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Olympia in Sotschi Putinsche Dörfer

Bauboom, Geld und Korruption - mit gigantischen Mitteln entstehen rund um Sotschi die Olympiakulissen. Manche nennen das die Ankunft der Zivilisation. Andere sagen: Die Monster kamen ins Tal.

Für 50 Milliarden Dollar hat Präsident Putin Sotschi zur Olympiastadt umgebaut. Foto: dpa

Es sind die Zäune, die einen zuerst stutzig machen. Auf der einstündigen Busfahrt vom Flughafen Adler-Sotschi hinauf in die wolkenverhangenen Berge sieht man überall denselben Metallzaun. Oben ist er orange mit imitierter Holz-Maserung, unten ist eine graue Steinmauer aufgedruckt. Seltsam, denkt man sich, dass die Hauseigentümer hier alle den gleichen Geschmack haben! Und seltsam auch, dass sie um ihre Häuser gleich zwei Zäune gezogen haben: Hinter dem neuen Zaun ist nämlich ein alter zu erkennen, der nicht entfernt wurde.

Es gibt vieles, das einen stutzig macht in Sotschi. Der Austragungsort der Olympischen Winterspiele hat sich so sehr herausgeputzt, dass man nicht mehr weiß, ob man auf die Wirklichkeit schaut oder auf eine Kulisse. Wenn am nächsten Freitag am Ufer des Schwarzen Meeres das olympische Feuer entzündet wird, dann beginnen Winterspiele der besonderen, der russischen Art. Noch nie hat ein Sportfest so viel gekostet, noch nie sind so viele Sportstätten auf einmal aus dem Boden gestampft worden. Eine Welle von Geld und Zement und Ukasen ist über die Schwarzmeerküste gerollt und hinauf durch das enge Tal der Msymta, und nun müssen die Anwohner selbst schauen, wie sie sich in der neuen Welt zurechtfinden. Viele sind glücklich. Manche sind sehr unglücklich. Manche sind beides zugleich.

Nehmen wir zum Beispiel Esto-Sadok, den kleinen Ort am Ufer der Msymta, gleich hinter Krasnaja Poljana. In Esto-Sadok gab es, bevor die Olympischen Spiele kamen, die einzigen Skilifte des Tals, dazu ein paar Hotels und viele Privathäuser mit Ferienzimmern. Esto-Sadok heißt „estnisches Gärtchen“. Der Name erinnert an jene estnischen Bauern, die sich hier im 19. Jahrhundert ansiedelten, nachdem die Zarenarmee die rebellischen Tscherkessen vertrieben hatte. Die Neusiedler fanden Kastanien, Bucheckern, Äpfel und kleine tscherkessische Birnen. Hier kann selbst der Faulste satt werden, sagten sie, er braucht nur den Mund aufzumachen.

Plötzlich postmodern

Heute hat das kleine Esto-Sadok einen überdimensionierten Olympia-Bahnhof, am Flussufer wächst eine ganze Hotelstadt mit postmodernen Giebelchen in die Höhe, und dazu gibt es eine Shopping-Mall von Moskauer Dimensionen. Über die Hauptstraße fahren ununterbrochen weiße Busse mit dem Olympia-Logo und dem Warnhinweis „Fahrschüler“.

Oben am Hang stehen die olympischen Sprungschanzen: Eine große und eine kleine, mitsamt Zuschauertribünen, Zufahrtsstraße und eigener Gondelbahn zum Bahnhof. Acht Milliarden Rubel (170 Millionen Euro) hat der Bau gekostet, statt der ursprünglich geplanten 1,2 Milliarden Rubel. Das war selbst für russische Verhältnisse etwas viel. Im Februar 2013 sahen Russlands verblüffte Fernsehzuschauer, wie Präsident Wladimir Putin die unfertige Baustelle besuchte und zerknirschte Beamte zusammenstauchte. Der Bauherr Magomed Bilalow und sein Bruder Achmed – ein Olympia-Funktionär – flohen ins Ausland.

Dass dieses Bauwerk teuer werden würde, das hatte Alexander Naeltok den Bauleuten vorhergesagt. Naeltok wohnt direkt unter der Sprungschanze. Er ist 30 Jahre alt und der stolze Ur-Ur-Ur-Enkel eines estnischen Gründers von Esto-Sadok. Zugleich ist er von einer geradezu kaukasischen Aufmüpfigkeit – „sieht er nicht auch aus wie ein Tschetschene?“, scherzt seine Frau.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Bauarbeiten sind beendet, die Grundstückspreise gestiegen. Und doch ist längst nicht alles gut.

