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Olympia Sotschi 2014 „Für viele Einwohner sind die Spiele ein Desaster“

Der russische Regimekritiker Boris Nemzow spricht im FR-Interview über seine Heimatstadt Sotschi, warum er dort nicht Bürgermeister werden konnte und die Furcht vor Konstruktionsfehlern bei den Olympiabauten.

05.02.2014 20:02
Jörg Winterfeldt
Training der Biathletinnen. Foto: dpa

Als er im Januar in Berlin war, um den Arte-Film „Putins Spiele“ über Olympia in Sotschi zu bewerben, hat der russische Regimekritiker Boris Nemzow ein Interview sofort zugesagt. Unmittelbar nach seiner Rückkehr von einer Reise in die USA nahm der sich 54-Jährige am Sonntag in Moskau Zeit für ein Telefonat über die umstrittenen Winterspiele an der subtropischen Schwarzmeerküste.

Am Freitagabend werden in Ihrer Heimatstadt erstmals Olympische Winterspiele eröffnet. Freuen Sie sich auf das große Ereignis?

Da muss man unterscheiden. Einerseits gibt es die Leistungen und Darbietungen unserer russischen Athleten. Andererseits sind da die politische Situation im Land und die Vorbereitungen auf die Spiele. Natürlich wünschen wir uns, dass unsere russischen Sportler erfolgreich sind und gute Ergebnisse erzielen. Wir sind Patrioten, wir lieben Sport. Leider ist nun damit der größte Betrug der russischen Geschichte verbunden. Betrug und Korruption. Mehr als 50 Milliarden Dollar sind ohne öffentliche Kontrolle und Ausschreibungen ausgegeben worden. Bei diesen Spielen geht es also vor allem um Korruption und nicht so sehr um Feiertage des Friedens und Sports.

Werden Sie sich die Wettkämpfe in Sotschi ansehen?

Vielleicht ein paar. Ich mag Biathlon und Snowboard. Und Eishockey natürlich. Aber mir ist es leider nicht möglich, nach Sotschi zu reisen, weil Putin für Sotschi-Reisen eine besondere Genehmigung durch den FSB (Federalnaja sluschba besopasnosti Rossijskoj Federazii, Russlands Inlandgeheimdienst, d. Red.) zur Auflage gemacht hat. Oppositionsführern und Oppositionsaktivisten ist es völlig unmöglich, diese Genehmigung zu bekommen. Insofern sind diese Spiele ein einzigartiger Fall: Wenn du zum Beispiel eine Eintrittskarte für ein Hockeyspiel hast, reicht das nicht aus, um in die Eishockeyhalle zu gelangen. Du musst auch eine Genehmigung vom FSB bekommen. Die verweigern sie politischen Aktivisten.

Wer bekommt die Genehmigung?

Hauptsächlich Angehörige der Partei Einiges Russland, Gazprom-Leute, Eisenbahn-Mitarbeiter. Zwei meiner Parteikollegen ist die Genehmigung verwehrt worden.

Sie sind in Sotschi geboren. Ist die Stadt für Sie noch Ihre Heimat? Haben Sie noch ein Zuhause da?

Nein, ich bin jetzt Moskauer, weil meine Familie und Kinder in Moskau sind. Ich bin in Nischni Nowgorod aufgewachsen, weil meine Mutter dahingezogen ist. Ich habe nur noch sehr entfernte Verwandte in Sotschi.

Vor fünf Jahren unterlagen Sie bei der Bürgermeisterwahl in Sotschi dem derzeitigen Amtsträger Anatolij Pachomow. Wie sehen Sie die Veränderungen der Stadt durch die Olympischen Spiele?

Leider haben viele Einwohner von Sotschi ihre Wohnungen und ihr Land verloren. Für sie sind die Spiele ein echtes Desaster, eine Tragödie. Der Bürgermeister hat sie nicht beschützt, weil er nur Putin und seinen Leuten dient, nicht den Bürgern Sotschis. Sie haben auch nicht von den Baumaßnahmen profitieren können, weil nur Einwanderer aus mittelasiatischen Ländern Jobs bekommen haben. Viele Bürger aus Sotschi haben auch keine Chance, sich Wettbewerbe der Spiele anzusehen, weil die Eintrittskarten sehr teuer sind.

Wenn die Leute so enttäuscht werden, warum sind dann nicht größere Unmuts- und Protestbekundungen in Sotschi an der Tagesordnung?

Weil Putin ein Gesetz erlassen hat, das das streng verbietet und das vom FSB und der Polizei hart durchgesetzt wird. Aber es gibt in Russland Proteste. Sie können das auch auf meiner Facebookseite sehen.

