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Sotschi 2014 - Biathlon Erik Lesser grüßt die Opas

Debütant Erik Lesser holt für das deutsche Biathlon-Team die erste Medaille. Die Mannschaft erhofft sich vom Erfolg Lessers einen ordentlichen Schub für die verbleibenden Wettkämpfe.

14.02.2014 08:02
Andreas Morbach
Erik Lesser hat alles gegeben. Foto: dpa

Mit einer plötzlichen Bewegung griff Erik Lesser in seine Jackentasche, doch dann merkte er rasch: Keine Aufregung, wieder dieselbe Quelle. „Die ganze Zeit vibriert mein Handy“, sagte der Skijäger aus Thüringen, selbst verantwortlich für die vielen Anrufe. Silber im Einzel über 20 Kilometer hatte er schließlich geholt – hinter dem französischen Biathlon-Dominator Martin Fourcade und vor Russlands Jubilar Jewgeni Garanitschew, der sich an seinem 26. Geburtstag mit Bronze beschenkte. Und während Fourcade sprach, schaltete der Mann rechts neben ihm erst mal auf Durchzug.

Genüsslich fläzte sich der einstige Walrossbartträger, inzwischen immer babypopoglatt rasiert, tief hinein in seinen schwarzen Ledersessel. Ließ den schnellen Monsieur erzählen und dachte lieber an die Anruferin, die er wenige Minuten zuvor von seinem Handy hatte wegdrücken müssen: Freundin Nadine, die er mal als seine schärfste Kritikerin bezeichnet hat.

Am Donnerstag hatte die Dame jedoch nichts zu meckern. Alle 20 Scheiben waren vor ihrem Lebensgefährten und dessen Gewehr in die Knie gegangen, und diese weiße Weste am Schießstand war schließlich die Basis für die erste Medaille der deutschen Biathleten bei diesen Winterspielen. Und sie war der Grund für den gewaltigen Stoßseufzer, den Mark Kirchner, mit seiner dicken russischen Pelzmütze auf dem Kopf, nach Lessers letztem Schuss von sich gab. Vor Begeisterung – und vor Erleichterung.

„Wir wollten hier einen besseren Start in die Wettkämpfe, das haben wir nicht geschafft“, erinnerte Kirchner kurz an den Olympiaauftakt, nutzte den frisch versilberten Abend aber zugleich zu einer kleinen Medienschelte. „Man sollte uns nicht immer sofort nach unten und beim nächsten Mal wieder nach oben katapultieren. Ich wünsche mir das Ganze ein bisschen objektiver.“

Ganz subjektiv sah der 25-jährige Lesser das ähnlich. „Es ist schade, wenn man uns immer nur auf die Medaillen reduziert. Dass Evi Sachenbacher-Stehle in Vancouver Vierte im 30-Kilometer-Langlauf war, obwohl das gar nicht ihre Disziplin war, weiß heute kaum noch einer“, sagte er und kritisierte bei der Gelegenheit auch den Hang des DOSB zu Medaillenvorgaben: „Ich finde es immer doof, dass man dadurch Druck aufbaut.“

Entspanntes Lebensmotto

Ohnehin hat Lesser für sich ein viel entspannteres Lebensmotto entworfen. „Ich versuche, alles nicht übermäßig ernst zu nehmen. Das hat mir immer gut getan“, erzählte er und ließ seinen sehr speziellen Witz unter anderem in dem Moment aufblitzen, als er über seine letzte Schießeinheit im Stehendanschlag sprach. Nach dem dritten Schuss zitterten seine Beine gewaltig, so dass Lesser kurz überlegte, die Waffe abzusetzen. „Aber dann“, sagte er, „dachte ich mir: Absetzen ist was für Mädchen“ – und setzte die letzten beiden Kugeln direkt ins Schwarze.

In dem Moment hatte er sogar knapp zehn Sekunden Vorsprung auf Fourcade, doch auf den letzten vier Kilometern schmolz das kleine Polster rasch dahin. So wurde es am Ende Silber – und das widmete er seinen beiden Großvätern: Opa Axel Lesser (67), der zwischen 1968 und 1976 als Langläufer an drei Olympischen Spielen teilnahm. Und Willi Pietzko, dem Opa mütterlicherseits, der schon 93 ist.

„Beides verdiente Großväter“, betonte Lesser schelmisch grinsend, der Kirchners stürmische Umarmung vor dem Gang zur Siegerehrung recht gefasst erwiderte. „Mark und ich sind beide keine Männer großer Worte. Wenn wir zusammen am Tisch sitzen, reichen oft fünf“, erklärte der erste männliche Medaillengewinner der DSV-Biathleten seit 2006 später seine gedrosselten Emotionen und berichtete: „Heute waren es vier Worte.“ Und zwar: „Herzlichen Glückwunsch, danke und… noch irgendwas.“

Nicht irgendwas, sondern einen ordentlichen Schub für die verbleibenden Rennen in Krasnaja Poljana erhoffen sich die deutschen Skijäger, bei denen Daniel Böhm, Schempp und Andreas Birnbacher schließlich die Plätze zehn, 16 und 22 belegten, nun von Lessers Steilpass.

Wobei der Vorlagengeber selbst vor übertriebener Euphorie warnt. „Ich selber bin schon befreit“, bekannte Lesser. „Aber Simon oder Daniel – auch wenn der als Zehnter ein gutes Rennen gemacht hat –, die können sich von meiner Silbermedaille nichts kaufen.“

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