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Analyse Die größten Baustellen

Weshalb Eintracht Frankfurt in einen Abwärtsstrudel geraten ist.

Makoto Hasebe
Makoto Hasebe fehlt der Eintracht an allen Ecken und Enden. Foto: Stefan Krieger

Der Absturz der Frankfurter Eintracht hat auf dramatische Weise an Rasanz gewonnen. Von 30 möglichen Punkten haben die Hessen in den vergangenen zehn Partien nur drei geholt, sie stellen das schlechteste Bundesligateam in 2017. Aber was sind die Gründe für den freien Fall? Die FR hat sich auf Spurensuche begeben.

Hinten klingelt es zu oft: Im alten Jahr stand die Eintracht in der Deckung so sicher wie die Bank von England. In den ersten 16 Partien, allesamt in 2016 ausgetragen, kassierten die Frankfurter lediglich zwölf Gegentore – so wenige wie nie zuvor in ihrer Vereinsgeschichte zu diesem Zeitpunkt. Diese enorme Stabilität fußte auf einer guten Organisation, dem kollektiven Verschieben und Mitarbeiten aller Mannschaftsteile sowie der so gut wie immer unverändert auflaufenden Abwehrkette (mitsamt den beiden Helfern aus dem defensiven Mittelfeld). Seit dem Wiederanpfiff im Winter ist die Abwehr durch Verletzungen (wie jetzt Jesus Vallejo) und Sperren auseinandergebrochen. Die Stabilität ist flöten gegangen, 21 Gegentore im Jahr 2017 sind nicht schießbudenverdächtig, aber doch zu viele, nur fünf Teams haben mehr Treffer schlucken müssen. Gerade der Ausfall von Hasebe schmerzt die Frankfurter, weil sie ihn als freien Mann der Kette mit seiner Spielintelligenz und seiner großen Antizipationsgabe nicht ersetzen können. Es ist daher verwunderlich, dass Trainer Niko Kovac weiter an der Dreierkette festhält, obwohl sie ohne Hasebe keinen Mehrwert darstellt. Es fehlt sogar ein Mann im Mittelfeld. Dort mühen sich der formschwache und angeschlagene Omar Mascarell sowie der auf dieser Position überforderte Mijat Gacinovic nach Kräften, bilden aber kein harmonierendes Doppel.

Vorne ist tote Hose: Die Frankfurter Stürmer sind viel zu harmlos. Haris Seferovic hat in der Liga in der Rückrunde gar nicht getroffen, Ante Rebic schoss ein Tor, genauso wie Branimir Hrgota. Warum Hrgota tatsächlich immer weiter spielen darf, versteht niemand mehr. Die Annahme, dass sich die Eintracht spielerisch verbessert habe, seit der Schwede regelmäßig mitspielt, ist nahezu absurd. Seitdem schießen die Hessen kaum noch Tore. Das ist gewiss auch eine Frage der Qualität. Nur Darmstadt (21) und Augsburg (28) haben noch weniger Tore erzielt als die Eintracht (29), nur Darmstadt und Wolfsburg brauchen noch mehr Möglichkeiten, um einen Treffer zu erzielen. Regisseur Marco Fabian ist der Einzige, der sich eine gewisse Torgefahr bewahrt hat, auch wenn selbst er einige Fahrkarten schießt. Jetzt zeigt sich schonungslos: Kapitän Alexander Meier fehlt an allen Ecken und Enden. Der Torjäger ist noch immer an der Ferse verletzt und seine Rückkehr ungewiss. Dessen ungeachtet war es unklug, den 34-Jährigen scheibchenweise zu demontieren. Die beiden einzigen Siege der Rückrunde holte die Eintracht mit Meier in der Startelf, den Siegtreffer auf Schalke erzielte er selbst, das 2:0 gegen Darmstadt bereitete er vor. Kein anderer Spieler hat auch nur im Ansatz Meiers Abschlussstärke. Helfen kann er zurzeit aber nicht.

Spieler suchen ihre Form: Der Einzige, der seine Leistung im Vergleich zur sensationellen Hinserie steigern konnte, ist Ante Rebic – selbst wenn der Kroate zuletzt ebenfalls nachgelassen hat. Alle anderen sind abgefallen. Das ist vielleicht sogar zwangsläufig, weil viele durchgängig spielen mussten. Der Substanzverlust bei Timothy Chandler, Bastian Oczipka oder eben auch Gacinovic und Mascarell ist überdeutlich. Bei anderen, dem jungen Aymen Barkok zum Beispiel, geht nicht mehr viel zusammen. Bei ihm ist die Unbekümmertheit auf der Strecke geblieben. Haris Seferovic indes hat das Kapitel Eintracht gedanklich schon abgeschlossen.

Erschreckend schwache Standards: Gegen Bremen fiel zwar mal wieder ein Tor nach einer Ecke (wenn auch über einen kleinen Umweg), doch generell schlagen die Hessen aus ruhenden Bällen viel zu wenig Kapital. Wann ein direkter Freistoß mal verwandelt wurde, das können, überspitzt formuliert, nur noch Statistiker mit einem gut sortierten Archiv ermitteln. Auch nach Ecken oder indirekten Freistößen passiert viel zu wenig, dabei ist das ein probates Mittel heutzutage, ja fast eine Waffe. Das ist zum einen eine Frage der Schützen, hängt zum anderen aber auch mit dem Willen und dem Durchsetzungsvermögen der Kopfballspieler im Zentrum zusammen – auch da sieht es bei der Eintracht mau aus; der Einzige, der mal Tore durch seine absolute Entschlossenheit erzielt, ist Marco Russ. Doch der sitzt draußen. Die fehlende Gier, Tore zu erzwingen, ist offenkundig. Meist reicht ein Gegentor, um auf die Bretter geschickt zu werden. Das letzte Spiel drehte die Mannschaft beim 2:1 gegen Bremen – im Hinspiel.

Fehlende Alternativen: Kovac lässt auf den Schlüsselpositionen oft dieselben spielen, das ist nicht nur, aber auch der fehlenden Qualität der übrigen Profis geschuldet. Der Kader ist nicht ausgewogen, der zweite Anzug sitzt nicht, die Spieler, die hinten dran stehen, machen zu wenig Druck auf das Stammpersonal. Michael Hector etwa hat in der gesamten Rückrunde gezeigt, dass die Bundesliga für ihn eine Nummer zu groß ist. Auch Wintereinkauf Max Besuschkow hat nach vielversprechendem Beginn sukzessive nachgelassen. Shani Tarashaj, lange Zeit immer als erster eingewechselt (was schon niemand verstand), ist ohnehin zu schwach. Auch Danny Blum enttäuschte nach seinen Einwechslungen zuletzt regelmäßig.

Lausige Zweikampfwerte: Zuletzt gewannen die Frankfurter stetig weniger direkte Duelle, manches Mal gar deutlich weniger. Dabei werden Spiele heutzutage gerade über die Zweikämpfe gewonnen. Ob es womöglich damit zu tun hat, dass die Eintracht das Image der Treter-Truppe ablegen wollte und die Spieler daher zögerlicher zu Werke gehen? Schwer zu sagen. Die Flut an Karten hat etwas abgenommen. So oder so: Die Eintracht muss zweikampfstärker werden. Es gibt Möglichkeiten, hart, herzlich und auch aggressiv am Start zu sein, ohne zu knüppeln und unfair zu spielen. Vielleicht müsste das Team diesen Spagat wieder hinkriegen, um die Kurve zu bekommen.

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