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Eintracht Braunschweig Spagat auf der Baustelle

Wie Eintracht Braunschweig, nächster Gegner von Hertha BSC, zum Kandidaten für die Erste Fußball-Bundesliga geworden ist.

25.10.2012 09:44
Michael Jahn
Eintracht Braunschweig: Kompakte Einheit auch beim Torjubel. Foto: dpa

Wie Eintracht Braunschweig, nächster Gegner von Hertha BSC, zum Kandidaten für die Erste Fußball-Bundesliga geworden ist.

Torsten Lieberknecht ist ein kleiner, eher schmächtiger Mann. Im Fernsehen wirkt der Cheftrainer von Eintracht Braunschweig robuster, wenn er an der Seitenlinie auf und ab rennt, wenn er schreit und wild gestikuliert. Doch das Fernsehen soll Menschen größer erscheinen lassen, als sie sind. Lieberknecht, 39, einst emsiger Mittelfeldspieler beim 1. FC Kaiserslautern, Waldhof Mannheim und in Braunschweig, ist derzeit oft im Bild, er ist ein gefragter Mann. In diesem Moment zum Beispiel steht er in Jeans und Trainingsjacke in einem unscheinbaren Container hinter der Haupttribüne des Eintracht-Stadions. Das ist zurzeit eine staubige und lärmende Großbaustelle. Manager Marc Arnold ist mit in den Container gekommen. Er und Lieberknecht nehmen vor einer Tafel mit dem Slogan „Wir sind Eintracht“ Platz. Es gibt Kaffee und belegte Brötchen – Pressekonferenz.

Lieberknecht sagt, was er schon seit Wochen sagt. Seine Mannschaft sei bestens in Form, körperlich und mental. Und ja, sie wollen weiter gewinnen. Die neun Journalisten im Container duzen den freundlichen Trainer. Es geht unaufgeregt zu, obwohl die Eintracht nach zehn Spieltagen der Zweiten Fußball-Bundesliga unbesiegt an der Spitze der Tabelle thront. Vor Hertha BSC. Der ärgste Verfolger der Überraschungsmannschaft aus Niedersachsen tritt am Samstag in Braunschweig an.

Prognosen unerwünscht

Niemand im Container spricht von der Ersten Bundesliga, wo Braunschweig zuletzt 1985 spielte. Doch glaubt man der Statistik, müssten sich die Verantwortlichen bald mit einem möglichen Aufstieg beschäftigen. Noch nie gab es in der Zweiten Liga eine Mannschaft, die nach zehn Spieltagen mehr Punkte angehäuft hatte als Braunschweig (26). Lediglich Hertha BSC (2010/2011) und der 1. FC Nürnberg (2000/2001) kamen auf die gleiche Anzahl. Beide stiegen am Ende der Spielzeit auf.

Manager Marc Arnold, 42, weißes Hemd, hellgrauer Anzug, kraxelt über die Baustelle, steigt über Bretter und dicke Rohre. Ringsherum wird gehämmert, gesägt, gewerkelt. Stolz zeigt Arnold, von 1995 bis 1998 Profi bei Hertha BSC, auf die künftige, sehr großzügig konzipierte Geschäftsstelle im Rohbau. „Ein Fanshop und Gastronomie sollen dort auch untergebracht werden. Die drei Millionen Euro für den Bau stemmen wir als Verein“, sagt Arnold. Der Klub ist schuldenfrei.

Rund 17 Millionen Euro wird der Umbau der Haupttribüne bei laufendem Spielbetrieb kosten. Die Finanzierung übernimmt die Stadt Braunschweig, die das Stadion an Eintracht verpachtet hat. Zur Saison 2013/14 soll die Arena fertig sein, zwanzig Logen für betuchte Firmen und Kunden wird die Haupttribüne beherbergen, 24?500 Zuschauer finden in der Arena Platz.

