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Olympische Spiele in London Vertrieben im Namen Olympias

Schöne neue Welt? Im Londoner East End, dem alten Arbeiterbezirk, ist in den vergangenen Jahren ein pompöser Olympiapark entstanden. Und einiges ist auch verschwunden. Zum Beispiel die ehemaligen Bewohner.

Das graue East End sollte etwas Goldstaub abbekommen. Aber der hat dann doch nicht so richtig funktioniert. Im Hintergrund ist der neue ArcelorMittal Orbit zu sehen, der 115 Meter hohe Stahl-Aussichtsturm im Olympiapark. Foto: bloomberg

Bis zum Olympiastadion hätte es Mike Wells in diesem Sommer normalerweise nicht weit, drei Kilometer etwa, auf dem Wasser. Sein Boot liegt in Nord-London am Regent’s Kanal. Die Planken schaukeln sacht, im Herd mit dem langen Ofenrohr bollert ein Feuer, und draußen ziehen Blesshühner vorbei. Die Zahl der Hausboote innerhalb der Stadtgrenze hat stark zugenommen.

Aber Sehnsucht nach Idylle ist es nicht, die die Leute auf die Kähne treibt. „Auf dem Wasser zu wohnen, das ist keine einfach Option, sondern Schwerarbeit“, sagt Mike Wells bei einer Tasse Grüntee in der Kajüte. Er sitzt unter einem Foto von äthiopischen Kühen. Es gibt keine Elektrizität an Bord, nur Kerzen, geheizt wird mit zerhackten Holzpaletten, und auf den Decks der anderen Boote an diesem Kanalabschnitt in Hackney stapeln sich Taue, Farbeimer und Winden. London ist eine sündhaft teure Stadt zum Leben, und viele von Wells’ Nachbarn finden hier auf dem Wasser eine karge Art der Unterkunft, die sie sich gerade noch leisten können. Mike Wells nennt sie „Flüchtlinge einer Mietpreisinflation“.

Wie es aussieht, steht dem Fotografen Mike Wells und seinen Nachbarn nun eine weitere Vertreibung bevor, diesmal wegen der Londoner Sommerspiele. Die zuständige Behörde, British Waterways, will im Juli und August eine Olympiazone auf Londons Kanälen und Flüssen einrichten, die von Paddington im Westen bis nach Osten, ins East End, reicht.

Für Boote ohne festen Liegeplatz wird dann eine Olympiagebühr fällig, die bis zu 360 Pfund (420 Euro) pro Woche betragen kann. Sie gilt für Urlauber, die während der Spiele an den mittlerweile abgesperrten Olympiapark schippern wollen; aber auch für Londoner wie Wells, der eine preiswerte Jahreslizenz zum Cruisen hat, mit der er bisher nur gehalten ist, sein Hausboot alle vierzehn Tage ein Stückchen auf dem Wasser zu bewegen. Er sagt: „Die wollen uns raushaben aus der Stadt, weil ihnen unsere Boote zu schäbig sind. Für die sind wir so etwas wie anarchische Künstlertypen. Womit sie nicht ganz unrecht haben.“

Ein Kriegsschiff auf der Themse

Den Vorwurf, dass die Hausboote Opfer einer großen Putz- und Säuberungsaktion werden, bevor die Touristen kommen, weist British Waterways empört zurück. Die Maßnahmen seien wegen der Regulierung von Wasservorkommen und wegen der Sicherheitsvorschriften erforderlich, sagt eine Sprecherin. Und sie seien mit dem Londoner Olympiaorganisationskomitee LOGOG und der Polizei abgesprochen. „Die Olympischen Spiele sind ein außergewöhnliches Ereignis, sowohl für British Waterways als auch für London. Auf der Themse wird sogar ein Kriegsschiff liegen.“

Allerdings fühlen sich die Hausbootbesitzer auf ihren schmalen Kähnen weniger durch einen Zerstörer in den Docklands als durch den Gebühreneinfallsreichtum von Beamten bedroht. Das hat auch British Waterways eingesehen und plant nun, im Sommer eine kleine Zahl von Anlegeplätzen in London einzurichten, an denen sich Hausboote aufhalten dürfen, ohne den speziellen Olympia-Obulus zu zahlen. „Uns ist bewusst, dass Hausboote eine billige Wohnalternative geworden sind“, räumt die Sprecherin ein. „Wenn die Wohnung bedroht ist, dann löst das natürlich Ängste aus.“

