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Historischer Rückblick Erstaunliche Momente bei Olympia in London

Die englische Polizei gewinnt das Tauziehen, das Schwimmbad ist mit im Stadion und beim 400-Meter-Finale tritt nur ein Läufer an. Wenn in London Olympische Spiele anstehen, sind erstaunliche Momente sicher. Eine Rückschau über die legendären englische Spiele.

26.07.2012 18:13
Christoph Albrecht-Heider
Fanny Blankers-Koen dominierte 1948 die Spiele. Hier gewinnt sie die Staffel über 400 Meter. Weitere drei Medaillen räumte sie in anderen Disziplinen ab. Foto: dapd

Sir Arthur Conan Doyle ist enttäuscht. Jetzt hat das Olympia-Komitee so ein gewaltiges Stadion bauen lassen, doch seine Landsleute bleiben weg. 20.000, wenn‘s hoch kommt, sitzen im White-City-Stadion im Londoner Stadtteil Shepherd’s Bush. Doyle, ein großer Sportfan, appelliert in Zeitungen an die Londoner, sich doch bitte schön die Olympischen Spiele anzuschauen. Die Besucherzahlen steigen alsbald, allerdings wohl weniger dem Sherlock-Holmes-Autor zuliebe, sondern weil das Komitee die Eintrittspreise halbiert.

So was wie das White-City-Stadion hat die Welt noch nicht gesehen. In neunmonatiger Bauzeit ist ein Oval entstanden, das die Bühne für den Großteil der wichtigen Olympia-Wettbewerbe 1908 bildet. Es bietet 68.000 Zuschauern Platz. Sie haben eine 603 Meter lange Radrennbahn aus Beton mit überhöhten Kurven vor sich, darunter sechs Aschebahnen für die Läufer. Im Innenraum fliegen Speere und Hämmer, wird Fußball und Hockey gespielt, geturnt – und geschwommen. Vor eine Tribüne haben die Bauarbeiter das olympische Becken aus Beton gegossen. Der Turm fürs Kunstspringen lässt sich platzsparend einklappen.

Schummelnde Schiedsrichter

Am Montag, 13. Juli 1908 erhebt sich König Edward VII. in seiner königlichen Stadion-Loge und spricht die Formel: „I declare open…“ Die IV. Olympischen Spiele können beginnen. Sie gelten als die ersten, die ihren Namen verdienen. Nach der Athener Premiere von 1896 waren die Spiele von Paris (1900) und St. Louis (1904) noch ein Sammelsurium sportlicher, auch kurioser Wettbewerbe wie Ballonfliegen und Krocket, die sich da wie dort zwischen den Attraktionen der parallel laufenden Weltausstellungen verloren.

Auch in London trauen sich die Ausrichter nur im Rahmen einer Publikumsschau an Olympische Spiele. Das White-City-Stadion liegt auf dem Gelände der Französisch-Britischen-Ausstellung, einer Mischung aus Messe und Rummel. Deren Organisatoren strecken die 44.000 Pfund für den Stadionbau vor und bekommen dafür unter anderem zwei Drittel der Ticketeinnahmen. Tennis läuft in Wimbledon (wie auch 2012), gerudert wird auf der Themse in Henley (wie auch 1948), gesegelt vor der Isle of Wight.

Der große Rest der Wettbewerbe geht im Stadion vonstatten. Zwar dauern die Spiele offiziell von Ende April bis Ende Oktober, aber in den Kernsportarten wie Leichtathletik, Schwimmen, Radsport, Turnen fallen alle Entscheidungen in der zweiten Juli-Hälfte im Stadion. Die räumliche und zeitliche Konzentration ist ein großer Fortschritt.

USA wittern Skandal

Was sich in der Arena aber abspielt, halten die größten sportlichen Konkurrenten der Briten, die USA, für einen fortgesetzten Skandal. James E. Sullivan, Teamchef der US-Mannschaft, telegrafiert nach Ende der Spiele an Präsident Theodore Roosevelt: „Die Olympischen Spiele haben die freundlichen Beziehungen zwischen Amerikanern und Engländern nicht verbessert.“

US-Cheftrainer Mike Murphy wird deutlicher: „Englische Schiedsrichter haben uns beraubt, wann immer sie konnten.“ In US-Zeitungen ist vom „Mob“ auf den Rängen die Rede. Die Briten ihrerseits regen sich über Murphy auf, der irischer Abstammung ist (die Iren müssen 1908 gegen ihren Willen noch unter dem Union Jack starten) und mindestens einmal pro Tag Protest einlegt.

