn denn ihr unangenehmster Gegenspieler?
Ich denke, das war nicht einer, sondern eine ganze Mannschaft, die des FC Barcelona. Da läufst du nur hin und her und kommst nicht an den Ball. Ich habe damals eine Statistik von Xavi gesehen, er hat von 78 Pässen 77 zum eigenen Mann gespielt. Das kann man sich kaum vorstellen. 

Ist das so ähnlich wie gegen Bayern?
Nein, das ist ein Unterschied. Barcelona spielt noch mal in einer anderen Liga.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

Übersetzung: Rafael Francisco

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