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Bundesliga-Tipp Eintracht Frankfurt Ganz schön viel Risiko

Eintracht Frankfurt steht vor einer schwierigen Saison mit sehr vielen Unwägbarkeiten.

Jonathan de Guzman
Wo geht’s hin, Eintracht? Ob Jonathan de Guzman die Antwort kennt? Foto: rtr

Zugegeben, sollte die ebenso berühmt wie berüchtigte FR-Tipptabelle von den Herren Sportredakteuren jetzt noch einmal erstellt werden, sehr wahrscheinlich würde Eintracht Frankfurt nicht auf Platz zehn, also im gesicherten Mittelfeld, jenseits von Gut und Böse landen. Sehr wahrscheinlich würde der ein wenig in Turbulenzen steckende Traditionsverein vom Main etwas weiter in den Keller herabgestuft werden. Platz 14. Oder so.

Doch vor einigen Wochen noch konnte ja niemand ahnen, dass die meisten Neuzugänge eher Perspektivspieler sind, der Prince sich auch noch vom Acker machen würde, die ersten beiden Pflichtspiele gleich mal übel vergeigt und die Hessen stante pede in eine salzige Krise stolpern würden. Doch das Gute an den Tipps – es sind Tipps, sehende Fußballorakel sind in der FR-Sportredaktion noch nicht gesichtet worden, obwohl ja schon jeder insgeheim denkt, noch ein kleines bisschen mehr Ahnung als der Gegenüber zu haben. Aber das nur am Rande.

Und doch weiß ja keiner, was die Zukunft bereithält. Außer dass der FC Bayern zum 675. Mal Meister wird. Vielleicht fügt sich alles, vielleicht nimmt die Eintracht die Bundesliga im Sturm und Europa sowieso, und vielleicht wird es eine ganz dufte, unbeschwerte, federleichte Saison. Vielleicht aber auch nicht.

Wie ist die Stimmung?
Ausbaufähig, mal wohlwollend formuliert. Die grenzenlose Begeisterung nach dem Pokaltriumph ist Sorge und Skepsis gewichen. Nach den peinlichen Auftaktschlappen gegen die Bayern im Supercup (0:5) und im DFB-Pokal in Ulm (1:2) herrscht Alarmstufe rot im Stadtwald. Wenig bis gar nichts funktioniert, die Angst geht um. Das führte schon dazu, dass Sportdirektor Bruno Hübner noch vor dem ersten Punktspiel am Samstag in Freiburg die Gemüter beruhigen und behaupten musste, es herrsche „keine Panik“.

Die Verantwortlichen sind ohnehin eifrig darum bemüht, die missliche Situation mit den beiden miesen Spielen schönzureden. In Ulm, beim Pokalaus des Titelverteidigers beim Viertligisten, wollen sie „gute Ansätze“ gesehen haben. Nun ja. Das unterscheidet sie von den Spielern, die viel kritischer mit ihren Leistungen umgehen. Mijat Gacinovic regte eine interne Aussprache an, in der man ehrlich miteinander umgehen müsse. „Denn so geht es nicht weiter.“ Immerhin hat die Leihe von Filip Kostic ein wenig Zuversicht geschürt.

Wie stark ist der Kader?
Nicht so gut wie der in der vergangenen Spielzeit. Zu viele Leistungsträger (Hradecky, Boateng, Wolf, Mascarell) haben den Verein verlassen, zu viele Perspektivspieler sind dafür geholt worden. Wie Fußballer aus der portugiesischen oder zweiten spanischen Liga die Kastanien aus dem Feuer holen sollen, erschließt sich kaum jemandem auf Anhieb so recht. Diese Akteure brauchen, so sie qualitativ überhaupt gut genug sind, Zeit, um sich an die Bundesliga anzupassen. Zeit gewährt der Profisport auf diesem Level jedoch nicht.

Der Weg der Eintracht ist riskant, die Personalpolitik fußt im Grunde auf der einfachen Formel: Lasst uns mal machen. Alldieweil: Wir wissen und sehen mehr als andere. Das kann funktionieren, muss aber nicht.

