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Alex Meier Der Fall Meier

Erstaunlicherweise leistet sich Eintracht Frankfurt den Luxus, den besten Torschützen auf der Bank zu lassen.

Alex Meier
Richtig glücklich sieht Alexander Meier nicht aus. Auch im Spiel gegen seinen alten Klub HSV musste er lange zusehen. Foto: Stefan Krieger

Es hat ein bisschen gedauert, ehe Alexander Meier am Samstag mitspielen durften. Fast eine ganze Halbzeit hat er sich neben dem eigenen Tor warmmachen müssen, mit Jungs, die Max Besuschkow heißen oder Taleb Tawatha oder Marius Wolf und gemeinsam noch nicht mal ein Dutzend Bundesligaspiele auf dem Buckel haben. Taleb Tawatha kam sogar noch vor Meier in die Partie gegen den HSV.

Sechs Minuten durfte der beste Torschütze der Eintracht mithelfen, die Uhr runterlaufen zu lassen. Zuvor hat ihn, der mehr als 360 Erst- und Zweitligaspiele auf dem Buckel hat, Co-Trainer Armin Reutershahn mit umfangreichen taktischen Merkblättern darüber in Kenntnis gesetzt, was er in der verbleibenden Zeit, in 300 Sekunden, alles zu tun habe.

Aber dass Alex Meier in letzter Zeit öfter neben dem eigenen statt vor dem gegnerischen Tor steht, ist der Schlaks fast gewohnt. Gegen Freiburg durfte er zehn Minuten mitspielen (da war die Erkältung aber schon im Anflug), in Berlin kam er gar nicht zum Einsatz, gegen die Bayern fehlte er wegen einer Grippe. Und wenn er mittun darf, wird der 34-Jährige häufig ausgewechselt.

Nach der Begegnung gegen den Hamburger SV ist Meier, eigentlich Kapitän dieser Mannschaft, wortlos durch die Mixed Zone gestapft, zu einem Gespräch war er nicht bereit. Er hat sich selbst einen Maulkorb verpasst. Die Situation nagt an dem Dauertorschützen der vergangenen Jahre, sie setzt ihm schwer zu. Sein Status bröckelt, seine Akzeptanz ebenso. Er weiß es, er spürt es, es verunsichert ihn.

Alex Meier, so hat es den Anschein, wird derzeit bei Eintracht Frankfurt stückchenweise aufs Abstellgleis geschoben. Aber warum nur?

Vor dem HSV-Spiel begründete Trainer Niko Kovac die Verbannung auf die Ersatzbank damit, dass Meier in der vorvergangenen Wochen wegen der Grippe nicht mittrainiert habe. Das stimmt. Meier hat also eine Woche Training verpasst. Marco Fabian dagegen hat wegen anhaltender Rückenprobleme nahezu acht Wochen nicht mit der Mannschaft üben können; erst vor dem Bayern-Spiel näherte er sich wieder vorsichtig dem Ball. Fabian stand gegen den HSV 90 Minuten auf dem Platz.

In diesem Jahr hat sich Meiers persönliche Situation noch einmal verschärft. Viermal saß er auf der Bank, viermal führte er das Team aufs Feld. Das war in der Vorrunde noch anders. Da stand er elfmal in der Startelf, blieb nur dreimal draußen.

Vieles spricht dafür, dass Alex Meier, seit 13 Jahren im Verein und damit dienstältester Spieler, Publikumsliebling sowieso, nicht mehr so recht hineinpasst ins System Kovac. Der Trainer will schnelle Stürmer, die arbeiten, pressen, viel unterwegs sind – und die auf Bälle lauern, die zwischen die Abwehrreihe gespielt werden. Nach dem Hamburg-Spiel hat der Fußballlehrer die Begründung, weshalb ein anderer und nicht der Kapitän spielte, selbst geliefert, ohne dabei den Namen Meier in den Mund zu nehmen: Er wolle Angreifer, „die Tiefendrang haben“, sagte er, Stürmer also, die steil gehen, die hart an der Abseitsgrenze lauern. Und er sieht sich bestätigt, in den letzten Partien habe es häufiger Situationen gegeben, „in denen wir alleine vor dem Torwart standen“. Blöderweise ist nie etwas dabei herausgesprungen.