Ausquartiert und umgesiedelt

Für Mike Wells enthält eine solche Bemerkung von offizieller Stelle ein Maß bitterer Ironie. Denn er wird bereits zum zweiten Mal im Namen Olympias vertrieben. Beim ersten Mal wurde er aus einer Wohn-Kooperative ausquartiert, ehe 2007 die Abrissbirne kam. Wo sich früher der Clays Lane Estate in Stratford im Londoner Verwaltungsbezirk Newham befand, steht heute der Olympiapark. Was Wells generell von dem olympischen Spektakel hält, ist an seinem T-Shirt abzulesen. Da formt sich das London-2012-Logo zu den Buchstaben S-H-I-T.

Das ist eine Meinung, die in London nicht unbedingt mehrheitsfähig ist, vor allem nicht im Alten Rathaus von Newham, einem liebevoll restaurierten viktorianischen Bau mit Kronleuchtern, wo Richard Crawford in einem Konferenzraum sitzt. Crawford, seit 14 Jahren Mitglied des Bezirksrats und Lokalpolitiker der Labour-Partei, hat eine Weile selbst in der Wohngenossenschaft Clays Lane Estate gelebt.

Er streitet nicht ab, dass der heutige Olympiapark einst eine „kontaminierte Industriebrache“ war, wie das Organisationskomitee LOCOG sagt. Aber abseits der Schrotthändler, Verpackungsbetriebe und Recycling-Halden, sagt er, habe es auch einen Streifen Land gegeben, wo 500 Menschen in einer Kooperative lebten, wo ein Studentenwohnheim und die Wagen der irischen Traveller-Gemeinde standen. „Es war ein interessanter Mix“, erinnert sich Crawford, ein gebürtiger Schotte, der nach dem Studium nach London zog. Den umgesiedelten Bewohnern wurde alternativer Wohnraum angeboten.

Der Olympiapark in Stratford ist das Herzstück der Spiele, errichtet in einem der ärmsten Londoner Verwaltungsbezirke. Umgerechnet 11,1 Milliarden Euro wurden hier verbaut. Stadion, Olympisches Dorf, neue Arenen für Schwimmen, Handball, Basketball, Hockey, Radsport sowie riesige Medienzentren sind fertig. An die alte Wohn-Kooperative indes erinnert sich kaum jemand mehr.

Und das war auch der Masterplan, der von Anfang an hinter der Olympiabewerbung stand: Londons Stadtväter hatten gedacht, dass es Ecken im East End gibt, denen am besten damit gedient sei, wenn sie schnellstmöglich verschwinden. Bei der Vergabe der Spiele 2005 bezauberte Londons ehemaliger Bewerbungs- und heutiger Organisationschef Sebastian Coe das IOC zwar mit Zukunftsvisionen von Jugend, Tugend und Sport.

Londons damaliger Bürgermeister Ken Livingstone aber, ein Sozialist alter Schule, hatte Bagger im Sinn: „Ich habe mich nicht um die Olympischen Spiele bemüht, weil ich drei Wochen Sport wollte“, stellte er später mit fröhlicher Unbekümmertheit klar. „Ich habe mich darum bemüht, weil es die einzige Möglichkeit war, der Regierung die nötigen Milliarden für die Entwicklung des East Ends abzuringen – für Erdreichreinigung, Infrastruktur und Wohnungsbau.“

Das East End, der alte Arbeiterbezirk nördlich der Londoner Docks, liegt seit der Industrialisierung unter einem schweren Grauschleier. Er hat ein bisschen Goldstaub bitter nötig. Hier wurden nie, wie im feinen Westen, Laternen mit Krönchen verziert, sondern die Baulücken der Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs mit der Brutalo-Architektur der 60er-Jahre gefüllt. Von den fünf Olympic Boroughs, den Stadtvierteln rund um die Sommerspiele im Osten, ist Newham der strukturschwächste. „Wir sind eine arme Gegend“, sagt Newhams Ortsrat Richard Crawford.

