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Analyse Lauf und Anti-Lauf

Weshalb Eintracht Frankfurt nach einer famosen Hinserie derart eingebrochen ist.

Niko Kovac
Niko Kovac. Prima Hin-, Probleme in der Rückrunde. Foto: Stefan Krieger

Die Hinrunde der Frankfurter Eintracht, da gibt es nicht mal im Ansatz zwei Meinungen, war herausragend gut, absolut famos. Im Halbjahreszeugnis der FR stand eine eins minus. Viel besser geht es nicht.

Dabei war mit einem solchen Parforceritt nicht zu rechnen. Vor der Runde herrschten arge Zweifel, Skepsis waberte durch den Stadtwald. Dann stand das erste Pflichtspiel an, und nach der Vorstellung in Magdeburg im DFB-Pokal, das die Hessen mit Ach und Krach und natürlich vom Elfmeterpunkt für sich entschieden, herrschte Fassungslosigkeit und große Sorge.

„Das spielerische Niveau bewegte sich auf Höhe der Grasnarbe, das war ein gepflegtes Nichts, ein Vakuum auf allen Ebenen“, schrieb die FR. „Der Auftritt in Sachsen-Anhalt war ein höchst bedenklicher und grenzwertiger.“ Die Saison hat also, wenn man so will und es überspitzt formuliert, so ähnlich begonnen wie sie nun in der Bundesliga endet: auf bescheidenem Niveau.

Dazwischen aber lagen noch 16 Erstligapartien im alten Jahr, die Eintracht Frankfurt wie Phönix aus der Asche aufsteigen ließ und in ungeahnte Höhen katapultierte. Das, was die Mannschaft von Trainer Niko Kovac in der ersten Saisonhälfte auf den Rasen warf, ist gar nicht hoch genug zu bewerten und sollte nun, da es scheint, als sei da von zwei völlig unterschiedlichen Teams die Rede, nicht unter den Teppich gekehrt werden.

Schon im Auftaktspiel gegen Schalke 04 erdrückte die Eintracht den Gegner mit großem Willen, einem permanenten Pressing und einem ungeheuren Aufwand. „Volldampf auf allen Kesseln“, lobte die FR. Die Eintracht habe eine Vorstellung „mit Herz, Willen und großer Widerstandsfähigkeit“ gezeigt. Das sollte sie weiterhin auszeichnen, das sollte sie durch die gesamte Hinrunde tragen. Dieses Ensemble, das war schnell zu erkennen, würde für die Kontrahenten ein extrem eklig und schwierig zu bespielendes sein, mit dieser Eintracht war nicht gut Kirschen essen.

Die Frankfurter legten einen bemerkenswerten Behauptungswillen an den Tag, sie ließen sich auch von Rückständen nicht ins Bockshorn jagen, sie kamen gegen Hertha zurück und schossen spät den Ausgleich zum 3:3, sie holten gegen die Bayern in Unterzahl einen Rückstand auf, sie gewann in Bremen in der Nachspielzeit durch den unbekümmerten Aymen Barkok. Den Jungen kannte damals kein Mensch.

Und spätestens, als die Eintracht Ende November Borussia Dortmund mit 2:1 niedergerungen hatte, Haris Seferovic nur zwei Minuten nach dem eigentlich niederschmetternden Ausgleich durch Pierre-Emerick Aubameyang das Siegtor machte, konnte man sich nicht vorstellen, dass die Hessen noch mal einbrechen würden. „Die Eintracht lässt nicht nach, lässt sich weder von Rückständen oder Rückschlägen während eines Spiels aus der Bahn werfen, sie macht einfach immer weiter und steckt nicht auf. Das ist eine Mentalitätsfrage und eine des Selbstvertrauens. Beides ist ausgeprägt“, analysierte die FR. „Es ist vor allen Dingen die Spielweise, die Anlass zur Hoffnung gibt, dass der bisherige Erfolg eben keine Eintagsfliege ist und sich die Eintracht vielleicht nicht ganz oben, aber relativ weit oben halten kann. Denn die Hessen lassen einfach nicht locker, spielen einen echten Zeckenfußball, sind schnell auf den Beinen, laufen den Kontrahenten permanent, aggressiv und in hohem Tempo an, sie lassen ihm einfach keine Ruhe. Sie sind giftig wie Nattern.“ Sportvorstand Fredi Bobic formulierte prägnant: „Wir haben Lust, zu jagen.“

Die Eintracht war sexy, die Mannschaft der Stunde, sie hatte sich viel, sehr viel Respekt und Achtung innerhalb der Liga erworben, etliche Konkurrenten schauten ehrfurchtsvoll auf zu diesem Projekt am Main, die Eintracht schien sich gehäutet zu haben, an ihrer eigenen Renaissance zu stricken.

Mit der Negativerfahrung der Relegation im Hinterkopf hatte sich eine andere Mentalität entwickelt, das Team war ohnehin topfit, hatte kaum Verletzte. Die Spieler konnten sich auf ihre Organisation und Kompaktheit zurückziehen, jeder sprang für den anderen in die Bresche.

Natürlich lief auch vieles wie am Schnürchen und wie von selbst, die Eintracht hatte auch das Spielglück, das man braucht. „Alle Faktoren sind derzeit auf unserer Seite“, urteilte Vorstand Axel Hellmann. Die Eintracht war im Flow. „Wir haben High End gespielt, teilweise überperformt“. sagte Trainer Kovac nun im HR-Heimspiel. Die Eintracht hatte einen Lauf – der im neuen Jahr in einen Anti-Lauf umgekehrt wurde, der fast schon beispielhaft ist und den man in dieser Vehemenz und Ausgeprägtheit nie und nimmer erwarten konnte.

„Es ist schwierig, einen Wagen aufzuhalten, der bergab rollt“, befand Kovac, der selbst mit einem solchen Absturz niemals gerechnet hatte. Für ihn liegt die Hauptursache in den vielen Verletzten. In der Tat wurden die Frankfurter von vielen Blessuren heimgesucht und von Ausfällen gebeutelt. Der Kader ist nicht breit genug, um diese Vakanz qualitativ ordentlich zu füllen. Teilweise habe 40 Prozent des Stammpersonals gefehlt, betonte der Fußballlehrer im HR. „Du kannst immer mal zwei Spieler ersetzen, aber dazu musst du ein festes Skelett haben, das immer spielt.“ Einen solchen Aderlass könne ein Klub wie Eintracht Frankfurt nicht kompensieren.

Er habe sich auch gefragt, ob das Trainerteam womöglich Einfluss auf die vielen Verletzungen haben könnte und die Trainingssteuerung überarbeiten müsse, doch bei den täglichen Einheiten und durch die  präventiven Maßnahmen könne man nur Muskelverletzungen minimieren, und das habe man geschafft. Kovac zählte nur drei Muskelverletzungen. „Das ist gut.“ Die übrigen Blessuren seien „stumpfer“ Natur.

Fakt ist aber auch, dass die Mannschaft nichts mehr zuzulegen hat. Die gute Physis und die mentale Stärke sind auf der Strecke geblieben, das Team wirkt ausgebrannt und ausgelaugt. Gerade die Körperlichkeit, die Bereitschaft, die Laufstärke und auch die geistige Frische waren die Trümpfe in der Hinrunde. Mittlerweile und mit den vielen Niederlagen ist das Selbstvertrauen wie weggeblasen, weshalb sich auch die gesamte Herangehensweise geändert hat. Aus den Jägern sind Gejagte geworden. Oder, besser gesagt: leichte Beute.

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