Doch diese Art des Fußballs ist mit Alex Meier natürlich kaum zu spielen. Der Norddeutsche ist ein Akteur, der im Zentrum steht, der auf Bälle wartet und vor dem Tor über eine erstaunliche Treffsicherheit verfügt. Er muss dafür aber „gefüttert“ werden, und das passiert nur noch selten.

Fünf Tore hat er in dieser Runde erzielt, das ist für seine Verhältnisse nicht viel. Seine Quote in den vergangenen Jahren lautet: 12, 19, 8, 16, 17 (zweite Liga). 2015 wurde er mit diesen 19 Treffern gar Torschützenkönig. Da sind fünf Treffer in dieser Saison vergleichsweise wenig – aber eben immer noch mehr, als alle anderen im Eintracht-Dress geschossen haben. In diesem Jahr hat die Eintracht in der Liga ganze vier Treffer erzielt, einen davon steuerte Meier bei (beim 1:0 auf Schalke), beim 2:0 gegen Darmstadt bereitete er das 2:0 durch Ante Rebic vor. Bei den beiden einzigen Erfolgen stand der Mann mit dem Zopf in der Startelf.

Dennoch läuft es für Meier in dieser Runde nicht gut. Die eine oder andere Chance hat er ausgelassen, in manchen Partien kam er gar nicht mehr zu Möglichkeiten. Dann wirkt er fast unsichtbar, so als habe er am Spiel gar nicht teilgenommen. Doch das ist nicht neu; schon zu seiner Anfangszeit in Frankfurt, als er Anfang 20 war, ist ihm das vorgeworfen worden. Es war eine Zeit, als er noch nicht in den Rang eines Fußballgottes gehoben wurde, sondern bei den Fans einen schweren Stand hatte. Sein damaliger Trainer Friedhelm Funkel verteidigte seinen Lieblingsspieler bis aufs Blut. Das Vertrauen fehlt Meier jetzt.

Und es kommt nun hinzu, dass Kovac von seinen Angreifern sehr viel mehr verlangt. Sie sollen die ersten Verteidiger sein, die Abwehrspieler permanent anlaufen, unter Druck setzen. Das ist nicht unbedingt Meiers Spiel. „Wir Stürmer müssen ja sehr viel arbeiten, viel Defensivarbeit verrichten. Dafür wird man ja auch gelobt. Schön und gut, aber als Stürmer interessiert es einen nicht so sehr, ob du gut nach hinten arbeitest, da willst du Tore schießen“, sagte er im Januar im FR-Interview. „Aber wenn es der Mannschaft hilft, mache ich das natürlich. Das steht außer Frage.“

Meier hat auch zwei Strafstöße verschossen in dieser Runde, vor allem die Fahrkarte aus elf Metern in Wolfsburg hat Trainer Kovac mächtig geärgert, weil eigentlich ein anderer hätte schießen sollen. Meier durfte sich vor versammelter Mannschaft geharnischte Worte anhören.

Wenn nicht alles täuscht, so ist das Verhältnis zwischen Kovac und Meier eher distanziert. Meier, ein gestandener Mann von 34 Jahren, braucht ein paar Freiheiten. Freiheiten, die der akribische, unermüdliche Trainer kaum gewährt. Kovac fordert und verlangt eine ganze Menge von seinen Spielern, er lässt nicht locker. Blutabnahmen, CK-Wert-Bestimmungen, Yoga-Übungen, Video-Analysen sind die Regel, dazu schottet er die Mannschaft nach Möglichkeit von der Öffentlichkeit ab, hinter jüngst eigens dafür errichteten Zäunen. Selten zuvor war die Eintracht so zugeknöpft wie derzeit. Gerne würde Meier, als Beispiel, mal wieder alleine frühstücken, seit Saisonbeginn ist es Usus, gemeinsam Kaffee zu trinken. „Aber man kann es sich ja nicht aussuchen“, sagt er.

