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IOC Ein kühler Netzwerker

Im September 2013 wird wird der Nachfolger von Jacques Rogge als Präsident des Internationalen Olympischen Komitees gewählt. DOSB-Boss Thomas Bach galt bisher als aussichtsreichster Kandidat für dieses Amt.

25.07.2012 18:19
Grit Hartmann und Jens Weinreich
Geflüster: Fifa-Boss Joseph Blatter (l.), DOSB-Chef Thomas Bach. Foto: dapd

Und nun zum Geschäftlichen. Davon verstehen die Olympier sehr viel. „Unsere finanziellen Reserven“, sagte Jacques Rogge, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) auf der Vollversammlung im noblen Grosvenor House, „sind auf 558 Millionen Dollar angewachsen“. Inzwischen ist der Olympiakonzern in der Lage, den Ausfall von Olympischen Spielen zu überstehen. Moralische Fragen aber werden gern umschifft. Warum das IOC bei der Eröffnungsfeier der Sommerspiele am Freitag in London partout keine Schweigeminute für die Opfer des Olympia-Attentats von 1972 einlegen will, wurde bisher nie überzeugend begründet.

PR-Aktion im Athletendorf

Das Thema wird weltweit diskutiert. Überraschend hat Rogge am Montag im Athletendorf in kleinem Kreis eine Schweigeminute zum Gedenken an die elf Israelis abgehalten, die bei den Spielen in München vor 40 Jahren von palästinensischen Terroristen ermordetet wurden. Eine „spontane Aktion“ sei das gewesen, sagte der Belgier handverlesenen Medienvertretern. „Die israelischen Athleten haben das verdient.“

Nur etwa 100 Zuhörer ? Offizielle, einige Sportler und ausgewählte Reporter – waren Zeuge, als Rogge bei einer Zeremonie, die eigentlich der olympischen Waffenruhe gewidmet war, ein paar Worte für den Terrorakt fand und dann um Stille bat. Die Kontroverse hat das kaum befriedet. „Wir haben um eine Schweigeminute bei der Eröffnungszeremonie gebeten“, kommentierte Ankie Spitzer, die Frau des 1972 ermordeten Fechttrainers André Spitzer, „nicht darum, dass jemand etwas vor ein paar Dutzend Menschen murmelt.“

Ankie Spitzer hat mit anderen Hinterbliebenen mehr als 100.000 Unterschriften gesammelt für diese 60 Sekunden bei der Eröffnungsfeier vor einem TV-Publikum von rund vier Milliarden Menschen. Spitzenpolitiker aus aller Welt, auch US-Präsident Barack Obama und der deutsche Außenminister Guido Westerwelle, schlossen sich dem Begehr an. Bewirkt hat das nichts – außer jener PR-Aktion, die das IOC am Montag abzog.

Niemand möchte zitiert werden

Offiziell hält das IOC die Eröffnungsfeier für „keinen geeigneten Anlass für ein Gedenken an diese tragische Tat“. Im Frühjahr, bei einer Privataudienz für Spitzer, war Rogge deutlicher. Ihm seien „die Hände gebunden“, zitierte die Witwe gegenüber mehreren Medien aus dem Gespräch – und zwar wegen der arabischen und muslimischen IOC-Mitglieder (wohl 17) und Staaten (46). „Nein“, hat Spitzer zu Rogge gesagt: „Die Hände meines Mannes waren gebunden. Ihre sind es nicht.“

Insofern war es irritierend, dass Thomas Bach, IOC-Vize und DOSB-Präsident, die arabischen IOC-Mitglieder erneut ins Spiel brachte. Ein „Boykott der arabischen Staaten könnte eine Auswirkung sein nach Ansicht vieler“, sagte Bach der Deutschen Welle. Kurz darauf ruderte er zurück. Das sei nicht richtig, behauptete Bach nun: „Ich habe mich im Gegensatz davon distanziert.“ Bach verwies auf Rogges Impromptu-Schweigen und nannte das „eine würdige Form“.