Aus seinem Fenster konnte Naeltok eines Tages sehen, wie eine Kommission über den damals noch unbebauten Hang stiefelte, um das Gelände zu prüfen. Er lief gleich hinaus und sagte den Fremden, was alle Nachbarn wussten: Dass der Hang nicht hält. Das könne man ja schon am mickrigen Bewuchs erkennen. Aber die Experten wollten ihn nicht hören. Irgendeine Moskauer Hand hatte längst eingezeichnet, welches olympische Objekt wo zu stehen hatte. Auf die Natur konnte keine Rücksicht genommen werden.

Unterschriften gegen den Verkehr

Von da an fuhren Tag und Nacht Laster durch das Dorf, der Schlamm stand bis zu den Radnaben. Strom und Wasser fielen sofort aus. Naeltok sammelte Unterschriften gegen den Verkehr. Irgendwann stoppte er sogar Betonmischer, um die Kosten für die Baufirma in die Höhe zu treiben. Aber die Kosten waren mittlerweile ohnehin explodiert. Beton musste in den Berg gespritzt werden, um den Bau zu stützen. Naeltok wandte sich an einen Journalisten, um von den Nöten der Anwohner zu berichten, aber der kremltreue NTV-Kanal schnitt seine Aussagen zusammen. Verblüfft sah Naeltok sich im Fernsehen sagen, dass alle in Esto-Sadok glücklich seien.

Jetzt ist das Schlimmste vorbei, und viele sind tatsächlich zufrieden. Naeltoks Nachbar Walter zum Beispiel, ein großer Mann mit Goldzähnen und schwieligen Bauernhänden. Walter war der letzte Bauer von Esto-Sadok, aber dann hat er seine Kühe aufgegeben wegen des vielen Verkehrs.

Jetzt arbeitet er als Naturheiler, und außerdem ist er Vorsitzender des estnischen Kulturvereins. Er zählt die Vorteile der Olympischen Spiele auf: Es gibt endlich asphaltierte Straßen und beleuchtete Bürgersteige. Und was sind die Grundstückspreise gestiegen! Erwin nebenan hat sein Land zu 600 000 Rubel die Sotka verkauft, das sind 13 000 Euro je 100 Quadratmeter. Die Bauarbeiten sind beendet. Der Strom fließt, meistens jedenfalls – als auf der Sprungschanze das Flutlicht eingeschaltet wurde, saßen sie wieder im Dunkeln. Gasleitungen sind verlegt, auch wenn die Anschlüsse noch nicht bis in die Häuser reichen. „Ja, die Zivilisation ist in großen Schritten zu uns gekommen“, sagt Walter und wiegt bedächtig seinen Kopf.

Ohne Olympia wäre Entwicklung nachhaltiger geworden

Naeltok wäre es lieber, die Zivilisation wäre nicht gekommen. Und doch ist er zugleich begeistert von den Aufgaben, die die Olympischen Spiele ihm beschert haben. Er ist nämlich Fahrer eines Pistenbullys und präpariert den Anfang der Abfahrts-Skistrecke, drüben in Rosa Chutor. Der Start dort ist fast senkrecht, sagt er stolz, da hänge ich dann mit meiner ganzen Raupe an einer Seilwinde. Am meisten Sorgen macht ihm die Witterung, die ist in Sotschi schwer vorherzusagen. Die nahe See bringt Nässe, und die Tunnel der neuen Bahnstrecke haben den Durchzug warmer Luft erleichtert. Naeltok spricht über Schneeschichten und Luftströme wie ein Sterne-Koch, der sich um ein kompliziertes Soufflé sorgt. Für einen Dorfjungen aus Esto-Sadok hat es Naeltok sehr weit gebracht, und er ist herumgekommen.

Zur Fortbildung durfte er im norwegischen Lillehammer Pisten präparieren, wo 1994 die Winterspiele stattfanden. Er hat sich natürlich auch die Olympia-Sprungschanze angeschaut. Gleich daneben war die Wiese eines Bauern, das hat ihn sehr beeindruckt. „Den hätte man doch in Russland gleich enteignet und einen Parkplatz draus gemacht“, sagt er. Natürlich hätten sich Krasnaja Poljana und Esto-Sadok auch dann verändert, wenn Russland nicht den Zuschlag für die Winterspiele 2014 bekommen hätte.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum die Bauarbeiten noch Jahre andauern werden.

