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Analyse Bei den Großen dabei

Mit Kampfgeist, Selbstvertrauen und richtig gutem Fußball beißt sich Eintracht Frankfurt oben fest.

Timothy Chandler
Bogen- und Torschütze in einem: Timothy Chandler, Linksverteidiger mit Tordrang. Foto: Stefan Krieger

Die größte Wertschätzung kam ausgerechnet aus dem Mund des Unterlegenen. Ralph Hasenhüttl, der angefressen wirkende Trainer von RB Leipzig, zog bei allem Ärger über die 1:2-Niederlage und deren pfiffige Begleitumstände seinen Hut vor der Montagsdemonstration der Eintracht: „Wir haben nur 20 Minuten mithalten können. Der Gegner war besser, leidenschaftlicher. Wir hatten den Frankfurtern nichts entgegenzusetzen.“

Das Lob war nicht mal vergiftet, kein taktischer Winkelzug, um die eigene Fehlbarkeit und die daraus resultierende Schlappe zu rechtfertigen oder zu relativieren, sondern aufrichtig. Und es war eine Einschätzung, der man folgen kann. In diesem hochklassigen, rassigen, schrillen und doch merkwürdigen Spiel am ungewohnten Montag hat Eintracht Frankfurt ein dickes Ausrufezeichen gesetzt. „Ich spüre einen Riesenstolz, Kapitän einer solchen Mannschaft zu sein“, sagte Rückkehrer David Abraham voller Pathos.

Die Hessen, vor der Saison mit einigem Argwohn begutachtet und auch von der FR mit eher nicht so hohen Erwartungen bedacht (Redaktionstipp Platz 14), grüßen nach dem 23. Spieltag von Rang drei, sie weisen nach den Bayern die meisten Siege (elf) auf und stellen nach den Münchnern das beste Rückrundenteam (13 Punkte). Borussia Mönchengladbach etwa, an Weihnachten noch zwei Plätze und zwei Punkte vor den Frankfurtern, hat die Eintracht längst weit hinter sich gelassen und nach sechs weiteren Partien acht Punkte mehr als die Elf vom Niederrhein. „Wir stehen nicht umsonst da oben“, sagt Anführer Kevin-Prince Boateng. „Wir haben es uns verdient.“

Die Begegnung gegen die Spitzenmannschaft aus Leipzig ist ein gutes Beispiel für die Entwicklung der Eintracht. Es war ein hitziges Gefecht mit allem, was ein Bundesligaspiel ausmachen sollte, es war Werbung für den Fußball – ungeachtet dessen, dass es „kein normales Spiel war“ (Trainer Niko Kovac) und von massiven (aber auch kreativen) Protesten begleitet wurde.

Die Frankfurter haben eine brachiale Vollgasveranstaltung auf den Rasen gebracht, dieses „unfassbar intensive Spiel“ (Sportvorstand Fredi Bobic) auch deshalb gewonnen, weil sie all ihren Willen, ihre Leidenschaft und Hingabe in den Ring warfen. Sie haben den keinesfalls enttäuschenden Kontrahenten förmlich erdrückt, ihn zermürbt und einfach nicht mehr locker gelassen, bis er ausgeknockt am Boden lag. „Wir sind an die Grenze gegangen, wir wollten Leipzig besiegen“, sagte Trainer Kovac. „Wir wollten uns oben festbeißen.“

Und mittlerweile, das kommt als Sahnehäubchen auf den fast schon gewohnten Fighting Spirit noch obendrauf, spielt die Mannschaft richtig gut Fußball. Das liegt am gewachsenen Selbstvertrauen und der Besetzung des Mittelfelds: Omar Mascarell (am Montag sprang Makoto Hasebe für den verletzten Spanier ein), Kevin-Prince Boateng und Marius Wolf wissen mit der Kugel umzugehen, über die Außen stoßen Timothy Chandler und Danny da Costa immer wieder mit Verve nach vorne, wo Ante Rebic und Sebastien Haller mächtig Betrieb machen. Dass das spielerische Level enorm gestiegen ist, verdeutlich auch, dass es etwa ein Kreativspieler wie Marco Fabian nicht mal in den Kader schaffte. Kovac glaubt, dass die Methoden so langsam greifen. „Wir gehen nicht oberflächlich an die Sache ran, sondern tief in die Materie rein. Die Jungs spielen sehr viel bewusster Fußball.“

Es ist überdies eine schnelle, körperlich robuste Mannschaft. Chandler, Wolf, da Costa sind sehr flink auf den Beinen, die Krone setzt dem Ganzen Stürmer Ante Rebic auf, der mit seiner Bulligkeit und seinem Durchsetzungsvermögen wie ein Stier in einer Manege wirkt. „Wenn er alles abruft, ist er einer für Bayern. Er hat alles“, sagte Sportdirektor Bruno Hübner. Wäre der Kroate vor dem Tor abgezockter und insgesamt pflegeleichter, die Eintracht könnte ihn für viele, viele Millionen verkaufen – wenn sie denn wollte. Bei seiner Auswechslung wurde der 24-Jährige erneut mit im Stehen dargebrachten Ovationen bedacht.

Ähnlich beeindruckend ist die Leistung von Rechtsverteidiger da Costa, den vor wenigen Wochen niemand auf der Liste hatte. Chandler legt auf dem ungewohnten linken Flügel mehr Torgefahr an den Tag, als alle Verteidiger zusammen, die vor ihm in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf links Dienst taten. Bezeichnend mit welchem Willen er das Ausgleichstor erzielte.

Die Frage ist, wo der Weg der Eintracht  hinführt. „Die Jungs können sich ihre Ziele selbst definieren“, sagt Bobic. Man befinde sich jetzt in einer Region, in der „die ganz großen Kaliber“ dabei sind. „Wir müssen uns da jetzt im Konzert der Großen behaupten.“ Bobic empfiehlt dennoch, nicht so viel von Europa zu schwadronieren, sondern den Weg unbeirrt weiterzugehen. Denn unter gewissen Umständen und bei gewissen Konstellationen (fehlendes Selbstvertrauen, Verletzte, Formtiefs) könnte dieselbe Mannschaft „auch unten drin stehen – das ist ja so eine verrückte Sache im Fußball“.

Und doch: Die Eintracht hat sich nicht nach oben gemogelt oder laviert sich durch, die Platzierung   entspricht dem momentanen Leistungsvermögen. Ein internationaler Startplatz, sei es für die Europa League oder gar noch mehr, ist nach wie vor keine Pflicht, aber auch längst keine Utopie mehr.

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