Die Aufbruchstimmung rund um den Verein ist überall zu spüren. Geschäftsführer Soeren Oliver Voigt, 43, sagt: „Wir werden uns mit Prognosen erst einmal zurückhalten. Sicher scheint nur zu sein, dass wir auch in der nächsten Saison mindestens in der Zweiten Liga spielen werden.“ Voigt sagt: „Mindestens“. Heimlich träumen sie schon vom Aufstieg in dieser fußballverrückten Stadt, in der 1967 sensationell der Meistertitel gefeiert werden konnte. Voigt sagt: „Wenn wir im Februar oder März noch immer so gut dastehen wie jetzt, dann werden wir auch zur Attacke übergehen.“ Trainer Lieberknecht äußert sich erst auf Nachfrage zum Thema: „Für einen Aufstieg ist es natürlich nie zu früh.“

Triste Vergangenheit

So denken auch die Fans der Eintracht. Die Begeisterung ist enorm. Mitte September musste der Verein den Verkauf der Dauerkarten stoppen. 12?300 Abos waren bis dahin geordert worden, die Nachfrage übertraf das Angebot deutlich. Doch ein Teil der Fans bereitet dem Klub auch immer wieder Probleme. Kleinen Gruppen hängt der Ruf an, rechtsgerichtetes Gedankengut zu pflegen. Voigt sagt: „Wir positionieren uns seit vielen Jahren gegen jegliche Form des Rassismus und Extremismus, natürlich auch gegen Rechtsextremismus. Von der Polizei und anderen Behörden wurde uns aktuell noch einmal bestätigt, dass Rassismus und Extremismus seit Jahren in unserem Stadion so gut wie nicht mehr präsent sind.“ Voigt ergänzt: „Es ist bekannt, dass einzelne Personen mit einer rechten Gesinnung bei Heimspielen auftauchen. Dieser Personenkreis ist so klein, dass es absurd ist, von rechten Strukturen zu sprechen. Sämtliche Personen sind uns bekannt und stehen unter dauerhafter Beobachtung. Weder wird ein Problem unter den Tisch gekehrt, noch ist der Verein auf dem rechten Auge blind.“

Arnold führt zu seinem Büro. Der Weg ist lang in den Katakomben. Arnold ist in einem kargen Raum untergekommen, einem ehemaligen Umkleidetrakt. Die Zukunft ist im Bau, auch hier im Stadion wird das spürbar. Wer den stetigen Aufstieg des Klubs verstehen will, muss in die Vergangenheit zurückgehen. Lieberknecht, der Trainer, hat einst den Bogen zwischen glorreicher Historie und später langer, trister Realität gespannt. Seine Abschlussarbeit an der Sporthochschule Köln hatte den Titel: „Der schwierige Spagat zwischen Tradition und Zukunft bei Eintracht Braunschweig.“ In die Regionalliga war der einst so stolze Meister zwischenzeitlich abgerutscht.

Die jüngste Geschichte haben andere bestimmt. In der Spielzeit 2006/07 verschliss die Eintracht fünf Trainer und stieg schließlich aus der Zweiten Liga ab. Benno Möhlmann betreute nun das Team, konnte den Niedergang aber nicht aufhalten. In der Not übernahm der Jugendtrainer die Profis: Sein Name: Torsten Lieberknecht.

„Das war drei Spieltage vor Schluss“, erinnert sich Marc Arnold, „Eintracht stand bis zum letzten Tag immer auf einem Abstiegsplatz und hätte die Qualifikation für die neue Dritte Liga verpasst. Erst im letzten Spiel gelang die dramatische Rettung.“

In die Situation wachsen

Arnold, als Manager ein Autodidakt, trägt seit Juli 2008 Verantwortung im Klub. Geschäftsführer Voigt und Präsident Sebastian Ebel, 49, sind seit 2007 im Amt. Aus dem Team der Saison 2007/08 sind noch sieben Profis unter Vertrag. „Die haben sich alle prächtig weiterentwickelt“, sagt Arnold, „die Verbundenheit aller zum Verein ist unglaublich hoch. Das gilt für die Spieler wie für uns Verantwortliche.“

Im Team fehlen die prominenten Namen. Dafür besticht die Mannschaft, für die Arnold im Lizenzspieler-Etat sechs Millionen Euro zur Verfügung hat, als gewachsenes, kompaktes Ensemble. Hat der Manager einen Plan B, der die Erste Liga betrifft? Arnold grinst und zeigt eine leere Schreibtisch-Schublade. „Wenn es so weit kommen sollte, ist das kein Problem. Dann wachsen wir in die neue Situation hinein.“

Draußen im Stadion ist permanent Baulärm zu hören. Männer mit blauen Helmen wuseln umher. LKW brausen mit Bauschutt davon. Für Marc Arnold und seine Mitstreiter vertraute Geräusche. Sie verheißen eine gute Zukunft.

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