Höchste Arbeitslosenquote in der Metropole

Die Arbeitslosenrate liegt bei 14,7 Prozent. Das ist die höchste Quote in der Metropole, fast doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt. 18?000 Menschen, sagt Crawford, hatten hier noch nie im Leben einen Job. 55 Prozent der Erwachsenen sprechen nicht Englisch zu Hause – auch das ist Londoner Rekord. Somit ist es kaum verwunderlich, dass Newham eine Hochburg der sozialdemokratischen Labour-Partei ist: Der erste unabhängige Labour-Abgeordnete, Keir Hardie, wurde 1892 in dieser Gegend, die damals offiziell South West Ham hieß, ins Parlament gewählt. Noch heute kommen alle 60 Bezirksräte , ohne Ausnahme, wie Crawford aus der Labour-Partei.

So genanntes Hot-Bedding ist in Newham noch verbreitet: Darunter versteht man ein Wohn-Arrangement, bei dem sich drei Leute, meist Wanderarbeiter aus allen Teilen der Welt, ein Einbettzimmer teilen. Weil billiger Wohnraum knapp ist, mieten die Männer den Raum nur stundenweise, abwechselnd zwischen ihren Arbeitsschichten.

Sozialdienste berichten zudem von Menschen, die – ein paar Kilometer von den milliardenteuren Olympiabauten entfernt – in Garagen, Geräteschuppen und leeren, abgeschalteten Industrieanlagen schlafen. Sogar die Lebenserwartung ist geringer als in anderen Vierteln, was East Ender, die über genug Sinn für makabre Scherze verfügen, sogar erheiternd finden. Ein Witz jedenfalls besagt, dass das maximale Lebensalter am U-Bahn-Verlauf der Jubilee Line abzulesen sei: Mit jeder Haltestelle Richtung Osten sterbe es sich ein Jahr früher.

Ob nun ausgerechnet die Olympischen Sommerspiele lebensverlängernd wirken, wird sich zeigen. Crawford jedenfalls ist sicher, dass die Ausrichtung des Mega-Ereignisses schon jetzt Vorteile mit sich bringt: Nicht nur die Nahverkehrsverbindungen wurde enorm ausgebaut. Am Eingang zum Olympiapark ist auch ein gläsernes, 600.000 Quadratmeter großes Einkaufszentrum mit 300 Geschäften entstanden. Der Komplex, Westfield Stratford City genannt, ist so raumgreifend, dass er eine eigene Postleitzahl hat.

Die neue Stadt in der Stadt war schon geplant, ehe London den Zuschlag für Olympia 2012 erhielt. Auf lange Sicht hofft der Lokalpolitiker Crawford, dass beides, Shopping und Spiele, das Image Newhams heben können. Denn bisher, sagt er, sei noch jeder, der es zu einigem Wohlstand brachte, wieder fortgezogen: „Wir waren immer ein Bezirk, der Armut importiert und Erfolg und Initiativen exportiert.“ Die Hoffnung ist nun, dass Bürger, auch wenn sie mehr verdienen, in Newham wohnen bleiben.

„Spaß-Epizentrum des Universums“

In den Dauerjubel der LOCOG-Olympiaplaner stimmt er trotzdem nicht so leicht ein. Ebenso wenig gehen ihm die Superlative von Londons Bürgermeisters Boris Johnson, dem Nachfolger des knurrigen Livingstone, über die Lippen. Johnson hat Großbritannien für die Dauer der Spiele, also vom 27. Juli bis 12. August, zum „Spaß-Epizentrum des Universums“ erklärt. „Deren Job besteht darin, optimistisch zu sein“, sagt Crawford trocken, „mein Job ist es, das Bestmögliche für die Leute hier zu erreichen.“

Oft ist das schwer genug. Was die Bürger in Newham erstens verstimmt, ist der Umstand, dass es keine gesonderten Olympia-Eintrittskarten für sie gab. Die Nachbarn mussten sich wie alle anderen Briten schriftlich beim Ticket-Losverfahren bewerben – oft genug ohne Erfolg. „Sie haben hier jahrelang den Baulärm, den Staub, den Beeinträchtigungen ertragen.

Und das vorherrschende Gefühl war: Es wäre schön gewesen, wenn man uns wenigstens gefragt hätte, ob wir auch zur Party kommen wollen“, erzählt Crawford. Die Gemeinde hat nun ein kleines Ticketkontingent gekauft, um es zumindest an verdienstvolle Mitbürger zu verschenken.

Zweitens sorgt der olympische Marathon für Unmut. Denn die Route wird nicht mehr, wie ursprünglich geplant, durchs East End führen, sondern zieht auf einem Rundkurs an den Sehenswürdigkeiten der Innenstadt vorbei. Start und Ziel sind am Buckingham Palast. Das LOCOG rechtfertigt die Verlegung mit Rücksicht auf den Verkehr.