Die eigentliche Frage war: Warum hat Bach überhaupt von einem Boykott und der angeblichen „Ansicht vieler“ gesprochen? Hört man sich um im IOC, so kommt als Antwort meist ein Grinsen. Es möchte niemand zitiert werden. „Es ist Wahlkampf, wissen Sie“, sagt einer, dem selbst Ambitionen nachgesagt werden. Im September 2013 wird Rogges Nachfolger gewählt. Bach galt bisher als aussichtsreichster Kandidat, auch wenn derzeit das Momentum für einen Nicht-Europäer spricht. Es sieht doch sehr danach aus, als ob der Deutsche mit der Boykott-Warnung seinen Wahlkampf gestartet hat, wie man es von ihm erwartet hat – mit einer Finte und als kühl berechnender Netzwerker: Denn Bach zählt, wie immer in seiner IOC-Karriere, auch 2013 auf das Stimmenpaket aus dem arabischen Raum.

Bach beruft sich auf sogenannte „vielfältige Lebenssachverhalte“

Zu den Golfmonarchen hat der Wirtschaftslobbyist auch geschäftlich enge Beziehungen. Die Tauberbischofsheimer Weinig AG, deren Aufsichtsrat Bach vorsitzt, ist in der Hand kuwaitischer Investoren. Eines der mächtigsten und skandalumwitterten IOC-Mitglieder ist Scheich Al-Sabah aus Kuwait, einst Opec-Präsident, Energieminister und gerade Mitglied im IOC-Exekutivkomitee geworden.

Eine Verquickung beruflicher Interessen mit dem IOC-Ehrenamt weist Thomas Bach stets von sich. Ob in den Fällen Siemens oder Holzmann, für die er als Lobbyist fürstlich verdient hat, stets berief er sich auf sogenannte „vielfältige Lebenssachverhalte“. Indes stellen sich immer wieder neue Fragen. Denn Bach ist auch Präsident der Ghorfa, der Arabisch-Deutschen Vereinigung für Handel und Industrie e. V. Sie untersteht der Generalunion der arabischen Handelskammern. Auch deshalb sind seine Äußerungen zur Schweigeminute problematisch. Israel-Kritik gehört bei Ghorfa-Veranstaltungen zum Repertoire, wie etwa beim diesjährigen Wirtschaftsforum des Vereins im Berliner Ritz Carlton.

Bachs Ghorfa profitiert kräftig von einer seit langem umstrittenen israelfeindlichen Maßnahme – von der sogenannten Vorab-Legalisierung deutscher Exporte in die Golfstaaten. Weil angeblich erst dann das Geschäft läuft, lassen Unternehmen bei der Ghorfa (Eigenwerbung: „Ihre Brücke in den arabischen Raum“) ihre Papiere abstempeln. Ein Stempel kostet 18 Euro; er bestätigt, dass die Lieferanten keine Unternehmenstöchter in Israel haben und kein Teilchen ihres Produkts aus Israel stammt. Ghorfa-Generalsekretär Abdulaziz al-Mikhlafi teilt auf Anfrage dieser Zeitung mit, was die Stempelei, offiziell „Legalisierungsservice“, für 20 Länder einbringt: Mehr als 900?000 Euro im letzten Jahr, knapp 42 Prozent der Einnahmen des Vereins.

Als Service wird die Legalisierung nur noch von wenigen bezeichnet

Als „Service“ wird die Legalisierung – vor fast 40 Jahren als Instrument im Handelsboykott der Arabischen Liga gegen Israel weltweit etabliert – nur noch von wenigen bezeichnet. Eher als Abzocke. Der in Berlin ansässige Nah- und Mittelostverein (Numov), der im Gegensatz zur Ghorfa auch Israel zu seinen Mitgliedern zählt, verbreitet gar in einem Offenen Brief, die Ghorfa habe für die Legalisierung „keinerlei Grundlage oder Berechtigung“. Mit Bachs olympischem Dasein scheinen solche Geschäfte ohnehin nicht vereinbar zu sein. Vor allem, wenn er sich in diesen Tagen gleichzeitig als Gegner der Schweigeminute outet.

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