90 Jahre später wird der deutsche Olympia-Experte Karl-Adolf Scherer im offiziellen Geschichtswerk des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) urteilen: „1908 war das olympische Fest des Britischen Empire, das die USA noch als Kolonie betrachtete und die Gäste aus Skandinavien und Deutschland wie Parvenüs behandelte, denen man den eigenen sportlichen Adel vorhielt.“

London macht die Regeln

Ständiger Zoff gehört zu den Geburtswehen der olympischen Bewegung. Die Organisation der Spiele, die Auswahl der Wettbewerbe, all das folgt noch nicht Vorgaben des IOC, sondern obliegt dem Veranstalter. Die Briten stellen 1908 auch die Schiedsrichter ? Unparteiische wäre das falsche Wort ? und formulieren die Regeln.

Immerhin gibt es welche. Im Tauziehen zum Beispiel, einem damals populären Wettkampf, schreiben die Engländer normales Schuhwerk vor. Das beherzigen die Amerikaner. Das englische Polizeiteam auf der anderen Seite des Seils trägt aber schwere, mit Nägeln beschlagene Stiefel. Ein Ruck, und die Amerikaner liegen flach. Sie protestieren und sparen sich, wie auch die Schweden, weitere Vergleiche mit Teams von der Insel, nachdem ihnen die englischen Kampfrichter erklärt haben, englische Polizisten trügen immer solche Stiefel, alles regelkonform also. Das Tauziehen der Olympischen Spiele 1908 gewinnt infolgedessen die Londoner Stadtpolizei vor der Liverpooler Polizei und der Polizei des Großraums London.

Ein Läufer im 100-Meter-Finale

Der britisch-amerikanische Kleinkrieg kulminiert im 400-Meter-Lauf. Die Engländer, die knapp ein Drittel der 2.000 Olympia-Teilnehmer stellen, räumen zwar mit Abstand die meisten Medaillen (145) und Goldmedaillen (47) ab, aber in der Leichtathletik – schon damals die Kernsportart der Spiele – sind ihnen die Athleten aus der Neuen Welt über. Unter den 23 Ländern stellen die 122 amerikanischen Sportler das viertgrößte Kontingent; nach den 737 Briten, 215 Franzosen und 172 Schweden. In der Leichtathletik aber holen die USA doppelt so viele Medaillen wie die Gastgeber.

Im Finale über 400 Meter sieht sich der englische Leutnant Wyndham Halswelle den US-Amerikanern John Carpenter, William Robbins und John Taylor gegenüber. Man kennt noch keine Bahnen, jeder läuft dort, wo Platz ist; ein bisschen gedrängelt wird immer. Carpenter gewinnt, doch das Zielband kann er nicht durchreißen, das hat ein englischer Kampfrichter vor ihm getan. Carpenter soll Halswelle behindert haben, der Lauf wird für ungültig erklärt. Die Briten setzen die Neuauflage zwei Tage später an. Die Amerikaner gehen aus Protest nicht an den Start. Halswelle läuft allein: Gold für England.

Drama im Marathon

Gegen Ende der Spiele ist Sir Arthur Conan Doyle wieder mit von der Partie. Er berichtet für die Daily Mail über den Marathon-Lauf und hat damit das journalistische Glück, über eines der größten Dramen der olympischen Geschichte schreiben zu dürfen. Der italienische Bäckereiangestellte Dorando Pietri stellt sich mit weiteren 74 Männern im Park von Schloss Windsor an den Start. Mit den Spielen von 1908 bekommt die Marathon-Strecke, die man bis dahin mit ungefähr 40 Kilometern ausmaß, ihre bis heute feste Länge. Vom Ostflügel des Schlosses bis zum Ziel vor der königlichen Loge im Stadion, von Königs zu Königs also, waren es genau 26 Meilen und 385 Yards, oder 42,195 Kilometer.

Pietri kommt mit Vorsprung ins ausverkaufte Stadion, ist allerdings völlig ausgepumpt. Er läuft in die falsche Richtung, kehrt um, fällt hin, steht auf, fällt hin, steht auf. Fünfmal bricht er zusammen, ehe er von Helfern über die Ziellinie geschoben wird. Das ist zwar unstrittig verboten, weshalb Gold korrekterweise an den Zweitplatzierten geht, den US-Amerikaner John Hayes. Doch Pietri wird der Held der Spiele. Königin Alexandra tröstet ihn mit einem Goldpokal; Schriftsteller Doyle organisiert eine Spendensammlung für den Italiener.

Dieser Lauf, in Zeitungen ausführlich beschrieben, macht die Olympischen Spiele weltweit populär. Pietri war übrigens der beste Langstreckenläufer seiner Zeit. Er verdiente nach den Spielen viel Geld mit Marathons, wobei er unter anderem in den USA Olympiasieger Hayes zweimal besiegte.

