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Eintracht Braunschweig Mit blau-gelber Rose

Selten hat sich ein Team so stil- und ehrenvoll aus der ersten Liga verabschiedet wie Eintracht Braunschweig.

11.05.2014 15:56
Rühriges mit Rose: Eintracht-Trainer Torsten Lieberknecht. Foto: dpa

Beim Höhepunkt der fast gefühlsduseligen Abschiedszeremonie lief ein blondes Mädchen im gelben Trikot über den grünen Rasen. Ihre in der ersten Reihe wartenden Eltern hatten sie mit Zustimmung der toleranten Sicherheitskräfte über den Zaun gehoben, weil sie ein ungefährliches Mitbringsel in ihren Kinderhänden hielt: einen Strauß blau-gelber Rosen. Dann lief sie zu ausgewählten Spielern und schließlich zum Trainer, um damit nach dem besiegelten Bundesligaabstieg jenen Stolz auszudrücken, der Eintracht Braunschweig zum ausgewiesenen Sympathieträger und zum erklärten Farbtupfer im Oberhaus gemacht hat.
Torsten Lieberknecht nahm seinen neuesten Fan schnell auf den Arm. Später musste der Familienvater schwer schlucken, um seine Gefühle zu erklären. „Das zu erleben“, beteuerte der 40-Jährige hinterher, „zeigt, was für eine Ehre es ist, diesem Verein zu dienen.“ Seit 2008 sei es für den Klub aus der Löwenstadt im Grunde ja nur bergauf gegangen, der Marsch aus der Dritten Liga bis in die Bundesliga hat sagenhafte Jubelbilder in die Erinnerung gebrannt. „Nun machen wir diesen traurigen Tag alle gemeinsam durch“, sagte Lieberknecht noch. Pathos beherrscht der gebürtige Pfälzer perfekt, aber tatsächlich wohnte diesem „großartigen Moment“ (Lieberknecht) noch mehr inne. „Das gibt uns viel Kraft für die Zukunft.“
Wann hat sich ein Erstligist so stilvoll verabschiedet, der gerade die Liga als Letzter verlassen musste und auf sportlicher Ebene sein zweitklassiges Niveau auch an diesem Nachmittag nicht kaschieren konnte? „Das sucht seinesgleichen“, beschied Mittelfeldmann Mirko Boland und berichtete aufgewühlt: „In diesem Moment wusste ich, dass ich mit meiner Vertragsverlängerung hier alles richtig gemacht habe. Wir müssen nun alles versuchen, um die Eintracht wieder dahin zu bringen, wo sie hingehört: in die erste Liga.“

Minutenlang hatten die Spieler nach der verdienten 1:3-Schlappe bei der TSG Hoffenheim die Hände in die Hüfte gerammt und den Sprechgesang ihrer Fans verfolgt; im Rücken der Profis hatte sich Präsident Sebastian Ebel mit einem dezent um den Hals gewickelten Eintracht-Schal postiert – alle demonstrierten eine Haltung, die sich aus Trotz und Tapferkeit speiste.
Und während sich der Stadionsprecher in der Sinsheimer Arena verzweifelt um Gehör für eine vorbereitete Feierprozedur des Heimteams verschaffen wollte, übertönte sie auf der Gegenseite der leidenschaftliche Unterstützungsakt aus 6000 Kehlen. Der stimmgewaltige Beleg für den Unterschied zwischen Retortenklub und Traditionsverein. „Unfassbar“, stammelte die nach Leverkusen zurückkehrende Leihgabe Karim Bellarabi: „Man steigt ab und wird gefeiert.“

Das Gänsehauterlebnis im Schlussakkord passt zu einem „gefestigten Verein, der mit wenigen Mitteln weiter versuchen wird, etwas Großartiges zu leisten“, wie Lieberknecht versicherte. Sein Sportlicher Leiter Marc Arnold räumte rückblickend ein, „dass der Qualitätsunterschied zwischen erster und zweiten Liga enorm“ gewesen sei. „Trotzdem konnten wir uns weiterentwickeln.“ Das Verwaltungsgebäude in den Vereinsfarben, die Trainingsplätze oder das Nachwuchsleistungszentrum – das ist neben der schönen Erinnerung an Gastspiele von Bayern München, Dortmund oder Hannover eben das, was bleibt. Gehen werden – neben Torwart Daniel Davari – vermutlich noch Abwehrchef Ermin Bicakcic und Torjäger Domi Kumbela.

Auf Führungsebene wird das Erfolgsrezept nicht verraten, wie Arnold versprach: „Die Kontinuität der handelnden Personen.“ Das Dreigestirn – neben Trainer und Manager noch Geschäftsführer Soeren-Oliver Voigt – bleibt zusammen und zieht mit dieser Zielsetzung an einem Strang: „Wir wollen aufsteigen, aber nicht um jeden Preis“ (Arnold).

Budget reicht nicht aus

Die Niedersachsen wissen eben, dass ihre veranschlagten Planzahlen fürs Unterhaus – 25 Millionen Gesamtbudget, knapp zehn Millionen Lizenzspieleretat – nicht ausreichen, um die Eintracht für die bereits am 1. August beginnende Zweitligasaison sofort aufs Favoritenschild zu heben. „Wir werden hart, ruhig und vernünftig arbeiten“, versprach Lieberknecht. „Unsere Demut und Bescheidenheit behalten wir bei.“
Lieber einmal mehr tiefgestapelt als hochtrabende Rückkehrpläne hinausposaunt. Blieb hinterher nur noch zu klären, was der Trainer wirklich beim Überreichen der Rose empfand? „Das Wichtigste war“, fügte die blau-gelbe Kultfigur mit einem Augenzwinkern an, „dass sie keine Dornen hatte …“

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