Ein Wintersportort war hier jedenfalls schon, und Pläne für dessen Ausbau gab es auch. „Aber man hätte alles nachhaltiger entwickeln können, so wie in Europa“, behauptet Pjotr Fedin. Er hat Gründe genug, über die verpassten Chancen nachzusinnen. Fedin ist 64 Jahre alt, und bis die Olympia-Entscheidung kam, war er der Eigentümer des einzigen Skigebiets. „Alpika Service“ hieß es, und seine Geschichte reichte zurück bis fast in die Sowjetzeit. 1992 hatten sie mit wenig Geld und viel Enthusiasmus den ersten Sessellift des Tals gebaut. Später ging es mit fünf Liften hoch bis zum Aibga-Grat, auf 2228 Meter. Putin persönlich war zu Gast und fuhr mit Fedin Ski. Die Lifte waren einfach, kein Vergleich mit den modernen Gondelbahnen von heute, aber dafür hatte Fedin große Pläne.

Hastig gepflastert, nicht bezugsfertig

Die Olympia-Entscheidung bedeutete Fedins Ende. „Die Monster“ kamen ins Tal, sagt er. Damit meint er die Großkonzerne. Er musste sein Unternehmen 2007 unter Preis an Gazprom abtreten, „unter Zwang. Aber die Einzelheiten erzähle ich nicht, das gäbe nur neuen Ärger mit den Behörden“, sagt er. Geblieben ist ihm nur noch das Ferienlager „Bergluft“ in Krasnaja Poljana, da wohnen derzeit türkische Bauarbeiter. Aber war Fedins Unternehmen nicht ohnehin zu klein, brauchte man nicht ohnehin große Investoren?

„Das sind ja gar keine Investoren!“, antwortet er verächtlich. Gazprom, der Oligarch Potanin, Sberbank – sie alle arbeiteten ja mit Staatsgeld oder Staatskrediten. Die langfristige Rendite spiele für sie keine Rolle. Wer die sucht, sagt Fedin, der hätte anders bauen müssen, schöner und vernünftiger und an die Berge angepasst, aus Holz zum Beispiel und nicht zu hoch.

Er hat sich viele Skiorte im Westen angeschaut. „Wenn ich schon in Moskau in einem Fünfgeschosser wohne, warum soll ich im Urlaub dann im selben Fünfgeschosser wohnen?“

Das einzige Skigebiet, das derzeit in Betrieb ist, liegt rechts der Hauptstraße in Esto-Sadok. Nur wenige Skitouristen verlieren sich im Regen, dafür steigen Bauarbeiter in die Gondelbahn. Um die Talstation herum ist ein ganzes Städtchen entstanden, und darin wird überall gehämmert und geschliffen. Gorki Gorod ist ein Wintersportort in einheitlichem, launisch-postmodernem Stil, bunte Farben und Giebel sollen die gewaltigen Baumassen etwas auflockern. Noch ist fast kein Gebäude bezugsfertig, dafür wirft das hastig gelegte Pflaster schon Wellen. Ein zweites Städtchen selben Stils entsteht um die Bergstation. Während der Spiele sollen hier Journalisten unterkommen, aber es braucht noch etwas Fantasie, sich das vorzustellen. Hier wird wohl noch ein paar Jahre gebaut werden. Es geht ja auch um eine Dreiviertelmillion Quadratmeter Immobilien.

Auf der anderen Straßenseite liegt der ältere Teil von Esto-Sadok. Auch hier wird in großer Hast gepflastert. Vor einem Lebensmittelladen kauern im Regen Michail und Alexander in Arbeitsjacken, unter ihren Regencapes sieht man Bierflaschen. Michail und Alexander sind schlecht gelaunt. Man hat sie aus dem Labinsker Bezirk zwangsverpflichtet, der ist eine Tagesreise von hier entfernt. Jeden Monat müssen sie zwei Wochen lang mit der Schaufel beim Verlegen von Gehwegen oder dem Anlegen von Grünflächen helfen – ohne freie Tage. Dann geht es zurück nach Hause zur normalen Arbeit, sie sind Baggerführer in einem städtischen Unternehmen.

So dauert das nun schon seit Mai für Alexander, seit August für Michail. „Meine Frau war im Krankenhaus, drei Kinder musste ich damals zurücklassen“, sagt Michail. „Aber wenn ich Nein gesagt hätte, hätte ich meine Arbeit verloren.“ Für die Arbeit gibt es bis zu 20 000 Rubel (423 Euro) im Monat, plus 700 Rubel (15 Euro) Zulage für jeden Tag in der Ferne. „Ich wünsche mich jeden Tag zurück“, sagt Michail. Ob er hier sinnvolle Arbeit verrichtet? „Hier geht’s doch sowieso nicht um Qualität. Hier geht’s um Menge“,

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