Laut Crawford hat man wohl eher Rücksicht aufs Stadtmarketing genommen: „Man zeigt der Welt jetzt die hübschen Seiten von London und nicht das weniger hübsche East End.“ Dabei hat die Bezirksverwaltung selbst umgerechnet sechs Millionen Euro in Verschönerungsmaßnahmen investiert und beispielsweise vor die öden Fassaden am Bahnhofsvorplatz in Stratford eine Sichtblende aus im Wind tanzenden Metallfischen gehängt.

Doch die Frage ist, wie viele der Olympiatouristen im Sommer dafür überhaupt ein Auge haben. Siebzig Prozent der Ankömmlinge werden nämlich vom Bahnhof direkt durch die neue Shopping-Meile Westfield zum Olympiapark geschleust. Das Einkaufszentrum ist das „offizielle Shopping Centre von London 2012“ und als Einfallstor zu den Sommerspielen gedacht.

Es ist also wohl damit zu rechnen, dass die Besucher die Traumwelt von Luxusboutiquen wie Prada sehen, nicht aber unbedingt die reale Welt des 80-jährigen Ronald Harvey, der auf der anderen Seite des Bahnhofs steht und Rollmöpse, Krabben und eingelegten Aal vertreibt. Harvey, in Stratford geboren, verkauft seit 1954 Fisch und unterhält seit zwanzig Jahren einen Stand in der alten Kaufhalle von Stratford. Das Geschäft laufe schleppend, seit Westfield eröffnet wurde, sagt er. Mit olympischer Sonderkundschaft rechnet er nicht: „Die werden wohl eher auf der anderen Straßenseite bleiben.“

Fachkräfte dringend gesucht

Mit dem Zuschlag für die Ausrichtung eines 17-tägigen Sportspektakels verändert sich nicht schlagartig die Welt. Das ist ein Mythos, den höchstens noch IOC-Mitglieder und all jene, die vom Milliarden-Poker profitieren, verbreiten. Die Arbeitslosigkeit in Newham ging beispielsweise trotz siebenjähriger fieberhafter Bautätigkeit im Olympiapark nicht zurück, was für Außenstehende unerklärlich, für Lokalpolitiker aber nicht überraschend ist.

„Wir haben zu lange eine falsche Ausbildungspolitik in Großbritannien betrieben“, sagt der Labour-Politiker Crawford. „Es gab allgemeinen Konsens darüber, dass die Förderung von Zukunftsberufen wie IT-Technikern wichtig ist. Was wir hier tatsächlich brauchten, waren Elektriker, Installateure, Bauarbeiter oder Fachverkäufer.“ Als Personal auf den Olympiabaustellen gesucht wurde, gab es viel zu wenig örtliche Bewerber. Die Folge war, dass das Gros der Arbeitsplätze an auswärtige Fachkräfte ging.

Doch aus der Ausbildungsmisere hat man Konsequenzen gezogen. Inzwischen verfügt Newham über eine Berufsschule für Baufacharbeiter, und gemeinsam mit dem Einkaufszentrum Westfield bietet der Verwaltungsbezirk Aus- und Weiterbildungsprogramme für Verkaufspersonal an. Beschäftigungsbedarf wird es wohl auch in Zukunft reichlich geben. „Der Olympiapark war ein Weckruf“, sagt Crawford. „Uns stehen noch vierzig Jahre Stadtsanierung bevor.“

Und so bleibt das Urteil über den Segen der Spiele bis auf weiteres gespalten: Goldstaub für das graue East End, sagen die einen. Die anderen beklagen noch mehr Asphalt und Beton, der nur wenigen nutzt.

Am Regent’s Kanal, wo die Schwäne und Blesshühner vorbeiziehen, zeigt der Fotograf Mike Wells auf seinem Smartphone die Anlegestellen, die er im Sommer wohl notgedrungen aufsuchen muss, wenn er keinen Olympia-Obulus bezahlt. Aus London fortschippern aber wird er für die Dauer der Spiele auf seinem Hausboot nicht. Er, der zweimal im Namen Olympias vertrieben wurde, will das Spektakel mit seiner Kamera begleiten. Mit dem kritischen Blick eines schwimmenden Mannes.

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