Worauf steht der Trainer?
Eigentlich auf Tempo, Pressing, Offensive. Adi Hütter ist bekannt dafür, kleine Jagdeinheiten aufzubauen, die den Gegner so lange hetzen und nerven, bis er die Kugel hergeben muss. Davon hat man in Frankfurt nichts gesehen, denn der Fußballlehrer hat seine Idee erst einmal begraben und sich den Gegebenheiten anpassen müssen. „Die Mannschaft gibt vor, welches System umsetzbar ist. Das weiß der Trainer“, hat Manager Hübner vorsorglich verlauten lassen.

Das Frappierende daran: Bislang ist gar kein System oder eine Spielphilosophie erkennbar, die Eintracht bewegt sich im luftleeren Raum. Wofür steht sie eigentlich? Das Team hat weder ein passendes Defensiv- noch Offensivkonzept. Daran wird der Coach arbeiten müssen. Immerhin: In Kostic, Ante Rebic und Luka Jovic verfügt die Eintracht jetzt über einen Sturm, der einiges verspricht, und mit dem Hütter vielleicht auch seine Vorstellungen umsetzen kann.

Wo hapert’s noch?
An allen Ecken und Enden. Die, die Mannschaft führen sollen, sind nicht in Form (Abraham, Hasebe), die Neuen sind noch nicht so weit, die, die letzte Saison schon mitgelaufen sind, laufen jetzt ebenfalls nur mit. Zudem: Torwart Frederik Rönnow wirkt alles in allem etwas wackelig, mit wenig Ausstrahlung und Präsenz, er hat nicht zeigen können, Lukas Hradecky das Wasser reichen zu können. Gefährlich könnten überdies die Strapazen durch die Europa League werden. Zudem ist der wichtigste Spieler, Ante Rebic, angeschlagen und nicht fit.

Wer sticht heraus?
Siehe oben, Ante Rebic. Der Kroate ist Pokalheld und WM-Entdeckung, er ist der Unterschiedsspieler. Seine Vertragsverlängerung ist als wichtigstes Signal gewertet und beinahe so frenetisch gefeiert worden, als habe die Eintracht Messi geholt. Leider wird Rebic erst in einigen Wochen in Topform sein können, Trainingsrückstand und eine Leistenblessur bremsen ihn aus. Das ist nicht so prickelnd für die Frankfurter.

Wie geht’s dem Schatzmeister?
Blendend. Die Eintracht ist pumperlgesund, finanziell potent wie nie. „Wir sind ein Aufsteiger der Bundesliga“, sagte Finanzvorstand Oliver Frankenbach. Die abgelaufene Saison zählt zur erfolgreichsten der Vereinsgeschichte, sie war „ein Rekordjahr“ auf allen Ebenen.

Das Eigenkapital ist auf 29,1 Millionen Euro angewachsen, vor drei Jahren betrug es noch 5,7 Millionen. Der Gesamtumsatz wird bei mehr als 150 Millionen liegen, der Spieleretat bei mehr als 50 Millionen.

Zudem kann der Klub rund 30 Millionen in neue Spieler investieren. Mit ihrer Wirtschaftskraft liege die Eintracht zwischen „Rang acht und zwölf“, befand Frankenbach. Geld für ein, zwei Zugänge sollte noch da sein. Vor allem dann, wenn Marco Fabian wie geplant den Klub verlässt und sich gen Istanbul (Fenerbahce oder Besiktas) verändert. In zwei Jahren, wenn Miet- und Betreiberverträge der Arena auslaufen, wird der Verein noch einen gewaltigen Satz nach oben machen.

Was ist drin?
Zurzeit präsentiert sich die Eintracht wie ein klarer Abstiegskandidat, doch bei Formanstieg der Führungsspieler, Leistungssteigerung der Neuzugänge und noch zwei klugen Verpflichtungen könnte ein Mittelfeldplatz drin sein. Dann müsste es aber nahezu optimal laufen. Mehr zu erwarten, wäre utopisch.

Die FR-Redaktion tippt Eintracht Frankfurt in der kommenden Saison auf Rang 10.

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