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Olympische Spiele London - Turmspringen Briten hassen Tom Daley - und lieben ihn

Erfolg schafft Neider: Der Turmspringer Tom Daley hat bereits im zarten Alter von 18 Jahren seine Autobiographie veröffentlicht - und steht als Wachsfigur bei Madame Tussauds.

30.07.2012 18:55
Von Ronald Reng
Tom Daley lockt die Massen. Foto: Getty Images

Zum Weltcup in Sheffield im April 2011 schiebt die Mutter den Vater im Rollstuhl in die Schwimmhalle. Die Chemotherapie hat sein Gesicht aufgedunsen. Zwei Hirntumore hat er besiegt, nun ist der dritte nachgewachsen. „Ich frage mich, werde ich Olympia in London noch sehen? Ich habe doch schon die Eintrittskarte“, sagt der Vater.

Der Sohn, Tom Daley, Weltmeister 2009 im Turmspringen, redet über die Krankheit seines Vaters vor Journalisten mit derselben Offenheit, derselben Natürlichkeit wie über die Risiken des viereinhalbfachen Saltos vom 10-Meter-Turm oder die chinesischen Fans, die ihm Heiratsanträge schicken.

Tom Daley ist 18 und hat sich daran gewöhnt, auch intime Momente mit den Fernsehkameras zu teilen.

Daley ist größer als sein Sport

Vor vier Jahre verliebte sich Großbritannien in ihn. Da stand dieser 14-jährige Junge aus Plymouth mit den strubbeligen Haaren und riesigen Rehaugen auf dem Sprungturm und wurde Siebter bei den Spielen in Peking. Turmspringen als Sport interessiert heute weiterhin bloß Hunderte in Großbritannien, aber das Synchronspringen an diesem Montag werden Millionen gebannt anschauen, um zu erleben, was Tom Daley mit seinem Partner Peter Waterfield erreicht. Gelegentlich wird eine Person größer als ihr Sport, es ist ein kurioses Phänomen der Massenkultur.

Tom Daley hat mit 18 eine Autobiografie veröffentlicht und steht als Wachsfigur im Kabinett von Madame Tussauds. Es kam als eine Überraschung, dass der Junge, den doch alle lieben, auch das Opfer von Schulmobbing war.

Beim Mobbing unter Schülern sieht man vor dem inneren Auge den Schwächsten, den stillen, blasen Jungen, tollpatschig im Sport. Doch hat es seine traurige Logik, dass Neid und Bosheit auch den Besten, Beliebtesten treffen können. Nachdem er als plötzliches Lieblingskind der Nation aus Peking zurückkehrte, flogen die Worte im Pausenhof, „Taucherbaby“, „wir brechen dir die Beine“. Dann trafen ihn Papierkugeln, Trinkbecher, und das jeden Tag.

Er hasste die Schule

Tom Daley, der die Schwimmhallen mit kichernden Mädchen füllte, wollte nicht mehr auf den Schulhof. Er sagt: „Ich versuchte, in der Pause irgendwie im Klassenzimmer zu bleiben.“ Manchmal hasste er die Schule, und er hasste, was er doch liebte, das Turmspringen, weil es ihm diesen Schikanen aussetzte. Er erzählte niemandem von seiner Tortur.

Der Vater merkte, dass etwas nicht stimmte. Robert Daley pflegte das raue Aussehen der britischen Arbeiterklasse mit kahlem Schädel und ordentlichem Bauch, und weinte oft vor Rührung, wenn Tom gewann. Als der Sohn ihm vom Mobbing erzählte, machte er den Fall öffentlich.

Mobbing lebt vom Schweigen. Dass in Daleys Fall alles ans Licht kam, hat hoffentlich andere Kindern ermutigt. Daley selbst hat es nur bedingt geholfen. Er wechselte auf eine Privatschule, um die Gesichter seiner Peiniger hinter sich zu lassen. Mittlerweile ist er dabei, sein Abitur zu machen.

Kate Moss steht Modell

Fotografie gehört zu seinen Leistungskursen. Als er bei einem Modeshooting das Supermodell Kate Moss kennenlernte, fragte er sie, ob sie nicht auch für ihn, für eine Schulaufgabe Modell stehen könne. Moss machte mit. Bei Tom Daley wirkt das Absurde natürlich: Kate Moss für die Schularbeit einspannen, morgens in die Schule gehen und nachmittags für seine 850000 registrierten chinesischen Anhänger im Internet Nachrichten schreiben – als Turmspringer ein Star sein.

An diesem Montag hofft er im Synchronspringen auf eine Medaille, ehe in zehn Tagen sein Duell mit dem Chinesen Bo Qui um Gold im Einzelspringen einer der Momente von London 2012 werden soll. Ein Platz auf der Tribüne wird dann unbesetzt bleiben.

Sein Vater starb im Mai 2011 am dritten Hirntumor. Bei Wettkämpfen in der ganzen Welt hatte der Vater immer eine kleine britische Fahne geschwenkt, das war sein Erkennungszeichen. Wenn er bei Olympia nach dem Sprung, beim Auftauchen eine britische Fahne im Publikum sehe, sagt Tom Daley, werde er den Vater sehen.

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