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Olympiasieger Deutschland Was Hockeytrainer Weise erfolgreich macht

Mit Natürlichkeit und Mut zu Neuem ist Markus Weise der erfolgreichste Hockeytrainer des Jahrzehnts geworden. Dabei interessiert in Gold nur in Maßen.

11.08.2012 18:49
Ronald Reng
Natürlich geblieben: Markus Weise. Foto: dpa

An einem bewölkten Sonntag, als der Mannschaftsbus abfahrtsbereit vor dem Hockeystadion stand, ging Markus Weise alleine nach Hause. Auf dem olympischen Boulevard in London drängelten sich die Zuschauer, Sportfans in Känguru-Kostümen und mit Schimpansen-Masken kreuzten seinen Weg. Wie durch eine unsichtbare Schutzhaut isoliert ging er zwischen ihnen hindurch, die große Taktiktafel unter den Arm geklemmt. Die Anweisungen des Spiels waren schon verwischt. Alleine in der Masse, wanderte er ins olympische Dorf, um dabei über das Spiel nachdenken zu können. „Immer im Bus rum fahren, da wirst du ja blöd“, sagte er, bevor er wieder in Gedanken verschwand.

Auch im zehnten Jahr als Hockey-Bundestrainer hat sich Markus Weise seine Natürlichkeit erhalten. Er wurde auf seine Art der erfolgreichste Hockey-Trainer des Jahrzehnts. Er gewann 2004 in Athen mit dem deutschen Frauen-Team Gold, 2008 in Peking mit den Männern, und nun steht er mit ihnen schon wieder im olympischen Finale, am Samstag um 21 Uhr gegen die Niederlande.

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Es interessiert ihn nur in Maßen – das Gold. „Ich würde die Medaillen schon finden, wenn ich muss“, sagt er. Irgendwo in einer Kiste hat er sie verstaut. Mehr als Resultate jagt er als Trainer ein Gefühl. Diese stille Befriedigung, am Ende eines Turniers zu fühlen, die Mannschaft hat das Beste aus sich rausgeholt. Trainer wie er oder Josep Guardiola im Fußball, die vom Enthusiasmus getrieben werden, ein Team zu entwickeln, erreichen mehr als Titel. Sie bringen den Sport voran.

Traum von der mündigen Hockey-Mannschaft

Anders als der klassische Trainer, der, koste es, was es wolle, nur den Sieg sucht, schaffen sie Impulse, manchmal gar Trends. Alle Welt hat bemerkt, dass die Handlungsschnelligkeit das wichtigste Element in einem rasend schnell gewordenen Sport ist. Wie aber trainiert man das präzise Agieren unter Hochdruck? Weise lässt seine Spieler beim Torschusstraining gleichzeitig Rechenaufgaben lösen.

Immer wieder probiert er Neuerungen aus. Vor dem Halbfinale gegen Australien bat er das Team zur Besprechung in einen kalten, kahlen Sitzungsraum, um dem Unterbewusstsein absolute Arbeitsstimmung zu suggerieren. Gegen des Gegners Pressing gab er seiner Elf den „kippenden Fünfer“. Ein fünfter Spieler lässt sich in die Abwehr zurückfallen, um die Druckwelle des Gegners mit vielen Pässen zu umgehen. Ein jedes solcher Details ist wichtig. Und Markus Weise ist klug genug, nicht alle Details zu wichtig zu nehmen. „Du kannst dich bei Olympia auch zu Tode denken“, sagt der Trainer.

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Sein großer Traum ist die mündige Mannschaft. Es war die größte seiner wenigen Niederlagen, als er 2007, im ersten Jahr als Männer-Bundestrainer, erkennen musste, dass die Mannschaft mit seiner Idee vom Trainer als Erstem unter Gleichen nicht zurechtkam. Sie wurde damals EM-Vierter, so schlecht platziert wie nie, und Weise musste seufzend einsehen: „Manche Spieler brauchen Vorschriften.“

Weise ist kein Diktator

Ein Diktator ist er deswegen nicht geworden. Vor dem Halbfinale in London umarmte er jeden Spieler, wie sich sonst nur Spieler untereinander umarmen. Im Mannschaftsbus ist er sogar der ärmste Kerl. Die Spieler lassen seine Lieblingsmusik nur im äußersten Erfolgsfall zu. Markus Weise, ein Freund anspruchsvoller Literatur, hört am liebsten Krach, Punk-Bands wie Offspring.

Er ist spät, mit über vierzig Jahren, Vater zweier Töchter geworden. 50 wird er im Dezember, Olympia 2016, fühlt er, könnte ein Abschluss werden, aber andererseits, wie will er das heute wissen. Markus Weise wird das Ende, wie alles, mit Natürlichkeit angehen. In London wirkt er jugendlicher denn je. Vielleicht weil es eine Heimkehr ist. Vor gut 25 Jahren ging er, nachdem er Betriebwirtschaft studiert hatte, nach Edinburgh. Er lehrte Deutsch und spielte ein bisschen Hockey. Er entdeckte seine große Liebe: den britischen Humor. Er hat es auch darin zur Meisterschaft gebracht. Vor Olympia sollte er wieder einmal Hockey mit Fußball vergleichen, Markus Weise antwortete nur: „Der Unterschied? Im Hockey machen Kopfbälle nicht so richtig viel Spaß.“

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