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Lara Gut Immer auf der Direttissima

Die Schweizer Skirennläuferin Lara Gut kann ganz schön kratzbürstig sein. Die kämpferische Athletin spart nicht mit Kritik an Sotschi.

Goldige Aussichten: Lara Gut ist in Olympiaform. Foto: AFP

Die Schweizer Skirennläuferin Lara Gut kann ganz schön kratzbürstig sein. Die kämpferische Athletin spart nicht mit Kritik an Sotschi.

Sie war 17 Jahre und acht Monate alt, als sie vom Schweizer Boulevard zum „Ski-Schätzchen“ gekürt wurde. 2008 hat Lara Gut als bisher jüngste Skirennfahrerin einen Weltcup-Super-G gewonnen. Heidiland stand Kopf, und auch jenseits des Alpenhauptkammes schauten nicht nur die Sportfachleute genau hin. Die Schweizerin ist ein Hingucker. Vom Topmodel trennen die blonde, 1,60 Meter große Tessinerin nur ein paar Zentimeter. Die Kombination aus schnellem Schwung, einer gewissen Gradlinigkeit auch außerhalb der Piste und ihrem Aussehen, machten den Teenager nicht nur rasend schnell berühmt, sondern auch wirtschaftlich unabhängig.

Lara Gut fand schnell Gefallen daran, sich nicht nur ruppige Strecken untertan zu machen, sie legte sich auch gerne mit Swiss Ski, dem Skiverband ihres Heimatlandes an. Lara Gut hielt eine zeitlang gar nichts von dem hehren Sinn des Rütlischwurs: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern“ – und Schwestern. Das Ski-Schätzchen suchte im Schnee und jenseits der Piste seinen eigenen Weg. Zu all den netten Attributen gesellten sich plötzlich andere: als „zickig bis eigenwillig“ wurde sie bezeichnet. Ersteres wurde eindeutig öfter gebraucht. Die FR titelte während der Ski-WM in Garmisch-Partenkirchen 2011 über sie: „Die Streitgenossin“.

Kritik an Sotschi

Zu Beginn des Winters hat die 22-Jährige in einem Interview mit dem Schweizer „Tagesanzeiger“ gesagt, „ich kämpfe nicht mehr gegen die ganze Welt“. Zum Glück hat sich die kämpferische Athletin aber ihre Gradlinigkeit nicht nur bei der Schussfahrt bewahrt. Zwei Wochen vor Beginn der Spiele ist Gut mit sehr offenen Worten über Sotschi und das Internationale Olympische Komitee auffällig geworden.

„Die Olympischen Spiele sollten sportlich bleiben und nicht zu politischen Spielen werden. Es ist nicht der richtige Weg, die Olympischen Spiele des Geldes wegen zu vergeben. Es gibt auf der Welt genügend Orte, die gute Pisten, Sicherheit und sportlich interessierte Zuschauer bieten, und dann geht man an einen Ort, an dem es überhaupt nicht um Sport geht.“ So deutlich hat bislang kaum ein Sportler die Herren der Ringe und das Gastgeberland kritisiert.

Die Schweizer schätzen ihren Mumm und haben ihr Ski-Schätzchen gerade in diesem Winter wieder besonders lieb. Gut fegte den Steilhang auf dem Rettenbachferner so schneidig herunter wie keine andere. Dem Weltcupauftaktsieg in Sölden ließ sie in Nordamerika weitere zwei Triumphe folgen. Drei Siege bei den ersten vier Rennen, das hatte zuletzt das österreichische Ski-Wunder Petra Kronberger 1990 geschafft. Am Wochenende hat sie in Cortina d‘ Ampezzo wieder einen Super-G gewonnen. Die Aussichten für die Olympischen Spiele sind goldig – sofern man nur die sportliche Seite betrachtet.

Lara Gut hat ihre Matura (Abitur) mittels Fernstudium gemacht und dabei auch eine Arbeit über Sotschi und seine gigantischen Anstrengungen als Austragungsort der Olympischen Winterspiel geschrieben. Obwohl sie sich darin einer politischen Bewertung enthält, ist ihr beim Zusammenzählen der vielen in Beton gegossenen Milliarden doch etwas schummrig geworden.

Mit dem Skiverband hat sich die dreimalige Vizeweltmeisterin auf eine ziemlich sprachlose Weise arrangiert. Im Sommer bereitet sie sich alleine mit einem Betreuerstab vor. Im Winter reist sie mit der Mannschaft. Vor zwei Jahren sah es noch so aus, als ob da zwei Spuren im Schnee nie mehr zusammenfinden würden.

Der Zoff gipfelte darin, dass Lara Gut just in der stillen Adventszeit mit zwei „Böllern“ das Matterhorn erzittern ließ. Den damaligen Frauencheftrainer Mauro Pini (jetzt Coach von Tina Maze) erklärte Gut in mehreren Interviews für „ziemlich untauglich“. Gleichzeitig erschien sie mit modischen Accessoires unter der offiziellen Ski-Oberbekleidung, die aber nicht aus dem Pool der Swiss-Ski-Sponsoren stammten. Als sie wegen „respektlosem“ Verhalten für ein Skirennen gesperrt wurde, drohte sie mit Auswanderung nach Italien. Das Land der hohen Diplomatie und der hohen Berge strotzt momentan nicht gerade vor couragierten Skirennläuferinnen, weshalb die strengen eidgenössischen Skipädagogen der Eigenwilligen eine lange Leine lassen.

Der Streit von damals war deshalb so kurios, weil Mauro Pini, der beste Freund ihres Vaters und Managers Pauli, als persönlicher Trainer des Teenagers maßgeblichen Anteil an deren atemberaubendem Aufstieg hatte. Lara Gut, die mal „gar keinen Bock auf Journalisten“ hatte, nimmt’s inzwischen auch mit leichter Ironie: „Wer gewinnt, wirkt netter.“ So nette Sätze kann sie ohne tief Luft zu holen auf Italienisch, Französisch, Englisch, Spanisch, Deutsch und Schwyzerdütsch sagen. Hinhören lohnt sich bei ihr auch.

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