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Olympia Der Sommer der Frauen

Olympia feiert einen besonderen Meilenstein. Zum ersten Mal sind in allen Ländermannschaften Frauen dabei. Isobel Cole vom US-Institut Council on Foreign Relations schildert in einem Gastbeitrag die erstaunliche Geschichte von Frauen bei Olympia.

26.07.2012 07:15
Isobel Coleman
Geballte Frauen-Power: das japanische Hockey-Team der Frauen bei seiner Vorstellung für die Olympia 2012.

Dies ist der Sommer der weiblichen Olympioniken. Zum ersten Mal wird jede Nation, die an den Wettbewerben teilnimmt, eine Frau in ihrem Team haben. Ein Meilenstein ist auch die Tatsache, dass die USA mehr Frauen als Männer nach London schickt. Selbst der konservative islamische Staat Saudi-Arabien erlaubt Frauen die Teilnahme. Wir sollten würdigen, dass es einen über hundertjährigen Kampf gebraucht hat, um bis zu diesem Punkt zu gelangen.

Bei der ersten modernen Olympiade 1896 waren Frauen noch vollständig von den Wettbewerben ausgeschlossen. Trotzdem entschied sich damals die Griechin Stamata Revithi, den Marathon mitzulaufen. Sie brauchte fünfeinhalb Stunden. (Revithi gehörte tatsächlich zur allervordersten Vorhut der Frauenwettläufer. Es sollte noch bis 1984 dauern, bis Frauen an olympischen Marathons teilnehmen durften.)

Im Jahr 1900 wurde die Britin Charlotte Cooper, eine Tennis-Spielerin, die erste Frau, die eine olympische Medaille errang. Doch auch danach ging der Streit um die Teilnahme von Frauen an den Spielen noch jahrelang in voller Härte weiter.

Judoka aus Saudi-Arabien

Pierre Coubertin, Gründungsvater der Olympischen Spiele, stellte sich gegen dem Vorschlag, Frauen zu einer größeren Zahl von Sportarten zuzulassen. Er beschrieb ihre Beteiligung als „unpraktisch, uninteressant, unästhetisch und unrichtig“. Zum Glück wurde er überstimmt; auf der ganzen Welt haben seither berühmte olympische Athletinnen die gängige Meinung über die Fähigkeiten von Frauen widerlegt und Millionen von Menschen inspiriert.

Doch erst in diesem Jahr wurde der Traum von der vollen Beteiligung von Frauen an den Olympischen Spielen wahr. Noch 1996 gab es 26 Ländermannschaften, bei denen keine einzige Frau dabei war. 2008 waren es nur noch drei Staaten: Brunei, Katar und Saudi-Arabien.

Bei Brunei erklärt sich das zum Teil daraus, dass das Land so klein ist. Auch zu den Spielen jetzt hat Brunei nur drei Sportler entsandt. Doch eine von ihnen ist die Hürdenläuferin Mazia Mahusin, die bei der Eröffnungsfeier die Flagge ihres Landes tragen wird.

Katar schickt drei Sportlerinnen: die Scharfschützin und Flaggenträgerin Bahija al-Hamad, die Sprinterin Nur al-Malki und die Schwimmerin Nada Arkadschi. "Dies ist ein Erfolg für jede Frau in Katar", sagte al-Hamad in einem CNN-Interview. "Ich hoffe, dass ich ihren Erwartungen gerecht werden kann." Bis vor kurzem sah es noch so aus, als ob Saudi-Arabien als letztes Land dabei bleiben würde, Frauen den Zugang zu Olympia zu verwehren. Doch nun werden die Judoka Wodian Ali Serasch Abdulrahim Schahrkhani und die Läuferin Sarah Attar teilnehmen.

Kopftuch mit Klettverschluss

Dass mehr Frauen an den Spielen teilnehmen, geht zum großen Teil auf die aktive Förderpolitik des Internationalen Olympischen Komitees zurück. Obwohl die Athletinnen aus Brunei, Katar und Saudi-Arabien sich technisch nicht für die Spiele qualifiziert hatten, lud das IOC sie ein. Das IOC verhandelte auch monatelang mit Saudi-Arabien, damit das Land Frauen zu den Spielen schickt. Dazu trug auch zusätzlicher internationaler Druck, vor allem von Human Rights Watch, bei.

Die Frauen, die bei Olympia dabei sind, sind eine eindrucksvolle Gruppe. Aber viele der Frauen, die es fast geschafft hätten, gehören ebenfalls zu den Wegbereitern. Dazu gehören die iranischen Fußballerinnen, die sich im vergangenen Jahr nicht für die Olympischen Spiele qualifizieren konnten, weil der Weltfußballverband Fifa Frauen nicht erlaubte, Kopftuch zu tragen. Die iranische Regierung wiederum wollte es ihnen nicht gestatten, ohne Kopftuch zu spielen.

Seither sind die offiziellen Regeln zwar geändert worden, auch weil der jordanische Prinz Ali bin Al Hussein, ein Mitglied des Fifa-Exekutiv-Ausschusses, sich dafür einsetzte, dass Frauen in Kopftüchern Fußball spielen dürfen. In den Niederlanden wurde zudem ein Kopftuch entworfen, das mit einem Klettverschluss festgemacht wird, sodass sich niemand sich mehr um die Sicherheit der Sportlerinnen sorgen muss. Dennoch – die leidenschaftlichen Fußballerinnen aus dem Iran werden dieses Jahr keine Chance haben, am Wettbewerb teilzunehmen.

Allerbeste Athleten

In Irans Nachbarland Afghanistan hatte Sadaf Rahimi gehofft, ihr Land als erste Boxerin vertreten zu dürfen. Sie boxt zwar nicht auf olympischem Niveau, bekam aber eine Sondereinladung des IOC, genau wie die saudischen Sportlerinnen. Wäre es einer afghanischen Frau wirklich gelungen, alle kulturellen und religiösen Hindernisse zu überwinden, um an diesem Wettbewerb teilzunehmen, hätte das eine enorme symbolische Bedeutung gehabt. Doch vor kurzem untersagte der Internationale Boxverband ihre Teilnahme, weil er fürchtete, sie könnte im Wettbewerb gegen sehr viel bessere Gegnern verletzt werden. Trotzdem dient ihre Geschichte als Ansporn.

In den nächsten Wochen werden Frauen, unabhängig von ihrer Religion, ihrer Nationalität oder ihrer Bekleidung, körperliche Meisterleistungen vollbringen, die nur den allerbesten Athleten möglich sind. Zwar gibt es immer noch zu viele Länder, in denen die Teilnahme von Sportlerinnen stigmatisiert und umstritten bleibt. Doch die weiblichen Olympioniken werden diese Wirklichkeit Schritt um Schritt ändern. Für alle Frauen seit Stamata Revithi im Jahr 1896, die um ihre Teilnahme an den Olympischen Spielen gekämpft haben, ist endlich die Zeit gekommen.

Übersetzung: Bettina Vestring. Veröffentlicht mit Erlaubnis von CFR.org. Für weitere Analysen zur Außenpolitik, besuchen Sie www.cfr.org/?cid=otr-partner_site-redaktion

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