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Eintracht Frankfurt Der unendliche Caio

Selten hat ein Spieler bei Eintracht Frankfurt so polarisiert wie der Brasilianer. Von Thomas Kilchenstein

28.08.2008 00:08
Auf dem Vormarsch? Frankfurts Brasilianer Caio zieht am Kölner Miso Brecko vorbei. Foto: Rhode

Chris sagt, Caio fühle sich wohl. Er fühle sich wohl in einer Stadt, die er nicht kennt, in einem Land, dessen Sprache er nicht versteht, in einem Klub, der ihn kaum spielen lässt. Aber Chris, sein Mannschaftskamerad bei Eintracht Frankfurt, sagt das nicht einfach daher, er muss es wissen, Chris ist erster und wichtigster Bezugspunkt für Caio, den Brasilianer, an dem sich die Geister scheiden, die beiden sind ständig zusammen. Chris sagt auch: "Caio will es schaffen."

Am Sonntag war Caio César Alves dos Santos so nah dran am Wohlfühlfaktor zehn wie lange Zeit nicht mehr. Am Sonntag hat Caio 30 Minuten gegen den 1. FC Köln spielen dürfen und gut gespielt. Er hat angedeutet, zu was er fähig ist. Sogar sein Trainer, der knochentrockene Friedhelm Funkel, habe ihm bedeutet, zufrieden gewesen zu sein, erzählte er später. Da war Caio richtig glücklich. Vergessen die Zeit, da er mit sechs Kilo Übergewicht eine Karikatur eines Leistungssportlers abgab, zwei Laktatattests abbrach und mancher glücklich war, wenn er unfallfrei über eine Hürde gesprungen war.

Am Montag beim Training mussten die Reservisten ran, also auch Caio. Nachher sagte Funkel: "Wie Caio trainiert hat, war eine Katastrophe." Die anderen, etwa Patrick Ochs oder Mehdi Mahdavika, hätten "richtig Gas gegeben", Caio sei nur hinterher getrabt. "Ich erwarte, dass er die guten Ansätze bestätigt." Am Dienstag beim 9:1 im Freundschaftsspiel in Leeheim schoss Caio zwei Tore.

Gestern, am Mittwoch, fehlte Caio beim Training. "Er hat einen Tritt auf den Fuß bekommen. Das ist nichts Schlimmes", beschwichtigt Funkel. Heute um 10 Uhr soll der 22-Jährige wieder gemeinsam mit der Mannschaft üben. "Wenn er wieder fit ist", beteuert Funkel, "ist er auch im Aufgebot für das Wolfsburg-Spiel." Caio wird wohl im Kader sein - spielen wird in der VW-Stadt von Beginn an kaum.

Seine Verpflichtung sollte der große Coup sein

Caio erfüllt die Erwartungen nicht, schon im Januar nicht, als er auch damals in einem miserablen körperlichen Zustand war. Nicht die von Funkel, nicht die des Klubs. Dabei sollte mit der Verpflichtung des Mittelfeldspielers von Palmeiras São Paulo endlich der große Coup gelingen, immerhin gaben die Frankfurter so viel Geld wie für keinen anderen Spieler aus, 3,8 Millionen Euro.

Geholt werden sollte eine kreative Wunderwaffe. Eine irrationale Hoffnung auf bessere Zeiten wurde da auf Caio projiziert. Endlich war einer da, der die Sehnsucht vieler Frankfurter befriedigte; die Sehnsucht nach dem schönen Fußball, dem Fußball von Bein, Okocha, oder Möller. All das sollte der Mittelfeldmann aus Brasilien leisten.

Die Fans guckten bei Youtube Filmchen mit Kunststückchen, Funkel guckte auf dem Trainingsplatz. Da fiel Caio nicht auf, eher ab. Seit Januar hat er zwei gute Halbzeiten gezeigt, gegen Cottbus und Köln. Der Eintracht-Boss, Heribert Bruchhagen, hat volles Verständnis für Funkels Maßnahmen. "Unser Trainer hat mehr Erfahrung als wir alle." Und: "Auch ich habe Caio jeden Tag im Trainingslager gesehen - ich hätte ihn auch nicht aufgestellt."

Plötzlich war Caio auf sich allein gestellt

Caio fremdelt. Ein groß gewordener Junge aus Mirandopolis, der aus Furcht vor dem Fremden anfangs in der Tankstelle einkaufte. Nach drei Wochen zog die Beraterfirma Rogon ihren ständigen Betreuer Marcio da Silva ab, Caio war auf sich allein gestellt. Und fand sich nicht zurecht. Eine Rundumbetreuung hält Funkel nicht für nötig. Außerdem kümmere sich ja Chris um seinen Landsmann. Aber: Der Techniker ist keiner, der den unbedingten Willen zeigt. Er lässt sich oft hängen, wirkt pomadig.

Inzwischen ist die Nummer 30 zu einem Politikum geworden. Selten stand ein Spieler, der so wenig gespielt hat wie Caio, so im Fokus. Der Aufsichtsrat will ihn spielen sehen. "Der Trainer muss ihn fit machen", sagt Boss Herbert Becker. Aber wann ist Caio fit? Ende letzter Woche schloss Funkel einen zehnminütigen Einsatz aus, am Sonntag spielte er eine halbe Stunde, "weil die Kölner Petit und Matip nichts nach vorne taten". Funkel verlangt von Caio, "gegen den Ball zu arbeiten", defensiv zu agieren. Aber Caio wird nie bienenfleißig nach hinten arbeiten.

Funkel sagt, er habe Geduld. "Caio wird weitere Einsätze bekommen." Manchmal freilich hat man das Gefühl, dass das ein großes Missverständnis ist zwischen Trainer und Spieler. Manchmal lässt Funkel das Gefühl entstehen, Caio aufzustellen, wäre der Untergang des ganzen Klubs. Caio verkörpert im Grunde alles, was Funkel nicht mag: Übersteiger, Überflüssiges, Brotloses. Bei Caio weiß man nie, was passiert, Kreis- oder Weltklasse, dazwischen gibt es nicht viel. Bislang, so scheint es, sind Caios Fähigkeiten und der kollektive Eintracht-Stil nicht kompatibel. Wann sind sie es? Sind sie es überhaupt?

Wenigstens muss Caio keinen dritten Laktattest machen. Und: Er hat drei Kilo abgenommen.

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