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Olympia 2012 Medaillenspiegel Das Drama der Lilli Schwarzkopf

Was für ein Nervenkrieg: Erst wird die Siebenkämpferin Lilli Schwarzkopf disqualifiziert, dann überlegt es sich die Jury doch nochmal anders - sie bekommt die Silbermedaille.

06.08.2012 00:30
Susanne Rohlfing
Banges Warten: Lilli Schwarzkopf nach dem 800-Meter-Rennen. Foto: dapd

Es hätte der größte Moment in ihrem Leben sein sollen, aber da war zunächst nur Verwirrung. Dann Entsetzen, Fassungslosigkeit, Wut. Schließlich Erleichterung und noch ein bisschen Hysterie. Lilli Schwarzkopf machte die volle Bandbreite an Emotionen durch, bevor sie sich endlich der Freude über olympisches Silber im Siebenkampf widmen konnte.

Für die 28-jährige Siebenkämpferin von der LG Rhein Wied war am Samstagabend eine achte Disziplin hinzugekommen. Sie fand nicht im Scheinwerferlicht unter den Augen von 80?000 Zuschauern statt, sondern irgendwo in den Katakomben des Londoner Olympiastadions – in einem Videoraum. Es ging nicht um eine weitere körperliche Höchstleistung, sondern um einen mentalen Härtetest. Die Frage war: Welcher Fuß gehört hier zu wem?

Zunächst einmal war der Siebenkampf so ausgegangen, wie es sich das Publikum gewünscht hatte. Die Britin Jessica Ennis siegte überlegen. Es war, als sei sie zwei Tage lang von der Wärme und Begeisterung der Zuschauer getragen worden. Sie kam auf von ihr noch nie erreichte 6?955 Punkte, und als sie nun die Kolleginnen mit sich zog auf die Ehrenrunde, folgten ihr alle brav. Doch sie war die einzige mit Flagge, denn niemand wusste, wer Zweiter und Dritter geworden war. Die riesigen Anzeigetafeln im Olympia-Stadion zeigten nichts an. Der Sprecher sprach nicht. Lilli Schwarzkopf, die so schnell gerannt war, und die wusste, dass es gereicht haben könnte, blickte verwirrt um sich.

Der Körper bedankt sich

Lilli Schwarzkopf ist zum zweiten Mal bei Olympischen Spielen dabei, vor vier Jahren wurde die Sportstudentin Achte. Ihren bislang größten Erfolg feierte sie bei der Europameisterschaft 2006 in Göteborg mit der Bronzemedaille. Lilli Schwarzkopf wurde in Kirgisien geboren und kam 1990 mit ihren Eltern als Spätaussiedlerin nach Deutschland, trainiert wird sie von ihrem Vater Reinhold.

Bei der Heim-WM 2009 in Berlin erlebte sie ihren sportlichen Tiefpunkt, sie musste nach drei Disziplinen verletzungsbedingt aufgeben. Im Jahr darauf gönnte sie sich eine Auszeit und konzentrierte sich ganz auf ihr Studium. Bei der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr wurde sie Sechste, stand aber noch im Schatten der Leverkusenerin Jennifer Oeser, die nach Silber 2009 diesmal Bronze gewann.

In London jedoch war Oeser nach Verletzungssorgen in der Vorbereitung geschwächt angetreten und fiel schnell zurück. Über 800 Meter musste sie nach 300 Metern mit Muskelkrämpfen aufgeben. Sie wurde mit 5?455 Punkten 30., Julia Mächtig aus Neubrandenburg landete mit 5?338 Punkten noch einen Rang dahinter. Schwarzkopf dagegen gelang, was sie später den Siebenkampf ihres Lebens nennen sollte. 6?649 Punkte, persönliche Bestleistung, Platz zwei hinter Ennis. „Die Auszeit hat sich gelohnt, mein Körper dankt es mir in dieser Form“, sagte sie. Aber das war, als die Aufregung sich gelegt hatte und nur noch an ihrem geröteten Gesicht und den immer wieder aus ihr herausbrechenden hysterischen Lachsalven zu erkennen war.

Zu müde für britischen Humor

Zunächst ging es so weiter: Als die Athletinnen auf ihrer Ehrenrunde an der zweiten Kurve angekommen waren, wurde endlich der Gesamtstand eingeblendet. Da wurden Tatjana Tschernowa (6?628 Punkte) aus Russland und Ludmilla Josipenko (6?618) aus der Ukraine auf den Plätzen zwei und drei hinter Ennis aufgeführt – und Lilli Schwarzkopf tauchte gar nicht auf. Was dann geschah, fasste sie bei einem Soloauftritt vor um sie gescharten Journalisten zusammen, den kein Theaterregisseur besser hätte inszenieren können. Das war Tragödie, Seifenoper, Komödie. Alles auf einmal.

Lilli Schwarzkopf erzählte später, wie es ihr ergangen war: „Ich habe mich auf dem Tableau nicht gesehen. Also habe ich beim Schiri nachgefragt, was da los ist, dann beim nächsten, beim dritten, beim vierten. Dann sagte eine Britin, ich hätte auf die Linie getreten. Ich: Sie scherzen wohl. Sie: Doch, doch, gleich am Anfang in der Kurve. Ich: Das müssen Sie mir zeigen. Hin und her, hin und her, tiger, tiger, tiger, dann sind wir doch zum Fernsehraum gegangen. Da konnte ich die Aufnahmen sehen, die eine Sekunde, da ist der Fuß – aber es ist nicht meiner. Oh mein Gott. Es ist nicht meiner, und es ist nicht meine Bahn. Ich denke, das ist eine schöne Art des britischen Humors, die ich nach zwei Tagen aber wirklich nicht verstehe, dafür bin ich einfach nervlich viel zu platt.“

Schließlich gelangte Lilli Schwarzkopf wieder in den Innenraum des Stadions. Sie war um ihre Ehrenrunde gebracht worden, aber die 80?000 Zuschauer waren noch da, sie warteten auf die Hymne für ihre Siebenkampf-Olympiasiegerin Jessica Ennis.

Lilli Schwarzkopf konnte die Kulisse noch einmal genießen, sie bekam endlich ihre Silbermedaille – und erst in diesem Moment begriff sie endgültig: Nicht ihr Fuß, aber ihr Silber. Ein Happy End und doch noch Freude pur.

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