Extrawürste brät Kovac für keinen im Kader, er will alle gleichbehandeln. Vergangene Meriten spielen beim 45 Jahre alten Fußballlehrer keine besondere Rolle, Erbhöfe gibt es nicht. Meier ist aber auch keiner, der aufbegehren oder hintenrum sticheln würde. Er lässt sich nicht verbiegen, hat eine Meinung, aber er ist wahrlich kein Linkmichel. Dass ihn Kovac abgemeiert hat, hat er hingenommen, er hat sich brav und ohne großes Murren auf die Ersatzbank gesetzt. Und in Bremen hat er, als er nach der Pause in die Partie kam, mit seinem Tor zum Ausgleich das Spiel gedreht.

Der Fußballer Meier hat sich nicht verändert, klar, er ist älter geworden, schneller wird er auch nicht mehr. Aber er spielt eigentlich so wie immer, er läuft viel, seine Kilometerleistung ist in Ordnung, nach dem Training schiebt er seine individuellen Sonderschichten, so wie er das schon seit Jahren macht. Doch es läuft nicht rund.

Was die Sache noch ein bisschen undurchsichtiger macht: Konkurrent Branimir Hrgota, der Meier derzeit vorgezogen wird, spielt nicht gerade die Sterne vom Himmel. Dazu entwickelt sich der Schwede immer mehr zu dem, was man einen Chancentod nennen könnte. In München und zuletzt gegen Hamburg hat er glasklarste Möglichkeiten liegen gelassen, Chancen, die Meier in seiner Karriere oft genug locker verwertet hat.

Auffällig ist auch, dass Kovac den Stürmer Hrgota über den grünen Klee lobt, ihm „außerordentlich gute Spiele“ bescheinigt. Als nach dem HSV-Spiel allerdings die Frage aufkam, warum er Meier erst so spät gebracht hatte, reagierte der Coach erstaunlich dünnhäutig. „Hätte ich ihn früher bringen sollen? Ich wollte gar nicht wechseln. Ich verstehe die Frage nicht. Es ging darum, Punkte zu holen. Da ist egal, wer auf dem Platz steht und wer nicht.“ Fakt ist aber: Die Eintracht verschludert zu viele klare Chancen und leistet sich gleichzeitig den Luxus, den besten Torschützen draußen zu lassen.

Hinter vorgehaltener Hand wird auch gemunkelt, dass Meiers Zeit womöglich einfach vorbei ist, er über den Zenit seiner Schaffenskraft hinaus sei. Jünger wird er natürlich nicht mehr, er selbst glaubt, dass man zwischen 29 und 32 auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit ist. Diese Zeit hat er überschritten.

Und doch ist er irgendwie verwundert, wie es für ihn, peu à peu, bergab geht. „Manchmal wird es jetzt mit 34 so dargestellt, als sei ich ein Oldie, der noch ein bisschen zum Spaß mitmacht. Aber das ist nicht so. Ich bin ehrgeizig, ich will noch, das können Sie mir glauben“, sagte er vor gut zwei Monaten noch. „Sonst würde ich auch nicht hierherkommen und vor und nach dem Training meine Übungen und Zusatzschichten machen, sonst würde ich Dienst nach Vorschrift machen. Aber das mache ich nicht. Im Gegenteil.“

Meier besitzt in Frankfurt noch einen Vertrag bis 2018 mit einem vertraglich zugesicherten Abschiedsspiel, auch eine Anstellung nach seiner Karriere ist in seinem Arbeitspapier verankert – egal, ob er zwischendurch noch mal den Verein wechselt. „Es ist noch lange nicht vorbei“, sagte Meier erst im Januar.

Aber das Ende in Frankfurt kommt vielleicht schneller als gedacht.

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