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Hockey Gold Olympia So feiern die Hockey-Olympiasieger

Die deutsche Hockey-Nationalmannschaft gewinnt Olympia-Gold mit Klasse – und Menschlichkeit. Das zeigt das Team von Bundestrainer Markus Weise auch dann, wenn es ums Feiern der Goldmedaille geht. Unser Autor war bei der ersten Etappe der Feier dabei.

12.08.2012 16:51
Ronald Reng
Die Hockey-Nationalmannschaft um Doppeltorschütze Rabente feiert den Olympiasieg ausgelassen. Foto: dapd

Die deutsche Hockey-Nationalmannschaft gewinnt Olympia-Gold mit Klasse – und Menschlichkeit. Das zeigt das Team von Bundestrainer Markus Weise auch dann, wenn es ums Feiern der Goldmedaille geht. Unser Autor war bei der ersten Etappe der Feier dabei.

Eine Olympiahelferin steigt in den Bus M-311: Die Abfahrt werde sich leider etwas verzögern. Bus M-311 des olympischen Transportsystems bringt jeden Tag Journalisten vom Olympiagelände zu ihren Hotels in den Londoner Docklands. Die Helferin erklärt, sie würden noch auf die deutsche Hockey-Nationalelf warten, die gerade Gold gewonnen hat. Mit dem Journalistenbus geht es am Schnellsten ins Deutsche Haus, das die Hockey-Spieler als erste Station für die Siegesfeier auserkoren haben. Die Fahrt geht los.

„Nee, hör auf!“

„Was essen wir am Morgen?“, brüllt der Verteidiger Timo Wess. „Gulasch!“, antwortet das Team. „Was essen wir am Mittag?“ – „Gulasch!“ Der Stürmer Christopher Wesley unterbricht die Gesänge. „Mensch, Max, du hattest während Olympia nur eine einzige Aufgabe und die kriegst du nicht hin“, ruft er dem Kapitän Max Müller zu. Zigaretten zu besorgen, meint Wesley. Von hinten singt schon wieder Timo Wess: „Erster Fußball-Club Köööln!“ Diesmal allerdings erntet er nur ein „Nee, hör auf!“. Der Angreifer Matthias Witthaus beruhigt die Journalisten an Bord: „Ist ein ganz normales Wochenende.“

Tatsächlich war es ein im Leistungssport längst verloren geglaubtes Stück Normalität, dass Olympiasieger – wie die deutsche Hockey-Nationalelf am Samstagabend – einfach in den nächstbesten Bus steigen, um feiern zu gehen. In einer Olympiawelt, in der viele Siege nur noch mit Trainingsregime von Kindheit an und Doping möglich zu sein scheinen, ist der deutsche Hockey-Sieg ein Triumph des menschlichen Spitzensports.

Alles im Fluss

Auf selbstverständliche Art verbinden die Nationalspieler so Beruf und Sport. Christopher Zeller, ihr Begabtester, ließ 2010 schon mal die WM sausen, weil er für das Jurastudium pauken musste. Trotzdem sind sie, was Fitness, Taktik und Balltechnik betrifft, mindestens auf dem Niveau jeder anderen deutschen Ballsport-Nationalelf.

Sie nutzen den vermeintlichen Nachteil, dass Hockey nur am Rande interessiert. Weil die Hockey-Bundesligaklubs allenfalls symbolische Gehälter zahlen, können sie sich auch nicht beschweren, dass Bundestrainer Markus Weise die Spieler in Olympia-Jahren für hundert Tage sammelt. Der Handball-Bundestrainer dagegen sehe sein Team fünf Tage vor einer WM, sagt Weise, wie solle da etwas Zusammenhängendes entstehen?

Auch die fehlende öffentliche Aufmerksamkeit findet Weise großartig. Er betrachtet sie als himmlische Ruhe. Er kann so noch wirklich ein Team entwickeln. Was dabei herauskommt, war am Samstag beim 2:1-Sieg im Olympiafinale über die Niederlande zu beobachten.

Aus dem Nirgendwo

Sie griffen zu neunt an – zehn Sekunden später verteidigten sie zu elft. Hockey hat in den vergangenen Jahren noch einmal eine rasante Entwicklung genommen. Wo bei Olympia 2008 noch viele Teams mit wartenden Abwehrreihen statisch verteidigten, erledigten die Deutschen in London alles im Fluss, vor und zurück, so griffen sie viel an und ließen den Niederländern doch keinen Raum für deren gefürchtete Konter.

Und dann kam Jan-Philipp Rabente aus der Tiefe des Nirgendwo. Er hatte nach einem Dribbling so viel Schwung, dass er über die Torauslinie rannte. Rabentes Schuss hatte der Torwart abgewehrt, der Ball war weiter im Spiel, nur Rabente war für einen Moment im Aus. Als er gerade wieder das Spielfeld betrat, landete ein Pass vor seinen Füßen. Er schoss ihn zum Siegtreffer ein, nachdem er schon das 1:0 mit einem waghalsigen Dribbling markiert hatte. Rabente schießt als defensiver Mittelfeldspieler eigentlich nie Tore. Es passte, dass er der Mann des Finales wurde.

Diese Mannschaft hatte während des Turniers so viele entscheidende Spieler, dass niemand einen Besten nennen könnte. Zehn der 16 Spieler hatten bereits in Peking 2008 Gold gewonnen, für Trainer Weise war es nach der Sensation von Athen 2004 mit den deutschen Frauen gar der dritte Olympiasieg bei den dritten Spielen.

Berauscht vom Erfolg - und Alkohol

Wenn es nicht mehr besser werden kann, hören viele auf, Max Weinhold, der lässige Torwart, Philipp Zeller und Timo Wess haben ihr letztes Länderspiel gespielt. „Von mir aus können alle aufhören“, sagte Weise, was keine Aufforderung war, sondern nur ausdrücken sollte, dass er - komme, was wolle – bis Rio 2016 weiter machen möchte. Er findet seine wahre Erfüllung darin, ein Team zu bauen.

Früher als Weise ahnte, war er wieder als Erzieher gefragt. Vom Sieg und Alkohol berauscht, geriet die Goldparty am frühen Morgen auf der letzten Station, der MS Deutschland im Londoner Hafen, außer Kontrolle. Spieler tanzten auf Roulettetischen, Mobiliar zerbrach. Eine Elf, die das Humane im Spitzensport verweilen lässt, hat auch sehr menschliche Schwächen.

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