Nachkriegsspiele werden zum Highlight

40 Jahre später wird bei den zweiten Olympischen Spielen in London wieder der Marathonlauf im Mittelpunkt stehen, wird es wieder ein Drama geben.
Die Spiele sind längst ein Fixpunkt im Sport-Kalender geworden, ihr Ablauf ist von Zufälligkeiten bereinigt. Und doch sind es 1948 besondere Spiele, so kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs. London ist eine in Teilen von deutschen Bombern zerstörte Stadt. Lebensmittel gibt es auf Marken. Britische Blätter schreiben, die Menschen hätten andere Sorgen, man solle das Geld lieber in den Wiederaufbau der Stadt stecken. Labour-Premier Clement Attlee legt sich fest: Subventionen des Staates wird es nicht geben. Am Ende erwirtschaften die Organisatoren bei Ausgaben von 732.000 Pfund tatsächlich einen Überschuss von 15.000 Pfund.

„The Austerity Olympics“ betitelt die britische Autorin Janie Hampton ihr Buch über Olympia 1948 in London. Detailliert beschreibt sie das Sparprogramm der Veranstalter. Es beginnt schon bei der Wahl des Olympia-Stadions. Das Wembley-Stadion ist damals eine privat betriebene Arena für Windhund-Rennen. 14 Tage vor Beginn der Spiele werden mit 800 Tonnen Asche Laufbahnen für die Leichtathleten angelegt; zwei Wochen nach Ende der Spiele rasen wieder Greyhounds durch die Kurven.

Deutschland und Japan nicht eingeladen

Finnen und Schweden spenden den Holzboden für die Sporthalle, einige Mannschaften bringen Turngeräte wie Seitpferd und Barren mit; Basketbälle, Segel-Boote, die Pferde für den Modernen Fünfkampf werden nach Ende der Spiele verkauft. Das Essen für die britischen Olympia-Teilnehmer ist wie für alle Briten rationiert. Anonyme Spender schicken den Athleten Fresspakete. Das olympische Feuer wird nachts runtergedimmt, um Gas zu sparen. Politisch entschärft werden die Spiele dadurch, dass Sportler aus Deutschland und Japan nicht eingeladen werden. Die Russen wollen eigentlich kommen, sagen aber ab.

Die „fliegende Hausfrau“

Der große Star der Spiele von 1948 wird eine Athletin. 40 Jahre zuvor, bei den ersten Spielen in London, waren Frauen zu Schaustücken degradiert wie die Däninnen und Britinnen, die in gegürteten Kleidern „ein hübsches Pferdturnen mit tadellosem Hocken und recht guten Niedersprüngen und Abgängen“ zeigten. Um Gold ging es für Damen in langen Röcken, Bluse und Hut damals nur in den Upper-Class-Sportarten Tennis und Bogenschießen.

1948 aber gehört Olympia der „fliegenden Hausfrau“. Die Leichtathletin Fanny Blankers-Koen, schon 1936 als Teenagerin in Berlin dabei, hätte die Spiele 1940 und 1944 dominiert, die wegen des Krieges abgesagt wurden. In London ist die Mutter zweier Kinder bereits 30 Jahre alt – und gewinnt Gold über 100 Meter, 200 Meter, 80 Meter Hürden und mit der niederländischen Sprintstaffel. Wenn das Reglement nicht die Starts auf maximal drei Individualwettbewerbe beschränkt hätte, womöglich hätte die „fliegende Hausfrau“ auch noch Weit- und Hochsprung gewonnen. Sie, der auch Männer aus dem eigenen Land empfohlen hatten, sie möge doch besser daheim bleiben und sich um ihre Kinder kümmern.

Deutscher Kriegsgefangener coacht

Deutschland darf nicht teilnehmen, aber ein Deutscher nimmt doch teil. Es ist der Kriegsgefangene Helmut Bantz, ein ausgezeichneter Turner. Der Bomber-Pilot ist über England abgeschossen und gefangen genommen worden und arbeitet auf einer Farm bei Leicester. Dort findet die britische Turn-Meisterschaft vor den Spielen statt, und Bantz schaut sie sich an. Irgendwie schafft er es, eine Übung zeigen zu dürfen, am Reck. Die Briten, nicht gerade Turncracks, machen Bantz zu einem ihrer Trainer, und so nimmt der Kriegsgefangene Helmut Bantz in britischer Sportkleidung als Betreuer des britischen Turnteams an den Olympischen Spielen 1948 teil. Acht Jahre später wird Bantz bei den Olympischen Spielen von Melbourne die Goldmedaille im Pferdsprung gewinnen und sich gar als 39-Jähriger noch als Ersatzmann für die Spiele 1960 in Rom qualifizieren.
Zatopeks Stern geht auf.

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