Und wenn Putins Mann Pachomow so schlecht für die Stadt ist, warum sind Sie statt seiner nicht gewählt worden?

Die Wahl war total gefälscht. 36 Prozent der Stimmen wurden im Vorhinein abgegeben, und ausnahmslos alle bekam Pachomow. Es herrschte absolute Zensur. Ich bekam keine Chance, im Fernsehen in Debatten aufzutreten oder in Zeitungen Gehör zu finden. Sie haben mein Werbematerial beschlagnahmt, und sie haben meine Berater verhaftet. In der Zeit war Putin zweimal in Sotschi, um seinen Protegé Pachomow zu unterstützen. Es war überhaupt keine Wahl. Während meiner Kampagne 2009 habe ich viele tausend Bürger Sotschis getroffen, die gehofft haben, Olympia würde hilfreich und nützlich für sie sein. Nun sehen sie, dass es ein großes Desaster für sie ist.

Pachomow mühte sich kürzlich, Putin bei seiner Diskriminierung Homosexueller zu unterstützen. Was denken Sie, wenn Sie seine Behauptung hören, in Sotschi gäbe es keine Homosexuellen?

Pachomow ist ein Idiot. Ein hundertprozentiger Idiot. Ich sage Ihnen: Es gibt viele Homosexuellen-Bars in Sotschi. Wie sollen die ihren Bankrott verhindern, wenn es keine Homosexuellen gibt. Schwulen-Klubs ohne Schwule – wie soll das gehen? Er hat auch gesagt, Sotschi sei eine Stadt ohne Korruption. Das ist dieselbe Geschichte.

Wer profitiert also von den Spielen?

Putins Freunde. Arkadij Rotenberg, sein Judo-Partner, hat mehr als sieben Milliarden US-Dollar bekommen. Sein KGB-Freund, der Bahn-Chef Wladimir Jakunin, bekam zehn Milliarden US-Dollar aus dem Budget. Putins Freunde von Gazprom, aus der Sberbank.

Für gewöhnlich dienen Olympische Spiele dazu, der Welt ein Bild des Ausrichterlandes zu vermitteln. Welches Bild Russlands werden die Spiele in Sotschi vermitteln?

Die Menschen in Europa wissen, dass dies ein Festival der Korruption ist. Es ist eine absolut dämliche Entscheidung, Winterspiele in einer subtropischen Zone zu veranstalten, wenn das Ausrichterland überwiegend sehr kalte klimatische Verhältnisse bietet. Und die Menschen in der Welt verstehen, dass das alles da in Sotschi nach den Spielen keine Verwendung mehr findet. Daher ist es eine traurige Geschichte über Missmanagement und über die Politiker, die das Land im Griff haben. Sie verstehen auch, dass Russland ein Land des teuren Öls ist, aber auch der Millionen armer Menschen, die keine Möglichkeit haben, ihre Rechte wahrzunehmen. Deswegen kann Putin machen, was er will. Und es gibt auch keinerlei öffentliche Kontrolle über seine Handlungen. Es geht nicht um Sport und Frieden in Sotschi, sondern nur um ein Projekt Putins. Jeder, der kommt, wird sehen, dass er nur da ist, um Putins Politik zu unterstützen.

Inwiefern stimmen die Eindrücke Sie traurig, die durch Sotschi über Ihre Heimat um die Welt gehen und ein intolerantes, korruptes Land ohne Umweltbewusstsein, aber mit einem Sicherheitsproblem nahezulegen scheinen?

Jeder versteht, dass das hier ein Land des Polizeistaates und der Korruption ist. Ich glaube, dass Sicherheitserwägungen in Sotschi sehr wichtig sind. Ich glaube und hoffe, dass den Besuchern nichts zustößt. Ich glaube aber auch, dass die Polizei sich nicht nur um Sicherheit kümmert, sondern auch darum, die Opposition von den Sportstätten fernzuhalten.

Wird Sotschi während der Olympischen Spiele sicher sein für die Besucher?

Ich hoffe ja. Aber es wird nicht so einfach. Offen gesagt, glaube ich nicht, dass terroristische Anschläge eine wirkliche Bedrohung sind. Ich glaube, dass die Konstruktionsrisiken viel größer sind. Niemand hat die Qualität der Baukonstruktionen kontrolliert. Illegale Immigranten aus mittelasiatischen Ländern haben die Bauarbeiten organisiert. Sie hatten nicht ausreichend Zeit, sorgfältig zu bauen. Daher ist die Gefahr, dass Neubauten einstürzen viel größer als die terroristischer Anschläge.

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